Multiple Sklerose: Behandlung mit medizinischem Cannabis

esclerosis multiple

Multiple Sklerose (MS) tritt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Die neurologische Erkrankung verläuft schubförmig, die Symptome sind vielfältig. Zwar können die Standardtherapien die Häufigkeit und Dauer der Schübe verringern, die medikamentösen Therapien sind jedoch nicht frei von starken Nebenwirkungen. Medizinisches Cannabis kann eine nebenwirkungsarme, ergänzende Therapieoption sein, um verschiedene MS-Symptome zu lindern. Dies belegen unterschiedliche Studien.

Die Multiple Sklerose (Polysklerose) ist eine Autoimmunerkrankung bzw. eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der die entzündlichen Vorgänge im Gehirn und im Rückenmark Teile der Nervenfasern zerstören. Dabei schädigen die Abwehrzellen, die eigentlich Erreger und fremde Stoffe angreifen, das körpereigene Gewebe. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper wendet.

Multiple Sklerose: Was sind die Ursachen?

Die genauen Ursachen sind noch nicht endgültig geklärt. Zwar konnte bewiesen werden, dass die Erkrankung durch die entzündlichen Vorgänge im Gehirn und Rückenmark entsteht, warum es dazu kommt, ist aber unklar. Hier scheinen unterschiedliche Faktoren eine Rolle zu spielen, wie der Autoimmunprozess.

Als mögliche Ursache können Infektionen mit Viren (z. B. Herpesviren, Chlamydien oder das Eppstein-Barr-Virus), die den körpereigenen Strukturen ähneln, infrage kommen. Diese könnten auch bei der Entstehung anderer Autoimmunerkrankungen, wie der rheumatoiden Arthritis oder dem systemischen Lupus erythematodes (SLE) der Fall sein.

Darüber hinaus spielen auch die Erbfaktoren eine wichtige Rolle. Verwandte von MS-Patienten tragen ein bis zu 30-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls zu erkranken.

Welche Symptome treten bei der Multiplen Sklerose auf?

Zu den typischen MS-bedingten Symptomen gehören:

Empfindungsstörungen:

  • Kribbeln (Ameisenlaufen) und/oder Taubheitsgefühle in Armen und Beinen
  • schlechte Temperaturwahrnehmung
  • Spannungsgefühle um die Gelenk- und Hüftregion
  • plötzlicher Schlag entlang der Wirbelsäule, wenn der Kopf nach vorne gebeugt wird (Nackenbeugezeichen)

Sehstörungen:

  • schmerzende Augen
  • Schleier vor den Augen
  • Beeinträchtigung der Farberkennung
  • Doppelbilder und/oder Lichtblitze

Muskellähmungen:

  • schnell ermüdende und kraftlose Muskeln
  • angespannte oder steife Muskeln
  • spastische Lähmungen in Armen und/oder Beinen
  • Gesichtslähmungen (Fazialisparese)

Darüber hinaus können weitere Symptome auftreten, wie beispielsweise Geschmacks-, Gleichgewichts- und Sprachstörungen. Ebenso kann es zu Störungen bei der Blasen- und Stuhlentleerung kommen. Auch die Psyche leidet unter der Krankheit. Viele Betroffene entwickeln eine Depression, leiden unter Stimmungsschwankungen oder Schlaflosigkeit.

So vielfältig die Symptome sind, so können auch zahlreiche Auslöser zu einem akuten Schub führen. Besondere Risikofaktoren können Stress, Infektionen, bestimmte Impfungen oder auch Hormonschwankungen sein. Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen, können ebenfalls einen akuten Schub auslösen.

Diagnose und Therapie bei Multipler Sklerose

Wenn der Verdacht auf MS besteht, folgen in der Regel ein Anamnesegespräch sowie eine umfangreiche neurologische Untersuchung, bei der unter anderem die Muskelkraft, Reflexe sowie die Empfindungen getestet werden. Zur Sicherung der Diagnose wird eine Liquorpunktion (Entnahme von Nervenflüssigkeit) durchgeführt. Zusätzlich können auch eine Elektroenzephalografie (EEG) und eine Magnetresonanztomografie (MRT) die Diagnose bestätigen, da mit diesen bildgebenden Verfahren die krankhaft veränderten Entzündungsherde entdeckt werden können.

Da die Multiple Sklerose nicht heilbar ist, ist das Ziel einer Therapie, die akuten Beschwerden zu lindern (symptomatische Therapie) sowie akute Schübe zu behandeln. Außerdem kann mithilfe von Medikamenten versucht werden, die entzündlichen Prozesse zu verringern.

MS-Kranke erhalten hierfür Immuntherapeutika. Dafür kommen Wirkstoffe wie Interferon-beta in der Basistherapie zum Einsatz, wenn die Krankheit mild bis mäßig verläuft. Die Basistherapie kann die Häufigkeit und die Dauer der Schübe verringern, Immuntherapeutika können jedoch starke Nebenwirkungen haben, wie zum Beispiel:

  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Fieber
  • Gliederschmerzen
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit

Sollte die Therapie bei einem Patienten nicht anschlagen oder kommt es zu einer hochaktiven Phase, werden in der Regel Immuntherapeutika mit den Wirkstoffen Natalizumab oder Alemtuzumab verordnet. Diese Arzneimittel enthalten gezielt wirkende Antikörper.

Darüber hinaus kommen bei akuten Schüben auch andere Medikamente wie hoch dosierte Glukokortikoide (Entzündungshemmer) zur Anwendung. Allerdings kann ein akuter Schub nicht immer mit einer Kortison-Therapie gelindert werden. Zudem ist eine Behandlung mit Kortison ebenfalls mit Nebenwirkungen verbunden, worunter die Patient*innen zusätzlich leiden.

Krankheitsverlauf und Prognose

Die MS verläuft zu Beginn schubartig und später chronisch fortschreitend. Der genaue Krankheitsverlauf kann nicht vorhergesagt werden. Dieser ist von Mensch zu Mensch verschieden. Etwa ein Drittel aller Betroffenen im fortgeschrittenen Stadium leben ohne eine größere schwere Behinderung. Bei einem weiteren Drittel zeigen sich nur teilweise Einschränkungen im täglichen Leben und Berufsalltag. Mit einer Berufsunfähigkeit und Pflegebedürftigkeit geht die Erkrankung bei einem weiteren Drittel einher.

Cannabis als Medizin bei Multipler Sklerose

Seit der Entdeckung des Endocannabinoid-Systems im menschlichen Körper vor über 20 Jahren werden auf Cannabis basierende Arzneimittel intensiv erforscht. Bei den Endocannabinoiden handelt es sich um Substanzen, die sich an die Cannabinoid-Rezeptoren (CB1- und CB2-Rezeptoren) binden und den Informationsfluss der Neuronen im ZNS modulieren. Somit können sie verschiedene Funktionen wie Schmerzempfinden, Appetit und Schlaf beeinflussen. Bei Multipler Sklerose konnten Veränderungen im Endocannabinoid-System nachgewiesen werden, sodass die zuvor genannten Funktionen beeinträchtigt werden können.

Nicht nur mit körpereigenen Cannabinoiden (Endocannabinoide), sondern auch mithilfe von den Cannabinoiden (Phytocannabinoide) aus der Cannabis-Pflanze wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (THC) lässt sich das Endocannabinoid-System therapeutisch beeinflussen.

Cannabis-Therapie gegen spastische Symptome

Rund 80 Prozent der Patient*innen leiden unter spastischen Störungen, die Schmerzen verursachen. Dass Cannabinoide bei einer Spastik eine positive Wirkung entfalten können, haben bereits verschiedene Studien gezeigt.

Schweizer Forscher stellten im Jahr 2004 in ihrer Doppelblind-Crossover-Studie fest, dass sich bei 37 von 50 Probanden mit MS die Häufigkeit der Muskelkrämpfe durch eine Behandlung mit einem oral verabreichten standardisierten Cannabis-Extrakt reduzierte [1].

Eine weitere klinische Studie aus Großbritannien hat im Jahr 2007 ebenfalls gezeigt, dass medizinisches Cannabis sich effektiver zeigte als ein Placebo [2]. Zum Einsatz kam hier ein standardisiertes oromukosales Medikament (Mundspray) mit THC und CBD.

Auch US-Forscher untersuchten die Wirkung von Cannabis-Extrakten auf Spastiken und Muskelkrämpfe im Rahmen der MS-Erkrankung und konnten einen positiven Effekt bestätigen [3].

Aktuellere Studien zeigen ebenfalls, dass MS-Patienten von cannabisbasierten Medikamenten profitieren können. Im April 2017 berichteten neuseeländische Forscher über Patienten mit MS, die auf eine Behandlung mit Standard-Medikamenten unzureichend ansprachen. Nachdem ihnen 12 Wochen lang das Mundspray Sativex (THC/CBD) verabreicht wurde, besserten sich die spastischen Symptome [4].

Wichtige Information: Das Mundspray Sativex ist für die MS-Therapie zugelassen. Die Krankenkassen sind also zur Kostenübernahme verpflichtet, sodass keine vorherige Genehmigung bzw. ein Antrag erforderlich ist.

Medizinische Cannabinoide gegen Schmerzen

Der Großteil der Patienten leidet unter starken Schmerzen – sei es aufgrund einer Spastik oder der Entzündungen des Nervengewebes. Dass Cannabis als Medizin bei chronischen Schmerzen eine vorteilhafte Wirkung entfalten kann, ist hinlänglich bekannt. Auch bei Schmerzen, die bei Multipler Sklerose auftreten, konnten Untersuchungen zeigen, dass Medizinalcannabis in Form von Fertig- oder Rezepturarzneimitteln oder aber medizinischen getrockneten Cannabisblüten wirksam sein kann [5].

Cannabidiol (CBD) gegen Entzündungen

Die Forschung nimmt als Grund für die medizinische Wirkung von Cannabis bei MS-bedingten Spasmen und Muskelkrämpfen an, dass das nicht-psychoaktive Cannabinoid CBD vermutlich in der Lage ist, Nervenentzündungen zu mindern. In einer israelischen Studie aus dem Jahr 2011 zeigten die Forscher an Mäusen mit einem MS-ähnlichen Zustand, dass sie nach der Gabe von hoch konzentriertem CBD ihre steifen Beine wieder bewegen konnten und weniger Entzündungen aufwiesen [6].

Im Jahr 2017 berichteten die gleichen israelischen Forscher darüber, dass entzündungsfördernde Astrozyten (sternförmige Nervenzellen) an nahezu allen Gehirnfunktionen beteiligt sind und dass sie mit dem Endocannabinoid-System interagieren. Nach der Auswertung von gesammelten Daten erklärten die Forscher, dass die Aktivität der Astrozyten vermutlich durch die Gabe von CBD verringert werden kann [7]. Dies könnte sich positiv auf den Krankheitsverlauf bei MS, Alzheimer und Epilepsie auswirken. Allerdings fehlen hier noch klinische Forschungen, um diese Annahmen zu bestätigen.

MS-Patient*innen mit schwerer Spastik erzielten Therapieerfolg mit Sativex

Ein Forscherteam untersuchte im Jahr 2010 die Wirksamkeit von Sativex oder Placebo bei 337 Patient*innen mit therapieresistenter Spastik in Folge von Multipler Sklerose. Sativex ist ein Mundspray mit THC und CBD. Die Teilnehmenden stuften die Stärke der Spastik mithilfe einer numerischen Rating-Skala (NRS) von 0 bis 10 Punkten ein. Ein Ansprechen auf die Therapie definierten die Wissenschaftler*innen als eine Reduktion der Spastik um mindestens 30 Prozent. Es zeigte sich, dass bei Anwendung des Mundsprays die Stärke der Beschwerden um -1,3 Punkte abnahm im Vergleich zu -0,8 Punkten bei Betroffenen aus der Placebogruppe. 36 Prozent der Personen aus der Sativex-Gruppe sprachen auf die Therapie an. In der Placebogruppe waren es nur 24 Prozent. Das Medikament war dabei gut verträglich. Es traten lediglich leichte bis mittelschwere Nebenwirkungen auf.

Die Ergebnisse zeigen, dass Sativex eine wirksame Zusatztherapie bei MS-Patient*innen mit schwerer Spastik ist [8]. Basierend auf den positiven Ergebnissen dieser und weiterer großer klinischer Studien mit MS-Patient*innen wurde Sativex im Juli 2011 in Deutschlandzugelassen. Ein Marktbericht aus dem Jahre 2019 zeigte, dass Sativex mittlerweile in 21 europäischen Staaten verfügbar und damit das Cannabinoid-basierte Medikament mit den meisten Zulassungen ist [9].

Placebokontrollierte Studie: Sativex-Spray wirksam als Zusatztherapie

Ein internationales Team aus Wissenschaftler*innen aus Tschechien, Spanien und Deutschland veröffentlichte 2019 eine placebokontrollierte Studie (Salvant-Studie: Sativex as Add-on therapy Vs. Futher optimized first-line ANTispastics) zur Cannabinoidtherapie bei MS-Betroffenen mit mittelschweren bis schweren Spastiken. Untersucht wurde die Effektivität von Sativex als Zusatztherapie zu herkömmlichen krampflösenden Medikamenten. Die Studie bestand aus zwei Abschnitten: In der ersten 4-wöchigen Phase erhielten 191 Teilnehmende das Cannabinoid-Spray, um Patient*innen zu erkennen, die davon profitierten. Durch das Cannabinoid-Spray ging bei diesen Personen die Spastik gemessen auf einer numerischen Rating-Skala (NRS) von 0-10 um mindestens 20 Prozent zurück. Etwas mehr als die Hälfte (106 Personen) sprachen auf Sativex an und begannen die doppelblinde Studienphase: Jeweils 53 Personen nahmen für zwölf Wochen entweder Sativex oder ein Scheinmedikament zusätzlich zur Optimierung der übrigen antispastischen Medikamente.

Nach 12 Wochen wurde untersucht, welche Patient*innen klinisch signifikant profitieren, also die Spastik um mindestens 30 Prozent abnahm: Unter Sativex gingen spastische Beschwerden bei etwa dreiviertel (77,4 Prozent) deutlich zurück, verglichen mit nur einem Drittel (32,1 Prozent) in der Placebogruppe. Sativex besserte auch weitere Beschwerden: Die durchschnittlichen Werte für Spastik, eingestuft mit der Ashworth-Skala, und Schmerzen waren unter dem Spray signifikant reduziert. Nebenwirkungen der Cannabistherapie waren leicht bis mittelschwer.

Insgesamt kam das wissenschaftliche Team zum Schluss, dass Sativex bei resistenter Spastik bei MS – zusätzlich zur Therapieoptimierung der antispastischen Standardtherapie – zu besserer und signifikanterer Beschwerdelinderung führt als eine Anpassung der Standardmedikation alleine [10].

Signifikante Besserung schwerer Spastik

Deutsche und spanische Wissenschaftler*innen veröffentlichten 2020 eine sogenannte Post-hoc-Analyse, also statistische Auswertung der SALVANT-Studie. Ziel des Forscherteam war zu klären, wie patientenindividuelle Unterschiede – Behindertenstatus, Schwere und Dauer der Spastik – den Therapieerfolg von Sativex bzw. Placebo beeinflusst haben könnten. Die Schwere von Spastik und Schmerzen, gemessen auf der Numerischen Rating-Skala wurden im gesamten Therapieverlauf untersucht.

Patient*innen wurden in verschiedene Untergruppen aufgeteilt, die separat statistisch ausgewertet wurden:

  • EDSS (Expanded disability status scale): Behinderungsstatus durch MS
  • Schwere der Spastik: weniger stark (NRS 4 – 6), stark (NRS über 6)
  • Dauer der Spastik: weniger als 5 Jahre, mindestens 5 Jahre

Statistische Daten bestätigten die Effektivität von Sativex: Bei allen Teilnehmenden konnte das Cannabinoidspray die durchschnittlichen NRS-Werte für Spastik und Schmerzen halbieren. Die Wissenschaftler*innen zogen das Fazit, dass Sativex über alle Untergruppen hinweg schwere spastische Beschwerden lindert.

Statistisch waren die Erfolgsaussichten der Cannabinoidbehandlung umso größer, je schwerer die Patient*innen betroffen waren: Bei moderater Spastik profitierten in der SALVANT-Studie zahlenmäßig mehr Teilnehmende von Sativex als von Placebo. Statistisch signifikante Besserungen konnten bei Personen mit schwerer Spastik festgestellt werden. Mit Spastik verbundene Schmerzen besserten sich oft ähnlich in den Untergruppen [11].

Cannabinoide in der Langzeittherapie effektiv und sicher

In einer 2012 veröffentlichten offenen Verlaufsstudie wurde die langfristige Sicherheit und Toleranz von Sativex bei 146 MS-Patient*innen mit Spastik untersucht. Das englische Forscherteam erfasste Häufigkeit und Schwere der Nebenwirkungen. Die durchschnittliche Anwendungszeit betrug 334 Tage mit Streuungen von einem Tag und bis zu 2,2 Jahren. Insgesamt 59 Patient*innen (40 %) nahmen Sativex länger als ein Jahr ein.

Am häufigsten wurden leichte bis moderate Nebenwirkungen beobachtet, wobei Schwindel (24,7 %), Fatigue (12,3 %) und Kopfschmerzen am meisten auftraten. Über schwerwiegende Nebenwirkungen berichteten fünf Personen (3,4 %). So erlitt einer der Teilnehmenden psychiatrische Nebenwirkungen. Die meisten unerwünschte Effekte gingen nach Absetzen der Behandlung innerhalb von 30 Tagen zurück und es traten keine Entzugssymptome auf. Auch die Symptomatik verschlechterte sich nach Absetzen von Sativex nicht gegenüber dem Ausgangszustand.

Die individuell benötigte Cannabinoiddosis variierte bei den Betroffenen, blieb jedoch annähernd konstant, sobald sie einmal optimal eingestellt ist. Die meisten Patient*innen entwickelten also keine Toleranz und auch die Dosierung der übrigen antispastischen Medikation blieb annähernd unverändert. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, das Cannabinoide auch in der Langzeitbehandlung von MS sicher und effektiv eingesetzt werden können. Dagegen können andere orale Antispastika wie Baclofen, Benzodiazepine, Tizanidin oder Dantrolen wegen therapielimitierender Nebenwirkungen oft nur begrenzt eingesetzt werden [12]. Sie müssen häufig relativ hoch dosiert werden, was Nebenwirkungen wie Muskelschwäche mit sich bringen kann [13].

Placebokontrollierte Studie: Dronabinol sicher zur Langzeittherapie von Nervenschmerzen

Viele MS-Patient*innen leiden an neuropathischen Schmerzen. Antineuropathische Medikamente (z. B. Trizyklische Antidepressiva, Kalziumkanalblocker, Opioide) bringen oft starke Nebenwirkungen mit sich und lindern die Schmerzen oft unzureichend. Viele Studien untersuchen daher Cannabis als weitere medikamentöse Therapieoption bei Nervenschmerzen.

Ein deutsches Forscherteam untersuchte in einer 2017 veröffentlichten Doppelblindstudie das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Langzeitbehandlung von neuropathischen Schmerzen mit Dronabinol (synthetisch hergestelltes THC). 240 an MS erkrankte Patient*innen mit zentralen neuropathischen Schmerzen nahmen an der zwischen Juni 2007 und März 2010 durchgeführten Studie teil. Nach dem Zufallsprinzip erhielten 124 Betroffene Dronabinol und 116 Personen ein Scheinmedikament.

Die Studie bestand aus drei Abschnitten:

  • Placebokontrollierte Studienphase: 16 Wochen, einschließlich 4-wöchiger Dosiseinstellung
  • Offene Studienphase: 32 Wochen
  • Nachbeobachtungsphase (Follow-up): 96 Wochen mit einer Untergruppe von Patienten, wobei 100 Patienten die Studie bis zu 119 Wochen fortsetzten

Die Wissenschaftler*innen untersuchten die Änderung der Schmerzstärke, gemessen auf einer numerischen Rating-Skala (NRS) von 0 bis 10 während der 16-wöchigen Doppelblindstudie. Zusätzlich wurde das Sicherheitsprofil von Dronabinol (unerwünschte Wirkungen, Missbrauch und Abhängigkeit) untersucht.

Die Studie zeigt eine klinisch relevante Linderung der Schmerzen sowohl beim Placebo als[GR1]  auch bei Dronabinol (Dronabinol um 1,92 und Scheinmedikament um 1,81), ohne dass zwischen den beiden Gruppen statistisch ein Unterschied besteht. Auch in der Nachbeobachtungsphase unter Dronabinol blieb die Schmerzstärke konstant niedrig bei 2,5 bis 3,8. In der doppelblinden Phase stieg die Lebensqualität in beiden Therapiegruppen deutlich.

Patient*innen, die Dronabinol einnahmen, berichteten vermehrt über Nebenwirkungen: Am häufigsten waren dies Benommenheit, Schwindel, Fatigue und Mundtrockenheit. Schwerwiegende Nebenwirkungen waren selten: Drei Personen erlitten Dysphorie, Verstopfung und Schmerzverstärkung. Bei längerfristiger Einnahme bildet sich eine Toleranz gegenüber vielen unerwünschte Nebenwirkungen, sodass Dronabinol langfristig gut verträglich ist. Die meisten Nebenwirkungen traten während der 4-wöchigen Dosisfindung auf. Die Verträglichkeit von Dronabinol wurde von den meisten Patient*innen als gut bewertet: In der doppelblinden Phase beurteilten 84,5 Prozent und in der offenen Phase 85,2 Prozent der Teilnehmenden die Cannabinoidtherapie als gut verträglich. Dieser Anteil stieg in der Nachbeobachtungsphase auf 93 Prozent. Im Schnitt wurde Dronabinol für 382 Tage, also knapp über einem Jahr eingenommen.

Der Großteil der Teilnehmenden hielt nach erfolgter Dosiseinstellung die Dronabinoldosierung konstant. Dies deutet darauf hin, dass eine Toleranzentwicklung gegenüber therapeutischen Wirkungen ausbleibt: 63 Personen blieben bei der gleichen Dosierung und 24 Personen reduzierten sie im Studienverlauf. Lediglich 19 Personen erhöhten vorübergehend die Dosierung. Befürchtungen zu Abhängigkeits- und Missbrauchspotenzial von Dronabinol sind meist unbegründet: Lediglich eine Person zeigte in der Nachbeobachtungsphase leichte Anzeichen einer Cannabisabhängigkeit. Missbrauchsfälle traten nicht auf. Die meisten Teilnehmer*innen konnten Dronabinol nach Studienende problemlos absetzen: Lediglich 6 Personen der offenen Studien und 4 Personen der Langzeitstudie hatten mit Entzugserscheinungen zu kämpfen. Dazu gehörten Schlafstörungen, Nervosität und eine Schmerzverstärkung nach Behandlungsabbruch.

Insgesamt belegt die Studie, dass Dronabinol gut verträglich und sicher ist. Neuropathische Schmerzen können lang anhaltend gelindert werden, wobei eine signifikante Schmerzlinderung gegenüber Placebo bisher nicht belegt werden konnte. Da andere Neuropathiemedikamente oft nicht wirksamer sind und ebenfalls Nebenwirkungen mit sich bringen, kann Dronabinol eine vielversprechende Therapieoption sein: Durch schmerzlindernde, sedierende, krampflösende, entzündungshemmende und angstlösende Effekte kann Dronabinol auf vielfältige Weise Beschwerden lindern. “Insgesamt sollte der Arzt aufgrund der vielfältigen Nebenwirkungen der verschiedenen Behandlungsoptionen eine Einzelfallentscheidung treffen, insbesondere bei Kombinationstherapien [14]”.[ML2] 

Fazit

Die bisherigen Studienergebnisse zu der Wirkungsweise von Cannabis als Medizin bei den im Rahmen der Multiplen Sklerose auftretenden Beschwerden wie Spasmen, chronische Schmerzen und Entzündungen sind für Patienten ermutigend. Aus zahlreichen Erfahrungsberichten von Patient*innen, die eine Cannabis-Behandlung in Anspruch nehmen, ist bekannt, dass Medizinalcannabis die Symptome lindern kann. Außerdem berichten sie häufig darüber, dass sich ihre Schlafqualität und auch insgesamt ihre Lebensqualität bessert. Darüber hinaus ist die Multiple Sklerose eine der wenigen gesicherten Indikationen für den Einsatz von medizinischem Cannabis.

Aktuelle Studien zeigten, dass Cannabinoide, Spasmen und Schmerzen bei MS-Patient*innen bei gutem Sicherheitsprofil langfristig lindern können. Eine signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo ist allerdings derzeit nicht belegt. Dennoch können Cannabinoide angesichts der begrenzten Wirksamkeit und der Nebenwirkungen etablierter antineuropathischer Medikamente wie Pregabalin und Opioiden, eine wichtige zusätzliche Therapieoption zur Beschwerdelinderung und Steigerung der Lebensqualität sein.

Quellen:

[1] Berner Klinik, Schweiz, 2004, C Vaney et al., „Efficacy, Safety and Tolerability of an Orally Administered Cannabis Extract in the Treatment of Spasticity in Patients With Multiple Sclerosis: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Crossover Study

[2] Department of Neurorehabilitation, UK, Collin C1 et al., 2007, “Randomized controlled trial of cannabis-based medicine in spasticity caused by multiple sclerosis

[3] Global Neuroscience Initiative Foundation, USA, Shaheen E Lakhan, Marie Rowland1, 2009, “Whole plant cannabis extracts in the treatment of spasticity in multiple sclerosis: a systematic review

[4] Springer, Private Bag 65901, New Zealand, Keating GM1, 2017, “Delta-9-Tetrahydrocannabinol/Cannabidiol Oromucosal Spray (Sativex®): A Review in Multiple Sclerosis-Related Spasticity

[5] PharmIdeas Research & Consulting Inc., Canada, Iskedjian M1 et al., 2007, “Meta-analysis of cannabis based treatments for neuropathic and multiple sclerosis-related pain

[6] Sackler School of Medicine, Tel Aviv University, Tel Aviv, Israel, Kozela E1 et al., 2011, “Cannabidiol inhibits pathogenic T cells, decreases spinal microglial activation and ameliorates multiple sclerosis-like disease in C57BL/6 mice

[7] Sackler School of Medicine, Tel Aviv University, Tel Aviv, Israel, Kozela E1 et al.,2017, “Modulation of Astrocyte Activity by Cannabidiol, a Nonpsychoactive Cannabinoid

[8] Collin C, Ehler E, Waberzinek G, et al. A double-blind, randomized, placebo-controlled, parallel-group study of Sativex, in subjects with symptoms of spasticity due to multiple sclerosis. Neurol Res. 2010;32(5):451-459. doi:10.1179/016164109X12590518685660

[9] Developments in the European cannabis market; EMCDDA, Lisbon, June 2019 doi:10.2810/769499.

[10] Markovà J, Essner U, Akmaz B, et al. Sativex® as add-on therapy vs. further optimized first-line ANTispastics (SAVANT) in resistant multiple sclerosis spasticity: a double-blind, placebo-controlled randomised clinical trial. Int J Neurosci. 2019;129(2):119-128. doi:10.1080/00207454.2018.1481066

[11] Meuth SG, Henze T, Essner U, Trompke C, Vila Silván C. Tetrahydrocannabinol and cannabidiol oromucosal spray in resistant multiple sclerosis spasticity: consistency of response across subgroups from the SAVANT randomized clinical trial. Int J Neurosci. 2020;130(12):1199-1205. doi:10.1080/00207454.2020.1730832

[12] Serpell MG, Notcutt W, Collin C. Sativex long-term use: an open-label trial in patients with spasticity due to multiple sclerosis. J Neurol. 2013 Jan;260(1):285-95. doi: 10.1007/s00415-012-6634-z. Epub 2012 Aug 10. PMID: 22878432.

[13] Platz T. et al., Therapie des spastischen Syndroms, S2k-Leitlinie, 2018, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie.

[14]  Schimrigk S, Marziniak M, Neubauer C, Kugler EM, Werner G, Abramov-Sommariva D. Dronabinol Is a Safe Long-Term Treatment Option for Neuropathic Pain Patients. Eur Neurol. 2017;78(5-6):320-329. doi:10.1159/000481089

About Minyi Lü

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als Pharmazeutin im Praktikum bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.

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