Hypoxisch-ischämische Enzephalopathie (HIE): Behandlung mit CBD

brain HIE

Die Erkrankung hypoxisch-ischämische Enzephalopathie (HIE) ist eine Schädigung des Gehirns durch einen Sauerstoff- und Durchblutungsmangel. Sie tritt infolge eines Sauerstoffmangels (Asphyxie) und der daraus resultierenden verminderten Durchblutung des Nervengewebes unter der Geburt auf. In den industrialisierten Ländern wird die Inzidenz auf 0,5 bis 6 Prozent Lebendgeburten geschätzt.

Risiken für eine durch Sauerstoffmangel verursachte Hirnschädigung

Verschiedene Faktoren können das Risiko erhöhen, dass Neugeborene durch einen Sauerstoffmangel eine Hirnschädigung erleiden. Hierzu gehören Komplikationen vor der Geburt, wie das Zerreißen der Gebärmutter oder der Nabelschnur sowie die Plazentalösung.

Ein weiterer Risikofaktor ist, wenn sich der Herzschlag des ungeborenen Babys verlangsamt, da hier ein Sauerstoffmangel droht. Sollte ein deutlicher Anstieg des Lactats (Stoffwechselprodukt im Blut des Ungeborenen) zu verzeichnen sein, spricht dies bereits für einen Sauerstoffmangel in den Körperzellen.

Modulation des Endocannabinoid-Systems

Während oder kurz nach der Geburt können perinatale Hirnverletzungen durch unterschiedliche schädigende Ereignisse wie Asphyxie oder Schlaganfall-induzierte fokale Ischämie verursacht werden. Charakteristische Manifestationen dieser Krankheiten sind das Auftreten von oxidativem Stress, Glutamat-Exzitotoxizität und die Entzündung von Nervengewebe (Neuroinflammation), deren Kombination zu lang anhaltenden funktionellen Beeinträchtigungen, zur Bildung von Hirnläsionen und dem apoptotisch-nekrotischen Zelltod führen kann.

Die Behandlungsmöglichkeiten bei den betroffenen Neugeborenen sind sehr begrenzt. Deshalb besteht ein hoher Bedarf neuen Therapieoptionen, die darauf abzielen, Hirnschäden zu verhindern. Das Endocannabinoid-System könnte hier eine wichtige Rolle spielen, da es an der Steuerung vieler zentraler und peripherer Funktionen beteiligt ist. Dabei hat sich die Modulation des Endocannabinoid-Systems in verschiedenen Untersuchungen, vorwiegend in Tiermodellen, als wirksam in der Neuroprotektion (Schutz der Nervenzellen durch pharmakologische Methoden) gezeigt.

Spanische Forscher der Complutense University of Madrid führen hierzu aus, dass die vorteilhafte Rolle des Endocannabinoid-Systems auch bei der Kontrolle der Neurogenese (Bildung von Nervenzellen während der Embryonalzeit) und Wiederherstellung der weißen Hirnsubstanz bei neonatalen Hirnverletzungen in Studien gezeigt werden konnte (1).

In ihrer Übersichtsarbeit fassen die Forscher zusammen, dass die Modulation des Endocannabinoid-Systems durch die Gabe exogener Cannabinoide nach einer perinatalen Hirnverletzung vorteilhafte Auswirkungen haben kann. Damit sei die Modulation des Endocannabinoid-Systems ein neuartiger Ansatz für die Prävention dauerhafter Hirnschäden bei Neugeborenen.

CBD und Hypothermie bei HIE

Forscher des King’s College London stellten fest, dass eine moderate Hypothermie (Unterkühlung des Körpers) nach einer perinatalen Asphyxie zu verbesserten neurokognitiven Ergebnissen führte (2).

Verschiedene Studien haben bereits Hinweise geliefert, dass Cannabidiol (CBD) auf das Gehirn einen positiven Einfluss haben kann (3). Spanische Forscher des Instituto de Investigación Sanitaria San Carlos (IdISSC) in Madrid untersuchten deshalb die Wirksamkeit der Kombination aus Hypothermie und CBD bei neugeborenen hypoxisch-ischämischen Ferkeln (4).

Im Ergebnis führen die Forscher aus, dass die hypoxisch-ischämie-induzierten Erhöhungen verschiedener Werte weder durch die Hypothermie noch durch CBD alleine rückgängig gemacht werden konnten, wohl aber durch die Kombination der beiden Therapien.

Weitere interessante Studie

Das Department of Neonatology in Madrid untersuchte das relevante therapeutische Zeitfenster für die Wirkung von CBD in einem Mausmodell mit Hirnschaden bei Neugeborenen (5). Die neun bis zehn Tage alten Mäuse erhielten 1 mg/kg CBD in verschiedenen Zeitabständen, nachdem sie einem HI-Insult (10 Prozent Sauerstoff für 90 Minuten) unterzogen wurden. Mittels der Magnetresonanztomografie und histologischen Untersuchungen wurden die Hirnschädigungen nach sieben Tagen beurteilt. Auch bei Mäusen, die erst 18 Stunden nach dem HI-Insult CBD erhielten, zeigte sich die neuroprotektive Wirkung.

Fazit

Dass das Endocannabinoid-System bei verschiedenen Prozessen, auch im Gehirn, eine wichtige Rolle spielt und durch Cannabinoide wie Cannabidiol (CBD) moduliert werden kann, belegen zahlreiche Studien. Um die Wirkmechanismen von CBD gegen Hirnschäden bei Neugeborenen besser zu verstehen, sind noch viele weitere Untersuchungen notwendig. Die bisherigen Studien zeigen positive Ergebnisse, woraus sich jedoch noch keine Therapieempfehlung ableiten lässt.

(1) Fernández-López D, Lizasoain I, Moro MA, Martínez-Orgado J. Cannabinoids: well-suited candidates for the treatment of perinatal brain injury. Brain Sci. 2013;3(3):1043-1059. Published 2013 Jul 10. doi:10.3390/brainsci3031043

(2) Azzopardi D, Strohm B, Marlow N, Brocklehurst P, Deierl A, Eddama O, Goodwin J, Halliday HL, Juszczak E, Kapellou O, Levene M, Linsell L, Omar O, Thoresen M, Tusor N, Whitelaw A, Edwards AD; TOBY Study Group. Effects of hypothermia for perinatal asphyxia on childhood outcomes. N Engl J Med. 2014 Jul 10;371(2):140-9. doi: 10.1056/NEJMoa1315788. PMID: 25006720.

(3) Campos AC, Fogaça MV, Sonego AB, Guimarães FS. Cannabidiol, neuroprotection and neuropsychiatric disorders. Pharmacol Res. 2016 Oct;112:119-127. doi: 10.1016/j.phrs.2016.01.033. Epub 2016 Feb 1. PMID: 26845349.

(4) Barata L, Arruza L, Rodríguez MJ, Aleo E, Vierge E, Criado E, Sobrino E, Vargas C, Ceprián M, Gutiérrez-Rodríguez A, Hind W, Martínez-Orgado J. Neuroprotection by cannabidiol and hypothermia in a piglet model of newborn hypoxic-ischemic brain damage. Neuropharmacology. 2019 Mar 1;146:1-11. doi: 10.1016/j.neuropharm.2018.11.020. Epub 2018 Nov 20. PMID: 30468796.

(5) Mohammed N, Ceprian M, Jimenez L, Pazos MR, Martínez-Orgado J. Neuroprotective Effects of Cannabidiol in Hypoxic Ischemic Insult. The Therapeutic Window in Newborn Mice. CNS Neurol Disord Drug Targets. 2017;16(1):102-108. doi: 10.2174/1871527315666160927110305. PMID: 27686886.

About Alexandra

Alexandra Latour verfügt über langjähre Erfahrungen als Autorin im medizinischen Bereich. Ab dem Jahr 2017 hat sie sich als Medical Writer auf das Thema Cannabis als Medizin spezialisiert und war für Leafly Deutschland tätig.