Umfrage: Cannabis bei Brustkrebs

cannabis cancer

Therapiefortschritte der letzten Jahre haben die Heilungschancen von Brustkrebs gesteigert. Krebsmedikamente können jedoch starke Nebenwirkungen wie Schmerzen, Übelkeit und Anorexie (Appetitlosigkeit) mit sich bringen. Dadurch leidet nicht nur die Lebensqualität. Auch der Therapieerfolg ist gefährdet, da manche Betroffene die Krebsmedikamente wegen starker Nebenwirkungen absetzen. Cannabinoide sind auf dem Vormarsch, um diese Nebenwirkungen abzumildern.

Amerikanische Forscher*innen untersuchten in einer anonymen Onlineumfrage den Cannabisgebrauch bei Brustkrebspatient*innen in Amerika. Die Befragten verwendeten Cannabis, um verschiedene Beschwerden bei der Krebsbehandlung zu lindern: Schmerzen, Schlaflosigkeit, Angstzustände, Stress sowie Übelkeit und Erbrechen. Am häufigsten wurden Cannabisprodukte verwendet, die neben dem psychotropen Tetrahydrocannabinol (THC) auch nicht berauschendes Cannabidiol (CBD) enthalten.

Anonyme Onlinebefragung mit 612 Brustkrebspatient*innen

Ein amerikanisches Forscherteam untersuchte in einer zwischen Dezember 2019 und Januar 2020 durchgeführten Onlinebefragung den Cannabisgebrauch bei amerikanischen Brustkrebspatient*innen. Die im Schnitt 57-jährigen Teilnehmer*innen waren Mitglieder der Gesundheitsplattformen breastcancer.org und healthline.com.

Unter den 612 Personen, welche die Umfrage abschlossen, waren 605 Frauen und 5 Männer. Weitere zwei Personen machten keine Angaben zum Geschlecht. Insgesamt 42 Prozent (257 Personen) gaben an, Cannabis zu medizinischen Zwecken zu verwenden: 58 verwendeten Cannabis ausschließlich medizinisch und 199 ebenfalls zu Freizeitzwecken.

Mit offenen Fragen wurden erhoben:

  •  Gründe des Cannabisgebrauchs
  •  Verwendete Cannabisprodukte (medizinische oder unregulierte Cannabisprodukte)
  •  Wahrnehmungen zur Sicherheit von Cannabinoiden
  •  Quellen zur Informationsbeschaffung über Cannabis

Schmerzen, Schlafstörungen und Angst am häufigsten behandelt

Cannabinoide lindern belastende Beschwerden, die im Rahmen einer Krebserkrankung und der Chemo- oder Strahlentherapie auftreten können. In bisherigen Studien mit Krebspatient*innen waren Schmerzen, Angst und Übelkeit der häufigste Grund einer Cannabistherapie.

Anwendungsgründe für Cannabis unter den befragten Brustkrebspatient*innen:

  • 78 % Schmerzen (akute und chronische Nerven-, Gelenk- oder Muskelschmerzen)
  • 70 % Schlaflosigkeit
  • 57 % Angsterkrankungen
  • 51 % Stress
  • 46 % Übelkeit und Erbrechen

Tetrahydrocannabinol am besten erforscht

THC ist das medizinisch besterforschte Cannabinoid. Die psychotrope Wirkung kann mit Rauschzuständen, Stimmungsaufhellung und Beruhigung einhergehen. Nach derzeitiger Studienlage lindert THC Schmerzen (z. B. Tumor- und Nervenschmerzen), Übelkeit und Erbrechen. Zu den THC-haltigen Cannabismedikamenten gehören THC-dominante Cannabisblüten und Cannabisextrakte sowie Arzneimittel mit Dronabinol oder dem synthetischen THC-Abkömmling Nabilon. Dronabinol und Nabilon sind in Amerika zur Behandlung von Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen zugelassen.

Weitere Studien zeigten, dass auch Schlaflosigkeit und Ängste nachlassen. THC besserte Schlafqualität und Erholung bei Patient*innen mit Schlafapnoe, chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen und Multipler Sklerose.

Angstlösende Effekte konnten auch in Studien zu chronischen Nichttumorschmerzen, Tourette Syndrom und Multipler Sklerose beobachtet werden. Weitere Untersuchungen sind jedoch nötig, da bisherige Studien sich auf die Grunderkrankung konzentrierten und Auswirkungen auf Ängste nur zusätzlich erfasst wurden.

Cannabis in der Krebstherapie

Die meisten (79 Prozent) der befragten Cannabispatient*innen verwendete Cannabis während der Krebsbehandlung. Die Brustkrebstherapie kann neben der Chemotherapie auch aus Hormontherapien, Immuntherapien sowie Bestrahlungen und Operationen bestehen. Fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten glaubten darüber hinaus, dass Cannabinoide antikanzerogen wirken, also den Tumor bekämpfen können.

In Tierstudien wird aktuell untersucht, ob Cannabinoide auch das Tumorwachstum stoppen können: Bisherige Tiermodelle für Brustkrebs zeigten, dass THC und CBD Tumorwachstum und Metastasierung reduzieren, wie Wissenschaftler*innen in einer 2020 veröffentlichten Übersichtsarbeit darlegten. Allerdings fehlen noch klinische Studien mit Betroffenen. So ist unklar, ob die Therapieerfolge auf Menschen übertragbar sind. Zukünftige Studien werden das Potenzial von Medizinalcannabis bei der Brustkrebstherapie weiter erforschen.

CBD-dominante Cannabisblüten und reine CBD-Präparate am häufigsten verwendet

Die Teilnehmenden verwendeten eine große Bandbreite verschiedener Cannabisprodukte: Edibles (cannabishaltige Nahrungsmittel), flüssige Zubereitungen (Liquids, Tinkturen), gerauchte und vaporisierte Cannabisblüten. Befragte Patient*innen gaben unterschiedliche Bezugsquellen wie staatlich regulierte Dispensarien, aber auch unregulierte Bezugsquellen wie Schwarzmarkt, Freunde oder Familie an.

Cannabisprodukte werden nach Cannabinoidgehalt eingeteilt:

  • THC-dominant: Medizinal- und Genusscannabis enthält in den meisten Fällen hauptsächlich Tetrahydrocannabinol.
  • CBD-dominant: Nutzhanf, also Faserhanf mit THC-Konzentrationen unter 0,3 Prozent enthält hauptsächlich Cannabidiol.

In der Umfrage bevorzugten die meisten CBD-dominante Cannabisprodukte oder reine CBD-Präparate. Im Gegensatz zu THC ist CBD nicht psychotrop, kann in höherer Dosierung jedoch auch sedierend wirken.

CBD-dominante Cannabisprodukte sind jedoch sowohl auf dem medizinischen Cannabismarkt als auch auf dem illegalen Markt weniger vertreten. So enthielt in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2019 nur ein Fünftel der 196 in einer medizinischen Abgabestelle angebotenen Cannabisprodukte CBD. Cannabis vom illegalen Markt ist meist CBD-arm. Eine amerikanische Studie zeigte, dass der THC-Gehalt illegaler Cannabisprodukte in den letzten Jahren anstieg: Der THC-Gehalt der Cannabisblüten stieg von 4 Prozent im Jahr 1995 auf 12 Prozent im Jahr 2014 an. Beim CBD-Gehalt zeigte sich dagegen ein umgekehrter Trend: So fiel die CBD-Konzentration von 0,28 Prozent im Jahr 2001 auf 0,15 Prozent im Jahr 2014.

Wechselwirkungen zwischen Medizinalcannabis und Zytostatika sowie weiterer Arzneimittel möglich

Die Einnahme von Medizinalcannabis mit Zytostatika und anderen Medikamenten kann jedoch auch riskant sein: Viele Medikamente, darunter auch Cannabinoide, werden über Leberenzyme (CYP450-Enzyme) abgebaut. Die gleichzeitige Einnahme mit bestimmten Wirkstoffen kann zu Wechselwirkungen führen. Veränderter Abbau der Medikamente und Cannabinoide kann unerwünschte Wirkungen zur Folge haben.

Das Enzym CYP3A4 ist am Metabolismus von 60 Prozent aller Medikamente beteiligt. THC und CBD hemmen dieses Leberenzym. In einer Krebstherapie kommen neben Zytostatika auch zahlreiche andere Wirkstoffe zum Einsatz, die ebenfalls von CYP3A4 abhängen: Antihistaminika, Azol-Antimykotika, Makrolid-Antibiotika und Benzodiazepine. Da Wechselwirkungen bisher hauptsächlich in präklinischen Studien untersucht wurden, ist die klinische Bedeutung oft noch unklar. Es sind daher Studien mit Krebspatient*innen nötig.

Mangelndes Wissen über Medizinalcannabis

Ein Großteil (70 Prozent) der Befragten nahmen Cannabis als sichere Behandlung wahr, obwohl viele Cannabisprodukte unreguliert sind. Unkontrollierte Präparate können Verunreinigungen wie Bakterien, Pilze und Pflanzenschutzmittel aufweisen.

Trotz des hohen Vertrauens fehlt es an guten Informationsquellen über Medizinalcannabis. Die Hälfte der Befragten (306 von 612 Personen) informierte sich mittels unterschiedlicher Quellen: Meistens waren das Internet (22 Prozent), Freunde und Familie (18 Prozent) und nichtpharmazeutisches Verkaufspersonal in Cannabisabgabestellen die erste Anlaufstelle. Die wenigsten Betroffenen ließen sich medizinisch beraten: Lediglich 12 Personen (4 Prozent) holten Rat von Ärzt*innen ein. Besonders problematisch ist daher die Flut unseriöser Informationen im Internet.

Auch viele Mediziner*innen fühlen sich zu Medizinalcannabis nicht ausreichend ausgebildet: Eine nationale Studie mit 400 onkologisch tätigen Ärzt*innen zeigte, dass sich 70 Prozent unsicher bei der Abgabe von Therapieempfehlungen mit Medizinalcannabis fühlen. Fast einem Drittel (28 Prozent) der befragten Patient*innen ist es darüber hinaus unangenehm, das Thema Medizinalcannabis beim Arztbesuch anzusprechen. Das macht deutlich, dass weitere Forschung aber auch Fortbildungsangebote zu Cannabinoiden bei Brustkrebs nötig sind.

Quelle:

Weiss, MC, Hibbs, JE, Buckley, ME, Danese, SR, Leitenberger, A, Bollmann-Jenkins, M, Meske, SW, Aliano-Ruiz, KE, McHugh, TW, Larson, SL, Le, EH, Green, NL, Gilman, PB, Kaklamani, VG, Chlebowski, RT, Martinez, DM. A Coala-T-Cannabis Survey Study of breast cancer patients‘ use of cannabis before, during, and after treatment. Cancer. 2021. https://doi.org/10.1002/cncr.33906

About Minyi Lü

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als Pharmazeutin im Praktikum bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.