News: Medizinalcannabis kann bei Autismus-Spektrum-Störungen helfen

Cannabismedikamente mit Cannabidiol (CBD), Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidivarin (CBDV) können die Beschwerden bei Autismus-Spektrum-Störungen reduzieren. CBD und CBDV verbesserten das bei autistischen Personen fehlregulierte Gleichgewicht von erregenden und dämpfenden Botenstoffen im Gehirn. Zu diesen Ergebnissen kommt ein Forscherteam aus Brasilien.

Autismus-Spektrum-Störungen – Was ist das?

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind eine Gruppe von im Kindesalter beginnender neurologische Entwicklungsstörungen, die sich durch eingeschränkte soziale Fähigkeiten auszeichnen. Wiederholende und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten sind bei dieser Erkrankung typisch. Kommunikation und Sprache sind beeinträchtigt. Schätzungsweise 62 von 10.000 Personen sind weltweit von ASS betroffen. Viele Kindern haben weitere Erkrankungen, wie Hyperaktivität, selbstverletzendes Verhalten, Aggression, Unruhe, Angst- und Schlafstörungen. Oft kommt es daher zu sozialer Ausgrenzung.

ASS wird mit folgenden Medikamenten behandelt, welche die Beschwerden reduzieren sollen:

  • Atypische Antipsychotika, Antikonvulsiva und Stimmungs-Stabilisierer verbessern Verhaltensstörungen (z. B. Erregung und Aggressivität).
  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) bessern zwanghaftes Verhalten, Depressionen und Angstzustände.
  • Stimulanzien und der Blutdrucksenker Clonidin bessern Konzentration und reduzieren Hyperaktivität.

Bei 40 Prozent der Patient*innen wirken allerdings Standardmedikamente nicht genügend. Darüber hinaus können manche Wirkstoffe teils schwere Nebenwirkungen mit sich bringen.

Weniger Beschwerden wie Aggression, Angstzustände und Unruhe

Wissenschaftler*innen der Federal University of Paraíba in Brasilien führten im Oktober 2020 eine systematische Literaturrecherche in Datenbanken durch, um den aktuellen Wissensstand zur Therapie von ASS mit Cannabinoiden zusammenzutragen.

Die Recherche lieferte zu Beginn 425 Veröffentlichungen, die zunächst gefiltert wurden. Das Team wertete neun Publikationen aus, die sich mit klinischen Studien und Fallstudien bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen beschäftigten. Die übrigen Veröffentlichungen wurden ausgeschlossen, darunter Grundlagenforschung zur Rolle des Endocannabinoid-Systems bei Autismus, Tiermodelle oder Erfahrungen mit Freizeit-Cannabis oder illegalen Produkten.


Die ausgewerteten Studien stammen aus Israel, England, Brasilien und den Vereinigten Staaten. In den meisten Fällen wurden CBD-reiche Cannabisprodukte untersucht: Sieben Studien wurden mit Cannabidiol (CBD) und eine Studie mit Dronabinol, einer synthetischen Form von Tetrahydrocannabinol (THC), durchgeführt. Eine weitere Studie beschäftigte sich mit der Wirkung von Cannabidivarin (CBDV).

Wie die Untersuchung ergab, brachte die Einnahme von Medizinalcannabis unter anderem folgende Verbesserungen mit sich:  

  • Weniger selbstverletzendes Verhalten, aggressives Verhalten, depressive Symptome, Angstzustände, Unruhe, psychomotorische Erregung und Wutausbrüche
  • Abnahme der sensorischen Empfindlichkeit und Reizbarkeit
  • Verbesserte soziale Fähigkeiten, geistige Leistungsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Sprachfähigkeiten, Ausdauer und Schlaf

Kaum Nebenwirkungen bei medizinischem Cannabis zur Behandlung von ASS

Medizinalcannabis wurde meist gut vertragen. Lediglich 2,2 bis 14 Prozent der Betroffenen berichteten von leichten bis mittelschweren Nebenwirkungen. Dazu gehören beispielsweise Appetitsteigerung oder Augenrötung. Auch Beschwerden wie Unruhe, Schlafprobleme, Einschränkung der geistigen Leistung, Verhaltensprobleme oder aggressives Verhalten können auftreten. In einem Fall trat unter THC und CBD einer Psychose auf: Nach Abbruch der Studie und Wechsel auf ein atypisches Antipsychotikum verschwanden die Nebenwirkungen nach 9 Tagen.

Endocannabinoid-System reguliert veränderte Gehirnfunktionen bei ASS

Fachleute nehmen an, dass eine fehlreguliertes Endocannabinoid-Systems (ECS) eine der Ursachen für Autismus-Spektrum-Störungen ist. Untersuchen ergaben veränderte Spiegel des Endocannabinoids Anandamid bei erkrankten Kindern, die bis zum Jugend- und Erwachsenalter fortbestehen. Israelische Forscher*innen stellten in einer Studie aus dem Jahr 2019 bei Betroffenen reduzierte Blutspiegel bestimmter Endocannabinoide fest.

Das ECS reguliert das Gleichgewicht zwischen dem hemmenden Botenstoff GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und dem erregenden Neurotransmitter Glutamat. Bei ASS ist aufgrund des Anandamid-Mangels dieses Gleichgewicht fehlreguliert. Das Gehirn autistischer Personen reagiert anders auf GABA. In den analysierten Veröffentlichungen waren die Cannabinoide CBD und CBDV in der Lage, die Reizübertragung zu verändern. Das psychotrope THC reduzierte Beschwerden wie Hyperaktivität und Reizbarkeit durch Aktivierung des ECS im zentralen Nervensystem.

Im Gegensatz zu vielen anderen Botenstoffen werden Endocannabinoide nicht im Körper gespeichert. Sie werden bei Bedarf von der postsynaptischen Nervenzelle hergestellt und nachdem sie ihre Funktion erfüllt haben, rasch wieder inaktiviert.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten möglich

Eine Studie untersuchte einen CBD-reichen Cannabisextrakt bei Patient*innen mit ASS, von denen einige zusätzlich unter Epilepsie litten Betroffene, die Medizinalcannabis zusammen mit anderen psychoaktiven Arzneimitteln einnahmen, berichteten vermehrt von unerwünschten Effekten wie Appetitsteigerung oder Schwindel. Insbesondere Antipsychotika verursachten Wechselwirkungen mit Cannabinoiden. Einige Patient*innen mussten daher die Cannabistherapie wegen Nebenwirkungen wie Herzrasen oder paradoxen Wirkungen wie Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und Verschlechterung der Verhaltensstörungen beenden. Fachleute sprechen von paradoxen Reaktionen, wenn ein Medikament das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervorbringt. Patient*innen, die viele Medikamente einnehmen, sollten daher besonders engmaschig ärztlich überwacht werden und die Cannabisdosis langsam steigern.

Medizinalcannabis, besonders CBD-reiche Präparate, zeigt vielversprechende Wirkungen bei Menschen mit ASS und könnte in Zukunft eine wichtige Therapieoption sein. Doppelblindstudien und Verlaufsstudien sind nötig, um klare Aussagen zur Wirkung von Cannabinoiden bei ASS treffen zu können.

Quelle:

Silva EAD Junior, Medeiros WMB, Torro N, Sousa JMM, Almeida IBCM, Costa FBD, Pontes KM, Nunes ELG, Rosa MDD, Albuquerque KLGD. Cannabis and cannabinoid use in autism spectrum disorder: a systematic review. Trends Psychiatry Psychother. 2021 May 21. doi: 10.47626/2237-6089-2020-0149. Epub ahead of print. PMID: 34043900.

About Minyi

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als PTA und Pharmaziestudentin bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.