Endometriose und das Endocannabinoid-System

Endometriose – das bedeutet für die betroffenen Frauen starke Schmerzen und Unterleibskrämpfe, schmerzhafte Regelblutungen sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Die Erkrankung ist sehr belastend und zieht häufig andere Leiden nach sich wie Schlaflosigkeit und depressive Verstimmungen. Kann Cannabis als Medizin helfen?

Endometriose – was ist das?

Nach Schätzungen sind zwei bis zehn Prozent aller Frauen in Deutschland von der Erkrankung betroffen. Allerdings ist die Dunkelziffer hoch, denn oftmals verläuft die Endometriose beschwerdefrei.

Am häufigsten erkranken Frauen zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr. Da das Leiden hormonabhängig ist, bessern sich die Beschwerden mit der Menopause. Endometriose ist eine chronische Erkrankung, als Behandlungsmöglichkeiten stehen eine Operation, Medikamente oder Hormonpräparate zur Auswahl. Diese Therapieoptionen wirken aber häufig nicht ausreichend oder gehen mit unerwünschten Nebeneffekten einher.

Bei einer Endometriose siedelt sich gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle an. Diese Schleimhautinseln unterliegen dem hormonellen Zyklus und können im gesamten Körper auftreten.

Ursachen und Risikofaktoren 

Bis heute sind die genauen Ursachen einer Endometriose nicht geklärt. Es gibt jedoch diverse Erklärungsansätze, die in Fachkreisen diskutiert werden. Aufgrund der familiären Häufung gehen Medizinerinnen und Mediziner davon aus, dass die Erkrankung auch genetische Ursachen hat. Weitere Risikofaktoren für die Entstehung einer Endometriose sind ein früher Beginn der Regelblutung (zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr) und eine späte Menopause, kurze Menstruationszyklen sowie eine späte erste Schwangerschaft.

Symptome der Endometriose

Endometriose-Patientinnen leiden sowohl unter zyklusabhängigen wie auch zyklusunabhängigen Symptomen. Die Zellen, die sich aufgrund der Erkrankung außerhalb der Gebärmutter angesiedelt haben, reagieren ebenso wie das Gewebe der Gebärmutter auf den hormonellen Zyklus. Dadurch kommt es zu zyklusabhängigen Beschwerden, wie eine schmerzhafte Regelblutung (Dysmenorrhoe).

Darüber hinaus kann es zu Unregelmäßigkeiten beim Zyklus kommen. Dies sind beispielsweise: 

  • Schmierblutungen
  • ein verlängerter Zyklus
  • Zwischenblutungen
  • eine außergewöhnlich starke Regelblutung

Die betroffenen Frauen leiden häufig ebenfalls an zyklusunabhängigen Beschwerden. Dauerhafte Unterleibsschmerzen gehen auf Zysten oder Verwachsungen im Bauchraum zurück. Folgen einer Endometriose können auch Sterilität, Probleme beim Wasserlassen sowie der Darmentleerung sein. Besonders belastend sind eventuelle Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, deren Ursache meist Endometrioseherde in der Vagina sind.

Die Schmerzen und die anderen Beschwerden, mit denen die Krankheit einhergeht, sind in einigen Fällen so intensiv, dass die Betroffenen stark im Alltag eingeschränkt sind. Schlaflosigkeit und psychische Probleme können ebenfalls als Folgen einer Endometriose auftreten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Sorge vor einer Sterilität bei jungen Frauen Ängste oder Depressionen auslöst.

Trotz dieser schwerwiegenden Symptome gilt: Die Endometriose kann auch völlig beschwerdefrei verlaufen. Bei vielen Frauen, die aus anderen Gründen operiert werden, zeigt sich zufällig eine Endometriose, ohne dass jemals vorher Symptome aufgetreten sind.

Die Rolle des Endocannabinoid-Systems bei Endometriose

Bereits vor einigen Jahren beschäftigten sich Forscher mit dem Einfluss des Endocannabinoid-Systems (ECS) auf die Erkrankung. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2012 legt nahe, dass bestimmte Cannabinoidrezeptor-Agonisten das abnormale Gewebewachstum begrenzen können und sich positiv auf die Schmerzkontrolle auswirken [1].

2017 hat eine weitere Übersichtsarbeit aus Israel die bis zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Studien zum Thema Endometriose und das Endocannabinoid-System (ECS) evaluiert [2]. Die Autoren weisen darauf hin, dass das ECS sich als “ein wichtiger Faktor bei der Entstehung und der Aufrechterhaltung der Endometriose herausgestellt” hat, sowie bei den Schmerzmechanismen der Krankheit. Diese mit Endometriose in Zusammenhang stehenden Schmerzmechanismen sind komplex. Sie äußern sich sowohl in nozizeptiven, entzündlichen wie auch in neuropathischen Schmerzen.

Das ECS ist an vielen physiologischen Prozessen beteiligt: Neben dem Schmerzempfinden auch an Appetit, Stimmung, dem Erinnern und anderen. Einige der in der Übersichtsarbeit betrachteten Studien beschrieben die Endometriose als eine Endocannabinoid-Mangel-Erkrankung. “Tatsächlich weisen Frauen mit Endometriose niedrigere Spiegel von CB1-Rezeptoren im Endometriumgewebe auf [2].” Forscher vermuten daher, dass eine verminderte ECS-Funktion zum Wachstum von Gebärmutterschleimhaut-Gewebe und zu einem stärkeren Schmerzerlebnis führt. Daher könnte das Endocannabinoid-System für die Entstehung von Schmerzen im Zusammenhang mit der Erkrankung wichtig sein.

Viele Studien sprechen sich für eine effektivere Behandlung von Patientinnen mit Endometriose aus. Eine Therapie sollte die Schmerzen bekämpfen, aber auch die Vermehrung des Gewebes außerhalb der Gebärmutterhöhle stoppen. Die Modulation des ECS scheint den Wissenschaftlern “eine gute therapeutische Strategie zu sein, indem sie potenziell alle diese Faktoren kombiniert” [2].

Endometriose und THC

Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2020 kommt aus Spanien. Wissenschaftler haben hier den Effekt von THC auf die Endometriose anhand eines Mausmodells untersucht [3]. Die weiblichen Mäuse entwickelten durch die künstlich erzeugte Endometriose Symptome wie Unterleibsschmerzen, Angstzustände und Gedächtnisstörungen. Die Tiere wurden mit moderaten Dosen von Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) behandelt. Der Wirkstoff verringerte Schmerzen und kognitive Beeinträchtigungen, hatte jedoch keinen Einfluss auf ihr Angstverhalten.

Ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass die Wissenschaftler feststellten, dass das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut bei den mit Cannabis behandelten Mäusen tatsächlich geringer war. “Auffallend ist, dass THC auch die Entwicklung endometrialer Zysten hemmt”, so die Autoren der Studie [3].

THC könnte daher eine wirkungsvolle Behandlungsoption sein. Klinische Studien laufen bereits, um zu prüfen, ob sich diese Erkenntnisse auch auf Endometriose-Patientinnen übertragen lassen.

Umfrage: Cannabis und CBD-Öl gegen Schmerzen

Eine australische Online-Umfrage aus dem Jahr 2017 hat Daten zum sogenannten Selbstmanagement, also zu Self-care und zusätzlichen Maßnahmen von Endometriose-Patientinnen erhoben [4]. Ziel des Selbstmanagements ist die Verbesserung der Symptome, Steigerung des Wohlbefindens und Reduzierung der Medikation. An der Befragung konnten Frauen zwischen 18 und 45 Jahren teilnehmen, die in Australien lebten und eine bestätigte Diagnose von Endometriose hatten.

Drei Viertel der befragten Frauen mit Endometriose nutzen Strategien des Selbstmanagements. Am häufigsten waren das Wärme (70 %), Ruhe (68 %) und Meditation oder Atemübungen (47 %). Die Befragung zeigte, dass Cannabis, Wärme, Hanf/CBD-Öl und Ernährungsumstellung in Bezug auf die Wirksamkeit bei der Schmerzreduktion am höchsten bewertet wurden (mit einer mittleren Wirksamkeit von 7,6, 6,52, 6,33 bzw. 6,39 auf einer 10-Punkte-Skala).

Fazit

Das Endocannabinoid-System scheint ein effektvoller Ansatzpunkt zu sein, um Endometriose zu behandeln. Weitere Untersuchungen sind aber nötig, da bisher keine klinischen Studien vorliegen. Besondere Aufmerksamkeit fordert hier auch das Thema Fertilität und Schwangerschaft im Zusammenhang mit einer Cannabistherapie.

[1] Sanchez AM, Vigano P, Mugione A, Panina-Bordignon P, Candiani M. The molecular connections between the cannabinoid system and endometriosis. Mol Hum Reprod. 2012 Dec;18(12):563-71. doi: 10.1093/molehr/gas037. Epub 2012 Aug 24. PMID: 22923487.

[2] Bouaziz J, Bar On A, Seidman DS, Soriano D. The clinical significance of endocannabinoids in endometriosis pain management. Cannabis and Cannabinoid Research 2:1, 2017, 72–80, DOI: 10.1089/can.2016.0035.

[3] Escudero-Lara A, Argerich J, Cabañero D, Maldonado R. Disease-modifying effects of natural Δ9-tetrahydrocannabinol in endometriosis-associated pain. Elife. 2020 Jan 14;9:e50356. doi: 10.7554/eLife.50356. PMID: 31931958; PMCID: PMC6977967.

[4] Armour M, Sinclair J, Chalmers KJ, Smith CA. Self-management strategies amongst Australian women with endometriosis: a national online survey. BMC Complement Altern Med. 2019 Jan 15;19(1):17. doi: 10.1186/s12906-019-2431-x. PMID: 30646891; PMCID: PMC6332532.

About Gesa

Gesa Riedewald ist seit 2017 als Medical Writer für das Thema Cannabis als Medizin tätig. Sie hat langjährige Erfahrung in den Bereichen Text und Kommunikation, unter anderem bei Leafly und in der Healthcare-Branche. Die fundierte und wissenschaftliche Berichterstattung zum medizinischen Einsatz von Cannabis liegt ihr am Herzen.