HIV-positiv und trotzdem mitten im Leben

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In westlichen Industrienationen ist das „Acquired Immune Deficiency Syndrom“ – kurz Aids – längst kein Todesurteil mehr. Die Krankheit wird durch das Humane Immunschwäche-Virus (HIV) ausgelöst und ist durch Medikamente gut beherrschbar: Wer rechtzeitig und regelmäßig mit antiviralen Wirkstoffen behandelt wird, darf heute mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung bei guter Lebensqualität rechnen. Cannabinoide können unterstützen, Symptome lindern und gegen die Nebenwirkungen der Therapie helfen.

„Gib Aids keine Chance“ schreibt Erfolgsgeschichte

Wohl kaum eine Erkrankung prägte die Medienlandschaft der westlichen Welt in den 80-er Jahren so stark wie das erworbene Immundefektsyndrom mit Namen Aids [1]. Mit der Erkenntnis, dass eine Übertragung von HIV über infizierte Körperflüssigkeiten (z.B. Blut, Sperma und Vaginalsekret) erfolgt, starteten zahlreiche Aufklärungs- und Präventionskampagnen. Die in Deutschland wohl bekannteste trägt den Titel „Gib Aids keine Chance“ und wurde bereits 1987 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) initiiert [2]. Mittlerweile wurde sie durch die Kampagne „LIEBESLEBEN“ ersetzt [3]. Im Zentrum steht die Aufforderung zu „Safer Sex“, d.h. zum mit Kondom geschützten Geschlechtsverkehr. Darüber hinaus ist die Aidsprävention seit vielen Jahren Pflichtthema an weiterführenden Schulen.

Globale Bedeutung der Krankheit HIV/Aids

Auch wenn die Vermehrung des HI-Virus im menschlichen Körper durch Virostatika verlangsamt werden kann, bleibt die Krankheit eine globale Herausforderung. Weltweit waren im Jahr 2020 rund 37,7 Millionen Menschen mit HIV infiziert [4]. Davon leben zwei Drittel in der Subsahara. Dort ist auch der Zusammenhang mit der Corona-Pandemie am markantesten: Studien aus England und Südafrika gehen davon aus, dass Menschen, die an HIV erkrankt sind, ein doppelt so hohes Risiko tragen, an Covid-19 zu versterben. Darüber hinaus hatte Mitte 2021 weltweit der größte Anteil derer, die an einer HIV-Infektion leiden, keinen Zugang zu Covid-Impfstoffen [5].

Medikamente halten das HI-Virus in Schach

In Deutschland lebten Ende 2020 rund 91.400 Menschen mit einer HIV-Infektion. 79.300 Betroffene wurden mit Virostatika behandelt [6]. Antivirale Medikamente stellen den Kern der Behandlung dar – sie unterdrücken die Vermehrung der Viren im Körper. In der Regel werden mehrere Medikamente miteinander kombiniert („Kombinationstherapie“ [7]), insgesamt stehen etwa 20 verschiedene antivirale Arzneimittel zur Verfügung.

Virostatika unterscheiden sich in ihrer Wirkweise:

  • Einige Medikamente sorgen dafür, dass das Virus gar nicht erst in die menschlichen Zellen eindringen kann.
  • Andere Stoffe sorgen für eine stabile Abwehr innerhalb der Zellen.
  • Eine weitere Gruppe verhindert die Vermehrung der Viren.

In der Regel nehmen Betroffene ein bis zwei Tabletten pro Tag zu sich. Wichtig ist, dass die Behandlung frühzeitig beginnt und in einer spezialisierten Schwerpunktpraxis oder Klinikambulanz erfolgt. Auch eine regelmäßige Einnahme der Arzneimittel ist unabdingbar. Blutkontrollen finden etwa alle drei Monate statt. Zwei Parameter sind besonders aussagekräftig:

Viruslast: Damit ist die Zahl der Viruskopien pro Millimeter Blutplasma gemeint. Je stärker sich das HI-Virus vermehrt, desto mehr hat das Immunsystem zu kämpfen. Virostatika haben das Ziel, die Viruslast so weit zu senken, dass HIV mit den üblichen Verfahren nicht mehr nachweisbar ist. Bereits bei einer Viruslast von weniger als 200 Viruskopien pro Millimeter Blut sind die Betroffenen sexuell nicht mehr infektiös.

Die Viruslast schwankt mitunter: Zu Beginn der Infektion ist sie in den meisten Fällen recht hoch, sinkt bei Therapieerfolg aber ab. Infektionen oder Impfungen können zu einer kurzfristigen Steigerung der Viruslast führen.

Helferzellen: Diese Marker geben Auskunft, wie stark das Immunsystem bereits durch die Infektion geschädigt wurde. Je weniger Helferzellen vorhanden sind, desto anfälliger ist der Mensch für bestimmte Infektionen. HIV-Infizierte, deren Blut weniger als 200 Helferzellen pro Milliliter Blut aufweist, haben ein erhöhtes Risiko für sogenannte Aids-definierende Erkrankungen.

Wer an HIV erkrankt ist, die antivirale Therapie aber nicht konsequent durchführt, schwächt sein Immunsystem immens. Es kommt zum sogenannten „Vollbild Aids“, mit lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Lungenentzündungen, Pilzinfektionen der oberen Atemwege, Tuberkulose oder einem Zervixkarzinom.

Gutes Leben trotz HIV-Infektion

Obwohl die Therapiefortschritte enorm sind, ist eine Infektion mit HIV auch heute noch nicht heilbar. Trotzdem ist bei zielgerichteter Behandlung ein nahezu normales Leben möglich. Gerade junge Betroffene können mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung rechnen. Die belegt unter anderem eine Metaanalyse der Universität Bristol aus dem Jahr 2017 [8]: Zwischen 1996 und 2013 stieg die Lebenserwartung eines 20-jährigen Mannes, der HIV-positiv ist und antiretroviral behandelt wird, um zehn Jahre. Bei einer gleichaltrigen Frau sind es immerhin noch neun Jahre.

Ausgewertet wurden dabei Daten aus Nordamerika und Europa. Die Forscher führen das Ergebnis auf eine im Zeitverlauf bessere Wirksamkeit und Verträglichkeit der Medikamente sowie eine gestiegene Compliance bei den Betroffenen zurück. Darüber hinaus treten weniger Resistenzen gegen die Arzneimittel auf. Nicht zuletzt haben sich auch die Prävention und das Screening z.B. bei Krebs- und Herzkreislauf-Erkrankungen verbessert – sowie die Behandlung bei HIV-assoziierten gesundheitlichen Problemen.

Medizinisches Cannabis und Aids

Medizinalcannabis hat keinen direkten Einfluss auf eine HIV-Infektion und den Krankheitsverlauf an sich. Als Behandlung von bestimmten Symptomen oder Nebenwirkungen der Therapie haben Cannabinoide aber durchaus ihren Sinn. So kam eine Studie Londoner Forscher zu dem Ergebnis, dass Cannabis den Appetit steigert (97 Prozent der Befragten) sowie Muskelschmerzen (94 Prozent), Übelkeit (93 Prozent), Nervenschmerzen (90 Prozent), Angstzustände (93 Prozent), Parästhesien (85 Prozent) und Depressionen (86 Prozent) verbessert wurden [9].

Weitere Forschungsergebnisse belegen eine Verbesserung von Übelkeit durch die Therapie mit medizinischem Cannabis [10]. Darüber hinaus ist die Wirkung von Medizinalcannabis bei Depressionen [11]und Schlafstörungen [12] wissenschaftlich bestätigt.

Nicht zuletzt finden Cannabinoide bei der Reduktion von Symptomen sogenannter Aids-definierter Erkrankungen Anwendung. An erster Stelle ist die Kachexie, ein unkontrollierbarer Gewichtsverlust zu nennen. Kachexie tritt im Rahmen chronischer Virusinfekte, aber auch bei Autoimmunerkrankungen oder Krebs auf. Die Patient*innen leiden z.B. an verringerter Muskelkraft, einem erniedrigten Fettfreien-Masse-Index, Müdigkeit, Appetitverlust und Veränderungen im Blutbild [13]. Die Forschung geht heute davon aus, dass entzündliche Prozesse zu Irritationen in der Energieversorgung des menschlichen Körpers führen. In der Regel ist die Nahrungsaufnahme reduziert, der Ruhe-Energieverbrauch („Grundumsatz“) aber erhöht. Die Folge ist eine negative Energiebilanz – die Betroffenen verlieren an Gewicht, weil mehr Energie verbraucht als zugeführt wird. 

Tetrahydrocannabinol hat appetitanregende Wirkung

Das Endocannabinoid-System ist für die Steuerung der Nahrungsaufnahme, für den Energiehaushalt und den Stoffwechsel im menschlichen Körper verantwortlich. Tetrahydrocannabinol (THC), der psychotrope Wirkstoff der Cannabis-Pflanze, hat eine appetitanregende Wirkung und stimuliert das menschliche Belohnungssystem. Der Hintergrund: THC produziert in bestimmten Zellen Endorphine, welche die Lust auf Essen und den Genuss an der Nahrungsaufnahme steigern [14]. Aufgrund dieses Wirkprinzips kann eine Therapie mit medizinischem Cannabis Menschen, die an Kachexie leiden, zu mehr Appetit und Lebensqualität verhelfen.

Die komplexen entzündlichen Prozesse, die mit einer Kachexie einhergehen, sind noch nicht abschließend erforscht. Aktuelle Studien [15] machen trotzdem Mut: 2015 kam ein Forscherteam in einer Metaanalyse zu dem Ergebnis, dass Dronabinol (THC) und medizinische Cannabisblüten im Vergleich mit einem Placebo zur Gewichtszunahme bei an HIV-Erkrankten führte.

Unterstützende Behandlung bei HIV-Infektion

Wer über die antiretrovirale Therapie hinaus etwas für sein Immunsystem tun möchte, hat viele Möglichkeiten: So stärken Sport und Bewegung das körpereigene Abwehrsystem. Besonders geeignet sind moderate Ausdauersportarten wie Schwimmen, Nordic Walking, Joggen, Rudern oder im Winter auch Langlauf. Auch Stressreduktion – z.B. durch Entspannungspraktiken – hat eine ausgleichende Wirkung und stärkt die Abwehr.

Aids/HIV: Weiterhin viel Aufklärung nötig

1988 rief die WHO den ersten Welt-Aids-Tag aus. Seitdem erinnern jeden 1. Dezember verschiedene Organisationen auf der ganzen Welt an das Thema Aids und rufen zur Solidarität mit HIV-Infizierten und ihren Familien auf.

Dass es auch nach vierzig Jahren mit der Immunschwächekrankheit immer noch viel Aufklärungsbedarf gibt, zeigt das Motto des Welt-Aids-Tags 2021: „Ungleichheiten beenden. Aids beenden. Pandemien beenden.“ [16] Die Organisator*innen beklagen die Diskriminierung und Stigmatisierung der Betroffenen sowie auf globaler Ebene den mangelnden Zugang zu Medikamenten.

Quellen:
[1] Aids-Geschichte als Gefühlsgeschichte | APuZ (bpb.de). (Zugriff am 08.02.2022)
[2] HIV Geschichte: rückblickende Informationen / LIEBESLEBEN (Zugriff am 08.02.2022)
[3] Aus „Gib AIDS keine Chance“ wird „LIEBESLEBEN“ | Deutsche Aidshilfe (Zugriff am 08.02.2022)
[4] Fact sheet – Latest global and regional statistics on the status of the AIDS epidemic. (unaids.org) (Zugriff am 08.02.2022)
[5] ebd
[6] HIV-Zahlen und AIDS-Statistik in Deutschland und weltweit (aidshilfe.de) (Zugriff am 08.02.2022)
[7] Behandlung von HIV ist möglich und erfolgreich | Deutsche Aidshilfe (Zugriff am 08.02.2022)
[8] Fast normale Lebenserwartung für Menschen mit HIV dank medizinischem Fortschritt | Deutsche AIDS-Hilfe (aidshilfe.de) (Zugriff am 08.02.2022)
[9] Woolridge E, Barton S, Samuel J, Osorio J, Dougherty A, and Holdcroft A (2005) Cannabis use in HIV for pain and other medical symptoms. J Pain Symptom Manage 29:358–367.
[10] De Jong BC, Prentiss D, McFarland W, Machekano R, Israelski DM. Marijuana use and its association with adherence to antiretroviral therapy among HIV-infected persons with moderate to severe nausea. J Acquir Immune Defic Syndr. 2005 Jan 1;38(1):43-6. doi: 10.1097/00126334-200501010-00008. PMID: 15608523.
[11] Linge R, Jiménez-Sánchez L, Campa L, Pilar-Cuéllar F, Vidal R, Pazos A, Adell A, Díaz Á. Cannabidiol induces rapid-acting antidepressant-like effects and enhances cortical 5-HT/glutamate neurotransmission: role of 5-HT1A receptors. Neuropharmacology. 2016 Apr;103:16-26. doi: 10.1016/j.neuropharm.2015.12.017. Epub 2015 Dec 19. PMID: 26711860.
[12] Choi S, Huang BC, Gamaldo CE. Therapeutic Uses of Cannabis on Sleep Disorders and Related Conditions. J Clin Neurophysiol. 2020 Jan;37(1):39-49. doi: 10.1097/WNP.0000000000000617. Erratum in: J Clin Neurophysiol. 2020 Sep;37(5):466-467. PMID: 31895189.
[13] Aktuelle Ernährungsmedizin 2013; 38(02): 97-111 DOI: 10.1055/s-0032-1332980 DGEM-Leitlinie Klinische Ernährung, Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York.
[14] Koch M, Varela L, Kim JG, Kim JD, Hernández-Nuño F, Simonds SE, Castorena CM, Vianna CR, Elmquist JK, Morozov YM, Rakic P, Bechmann I, Cowley MA, Szigeti-Buck K, Dietrich MO, Gao XB, Diano S, Horvath TL. Hypothalamic POMC neurons promote cannabinoid-induced feeding. Nature. 2015 Mar 5;519(7541):45-50. doi: 10.1038/nature14260. Epub 2015 Feb 18. PMID: 25707796; PMCID: PMC4496586.[15] Whiting PF, Wolff RF, Deshpande S, Di Nisio M, Duffy S, Hernandez AV, Keurentjes JC, Lang S, Misso K, Ryder S, Schmidlkofer S, Westwood M, Kleijnen J. Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA. 2015 Jun 23-30;313(24):2456-73. doi: 10.1001/jama.2015.6358. Erratum in: JAMA. 2015 Aug 4;314(5):520. Erratum in: JAMA. 2015 Aug 25;314(8):837. Erratum in: JAMA. 2015 Dec 1;314(21):2308. Erratum in: JAMA. 2016 Apr 12;315(14):1522. PMID: 26103030.
[16] Welt-Aids-Tag / Welt-AIDS-Tag (Zugriff am 08.02.2022)

About Mirjam Hübner

Mirjam Hübner ist Diplom-Journalistin und arbeitet als Redakteurin und Kommunikationstrainerin. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus und Unternehmenskommunikation, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Finanzdienstleistung.