“Ich erwarte, dass das Stigma langsam verschwindet”

Robert Uhlenbrock ist Arzt der Kalapa Clinic und berät Patientinnen und Patienten zum Einsatz von Cannabis bei verschiedensten Krankheitsbildern. Er schult ärztliche Kolleginnen und Kollegen, bietet Fortbildungen an und setzt sich leidenschaftlich für die Aufklärung über das Thema Cannabis ein. Hier gewährt er uns einen Einblick in seine Arbeit:

Kalapa: Robert, wie sieht ein typischer Arbeitstag von Dir aus?

Robert Uhlenbrock: Mit viel Stress (lacht) — okay, Spaß bei Seite. Meine Hauptarbeit ist die Beratung von Patienten und Patientinnen. Ich habe mehr oder weniger Patientengespräche am Tag, aber nie mehr als sechs, um jeder Person genug Zeit widmen zu können und die Therapie zu begleiten. Dazu kommen gezielte Anfragen aus Fachkreisen. Das Ganze heute zum größten Teil online über Videocalls und E-Mails. Dann kommen die verschiedenen Projekte dazu, wie Fortbildungsunterlagen zu bearbeiten oder die Online-Bibliothek. Und nebenbei werfe ich natürlich immer ein Auge auf die neusten Publikationen im wissenschaftlichen Bereich zum Thema Endocannabinoid-System und tausche mich innerhalb der Fachkreise aus.

Kalapa: Das klingt tatsächlich nach einer vollen Agenda …

Robert Uhlenbrock: Absolut, aber um Michael Flatley zu zitieren: „Wenn Du Deine Berufung zum Beruf machst, dann arbeitest Du nicht, dann lebst Du.“

Kalapa: Inzwischen dürfen Cannabinoide seit fast 5 Jahren in Deutschland zu therapeutischen Zwecken verordnet werden. Trotzdem halten sich die Vorurteile und viele Ärzte und Ärztinnen schrecken vor der Therapieoption zurück. Was ist Deiner Meinung nach der Grund dafür?

Robert Uhlenbrock: Eine sehr gute Frage, die man nicht so leicht beantworten kann, ohne etwas weiter auszuholen. Meiner Meinung nach ist einer der Hauptgründe das immer noch bestehende Stigma der “Anti-Cannabis-Kampanien“ des frühen 20. Jahrhunderts mit der sozialen und politischen Instrumentalisierung von Cannabis. Dieses damals in den 20er- und 30er-Jahren erstellte negative Bild der Cannabispflanze schallt immer noch nach und hat auch bewirkt, dass das Thema Cannabis aus den Lehrbüchern verschwand und bis heute – nach allem, was die Wissenschaft schon entdeckt hat – erst langsam wieder zurückkommt.

Dazu sind in vielen Ländern Cannabis-Forschungen oder medizinische Studien nicht möglich. Leider haben Cannabis und das Endocannabinoid-System bis heute keinen nennenswerten Einzug in die Lehre an Universitäten beziehungsweise ins Medizinstudium gefunden. Das wird sich aber hoffentlich zukünftig ändern. Im letzten Jahr gab es einen Nobelpreis für TRPV1 und seine physiologische Funktion, der nach heutigem Kenntnisstand auch vom Endocannabinoid-System sowie über Cannabinoide (wie bspw. Anandamid) moduliert wird. Ich glaube es ist nur eine Frage der Zeit. Ich war erstaunt, was die Literatur über Cannabis hergibt – im Gegenzug zu vielen anderen Medikamenten, auf die ich im Alltag stoße.

Ein weiterer Aspekt liegt in der Geschichte der Medizin, da Monosubstanzen in den letzten 100 Jahren Pflanzenprodukte wie Cannabis in den pharmazeutischen Laboren ersetzt haben.

Kalapa: Du meinst, eine Heilpflanze hat es heute in der Medizin schwer?

Robert Uhlenbrock: Ja, es gab eine Entwicklung zugunsten der Patentierbarkeit von Arzneimitteln, was mit einer Pflanze wie Cannabis schwerfällt. Da spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht große Erfolge in der Pharmakologie gab und gibt, aber gerade in der westlichen Kultur wurden Pflanzenheilmittel zweitrangig. So wurden in den letzten Jahren Versuche unternommen, wie man verschiedene synthetische Cannabinoide herstellt und manche kamen sogar in die klinische Testphase… Cannabis hat nie den wirtschaftlichen Push der Pharmaindustrie erfahren, wie andere pharmazeutische Produkte.

Und auch beim Nutzen-Sicherheitsprofil von Cannabinoiden im Vergleich zu Standardmedikamenten bin ich positiv überrascht. Das hervorragende Sicherheitsprofil der Anwendung birgt Chancen, Leid zu lindern und mehr Lebensqualität für Patienten und Patientinnen zu schaffen. Das scheint vielen Menschen nicht bewusst zu sein, dass wir es hier mit einer Medikation zu tun haben, zu der quasi keine letale Dosis bekannt ist.

Auf der einen Seite sprechen wir darüber, dass Ärzte kein Cannabis verschreiben – aus Gründen wie fehlende wissenschaftliche Evidenz, Nebenwirkungen und so weiter – aber bei Opiaten und Benzodiazepinen sehen wir seit Jahren problematische Zahlen bei den Verordnungen und dem Konsum, oft einhergehend mit wenig therapeutischem Erfolg und hohen gesundheitlichen Risiken für die Anwender.

So langsam scheint sich die Einstellung aber zu ändern und auch in Deutschland gibt es immer mehr Ärztinnen und Ärzte, die mit Cannabinoiden arbeiten. Momentan sind aber immer noch Länder wie Kanada, Israel, und verschiedenen Staaten in den USA Vorreiter.

Kalapa: Was müssen wir tun, damit sich mehr Ärztinnen und Ärzte an den Einsatz von Cannabinoiden trauen?

Robert Uhlenbrock: Fortbildungen sind sehr wichtig und dafür gibt es auch schon viele Angebote, unter anderem von uns. Ich glaube, es wird noch eine Weile dauern, aber irgendwann werden hoffentlich auch die Fachgesellschaften Cannabinoide als Therapieoption immer häufiger erwähnen. Das erst wird vielen Ärzten den Rückhalt geben, sich mit dem Thema zu befassen, sich somit für das Thema zu interessieren und sich langsam ranzutrauen.

Ich erwarte, dass Patientinnen und Patienten zumindest mit ihrem Arzt über das Thema sprechen können und das Stigma langsam verschwindet. Ich persönlich bin der Meinung, dass Cannabis für viele Menschen eine Alternative darstellen kann, die verträglicher ist und mit weniger Nebenwirkungen verbunden als viele konventionelle Medikamente.

Kalapa: Bei welchen Erkrankungen können Deiner Erfahrung nach Cannabinoide gewinnbringend eingesetzt werden?

Robert Uhlenbrock: Das ist eine wirklich lange Liste, muss ich ganz ehrlich sagen, da wir oft Symptome behandeln. Bei der Kalapa Clinic unterstützen wir viele schwerwiegende Fälle, teilweise „Orphan Diseases“ ohne konventionelle Behandlungsmöglichkeit. Dazu schwerwiegende Krankheiten mit teils langen Verläufen. Da sehen wir einen gewinnbringenden Erfolg bei Schmerzkontrolle, Spastik, Schlafverbesserung. Dann haben wir Patientengruppen, bei denen der Fokus auf dem antiemetischen Effekt liegt, also dem Brechreiz unterdrückenden Effekt. Das betrifft beispielsweise adjuvante Therapien bei Krebsleiden und Chemotherapie. Ebenso ist Epilepsie eine bedeutende Gruppe, MS, Parkinson und weitere neurodegenerative Krankheiten.

Kalapa: Stell Dir vor, wir wiederholen dieses Interview in einem Jahr. Was sollte sich Deiner Meinung nach bis dahin für Patientinnen und Patienten verbessert haben?

Robert Uhlenbrock: Der Zugang zu medizinischem Cannabis, ohne weite Wege. Ich glaube, das ist in einem Jahr schon erreichbar. Zurzeit sehen wir immer noch, dass viele Patienten – je nachdem, in welchem Raum sie leben – sich sehr weit bewegen müssen, um einen Arzt zu finden, der mit Cannabis arbeitet. Ebenso hoffe ich, dass die Bürokratie rund um die Antragstellung bei den Krankenkassen einfacher wird.

Robert Uhlenbrock ist seit 2019 Arzt der Kalapa Clinic und medizinischer Experte für die Verwendung von Cannabinoiden. Er war im Sana Klinikum Offenbach in der Primärversorgung, der Notfallversorgung und als Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie tätig. Robert Uhlenbrock engagiert sich für die Verbreitung des Wissens über das Endocannabinoid-System und ist Mitglied der SEC (Clinical Society of Endocannabinology) in Spanien. Für Kalapa schult er Fachkreise zum therapeutischen Einsatz von Cannabinoiden, hält Webinare und bietet ein Telekonsil an, bei dem er Ärztinnen und Ärzte zu anonymisierten, individuellen Patientenfällen berät. Darüber hinaus informiert und berät er Patientinnen und Patienten zu den Therapieoptionen mit Cannabis als Medizin.

About Gesa Riedewald

Gesa Riedewald is the managing director of Kalapa Germany. She has been working as a medical writer on the topic of pharmaceutical cannabis since 2017 and has years of experience in the healthcare sector.

Gesa Riedewald ist die Geschäftsführerin von Kalapa Deutschland. Sie ist bereits seit 2017 als medical writer für das Thema Cannabis als Medizin tätig und besitzt jahrelange Erfahrung im Bereich Healthcare.