Datenanalyse – Cannabis kann bei Endometriose unterstützen

cannabis endometriosis

Viele Frauen leiden an Endometriose, eine Unterleibserkrankung, bei der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter vorkommt. Betroffene haben besonders mit Schmerzen im Beckenbereich und während der Menstruation zu kämpfen. Weitere Beschwerden wie Verdauungsprobleme, Fatigue und Depressionen schränken den Alltag nachhaltig ein. Ein australisches Forscherteam fand in einer Auswertung von Nutzerdaten aus den Jahren 2017 bis 2020 der kanadischen Cannabis-App Strainprint heraus, dass Medizinalcannabis Beschwerden bei Endometriose lindern kann.

Beckenschmerzen, Krämpfe und Magen-Darm-Beschwerden wurden am häufigsten mit Cannabinoiden behandelt. Übelkeit, depressive Beschwerden und reduzierte Libido profitierten ebenfalls. Als häufigste Anwendungsform wurde die Inhalation gefolgt von oralen Cannabisprodukten angegeben. Zur Schmerzlinderung inhalierten die meisten Frauen Cannabisprodukte, die überwiegend Tetrahydrocannabinol (THC) das wichtigstes psychotrope Cannabinoid – enthalten. Bei Magen-Darm-Beschwerden und für die Stimmung wurden dagegen am häufigsten orale Cannabisöle mit dem nicht-psychotropen Cannabidiol (CBD) verwendet.

Endometriose – was ist das?

Bei der Endometriose siedelt sich gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe auch außerhalb der Gebärmutter an, was chronische Entzündungen mit sich bringt. Die Erkrankung betrifft etwa fünf bis elf Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter. Jedoch haben auch zwei bis fünf Prozent nach den Wechseljahren mit Endometriose zu kämpfen. Insgesamt gibt es geschätzt 176 Millionen Patientinnen weltweit.   

Bei Endometriose können viele Beschwerden auftreten:

  • Chronische Beckenschmerzen
  • Fatigue
  • Magen-Darm-Beschwerden (z. B. schmerzhafte Darmbewegungen, Übelkeit)
  • Schmerzen während der Regelblutung
  • Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
  • Schmerzen beim Wasserlassen

Neben andauernden Beckenschmerzen, dem häufigsten Symptom, kann es zu Verdauungsbeschwerden, einem Reizdarm-Syndrom und starker Fatigue kommen. Endometriose ist oft von ängstlichen und depressiven Erkrankungen begleitet. Diese Symptome reduzieren die Lebensqualität der Betroffenen mit Auswirkungen auf viele Lebensbereiche wie Sozialleben, Arbeit, Bildung und Beziehungsleben.

Retrospektive Analyse von 19.187 Datensätzen einer Cannabis-App

Forscher*innen der University of Western Sydney und der University of Melbourne, Australien, führten eine retrospektive Untersuchung vorliegender Nutzerdaten der kanadischen Handy-App Strainprint durch. 252 Teilnehmende schlossen innerhalb von fast drei Jahren (April 2017 bis Februar 2020) 16.193 Behandlungssitzungen ab, von denen 16.187 Datensätze wissenschaftlich ausgewertet wurden. Die Frauen waren im Schnitt 33,1 Jahre alt und nutzten das Programm über eine Dauer von durchschnittlich 5,5 Monaten. Das Smartphone-Programm enthält Daten zu etwa 6.500 laborgeprüften kanadischen medizinischen Cannabisprodukten mit Produktinformationen wie Cannabissorte, Gehalt der Cannabinoide THC und CBD sowie dem Terpenprofil.

Vor einer Behandlung gaben die Frauen die zu behandelten Beschwerden an und bewerteten die Stärke auf einer Skala von 0 bis 10. Die Nutzerinnen hielten in der App Cannabissorte, Dosierung, Cannabinoidverhältnis zwischen THC und CBD sowie die Einnahmemethode (z. B. oral, inhalativ) fest. Nach der Anwendung bewerteten die Nutzerinnen erneut Beschwerden mithilfe der Skala. Die Wissenschaftler*innen untersuchten die Auswirkungen auf häufige Beschwerden bei Endometriose: Krämpfe, Beckenschmerzen, Übelkeit, Schmerzen im Magen-Darm-Bereich, Depressionen sowie reduzierte Libido.

Inhalative und orale Cannabisprodukte am häufigsten verwendet

Cannabis wurde auf verschiedene Wege angewendet:

  • Inhalation (67,4 %)
  • Orale Einnahme (32,3 %)
  • Topische Anwendung (0,2 %)
  • Transdermale Anwendung (0,1 %)        

Die häufigste Anwendungsart war die Inhalation: Etwa zwei Drittel der Frauen inhalierten Cannabisprodukte, wovon die meisten (40,6 %) Cannabis durch Verdampfen mit einem Vaporisator anwendeten. Etwa ein Viertel rauchte Cannabis und einige wenige Frauen inhalierten Konzentrate. Inhalative Cannabinoide haben den Vorteil, dass sie innerhalb von 5 bis 10 Minuten wirken und daher schnelle Linderung bei akuten Beschwerden bieten.

Die orale Einnahme wurde am zweithäufigsten genannt: Ungefähr ein Drittel (32,3 %) der App-Nutzerinnen nahmen Cannabis über den Mund ein, wovon der überwiegende Teil (25,0 %) Cannabisöle verwendete. Feste Darreichungsformen zum Schlucken, essbare Cannabisprodukte – sogenannte Edibles – sowie Tinkturen waren weniger vertreten. Orale Darreichungsformen haben im Vergleich zur inhalativen Einnahme einen langsameren Wirkeintritt von 45 bis 180 Minuten. Die Wirkungsdauer ist mit 6 bis 8 Stunden jedoch länger und die Blutspiegel gleichmäßiger, was insbesondere langanhaltende chronische Symptome lindern kann.

Bei den vorliegenden Daten waren topische, also lokale Anwendungen, der oralen Einnahme überlegen. Die Informationen sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren, da nur ein minimaler Bruchteil (0,1 %) der Patientinnen lokale Cannabinoide verwendete. Topische Cannabiszubereitungen können insbesondere bei örtlich begrenzten Beschwerden helfen. Die Studienlage ist derzeit jedoch sehr dünn.

Endometriose kann akute und chronische Beschwerden mit sich bringen, weshalb sowohl inhalative als auch orale Anwendungen sinnvoll sein können.

Beckenschmerzen und Verdauungsbeschwerden am häufigsten behandelt

Mit Cannabis behandelte Beschwerden:

  • Beckenschmerzen (42,4 %)
  • Magen-Darm-Beschwerden (15,2 %)
  • Krämpfe (14,9 %)
  • Übelkeit (13,9 %)
  • Depression (13,2 %)
  • Verminderte Libido (0,3 %)

Mit 42,4 Prozent verwendeten die meisten Frauen Cannabis zur Linderung von Beckenschmerzen, wobei meist inhalative Darreichungsformen bevorzugt wurden, möglicherweise aufgrund des schnelleren Wirkeintritts. Ein weiterer Vorteil der Inhalation ist die leichtere Steuerung der Wirkung.

Etwa jede sechste Frau nahm Cannabis gegen Magen-Darm-Beschwerden. Im Gegensatz zur Schmerzlinderung wurden bei Verdauungsbeschwerden und depressiven Symptomen orale Cannabispräparate bevorzugt. Möglicherweise trägt der tendenziell höhere CBD-Gehalt der oralen Cannabisprodukte zur effektiveren Wirkung bei.

Die THC- und CBD-Konzentrationen der verwendeten Cannabisprodukte variierte je nach Einnahmeart. Zur Inhalation wurden meist THC-dominante Cannabissorten verwendet, während zur oralen Anwendung eher CBD-dominierte Cannabisprodukte verwendet wurden.

Endometriose und das Endocannabinoid-System (ECS)

Jüngere Studien zeigten, dass Endometriose mit Fehlfunktionen im Endocannabinoid-System (ECS) verbunden sein kann. Eine 2019 veröffentlichte Studie zeigte, dass die Modulation des ECS möglicherweise ein Weg zur Schmerzlinderung bei Endometriose sein kann. Die Cannabinoide THC und CBD können verschiedene Beschwerden bei Endometriose und Verdauungsbeschwerden lindern. Das psychotrope THC lindert nachgewiesenermaßen Übelkeit und Erbrechen. Nicht-psychotropes CBD wirkt entzündungshemmend und antioxidativ.

Tiermodelle zeigten, dass CBD durch Hemmung des Enzyms Fettsäureamidhydrolase (FAAH) die Spiegel des Endocannabinoids Anandamid steigert und dadurch antientzündlich wirkt. Auch für CBD sind brechreizlindernde Effekte und gute Wirkungen bei Magen-Darm-Erkrankungen beschrieben. Auch beim Reizdarm-Syndrom wird eine Fehlfunktion des ECS vermutet mit einem klinischen Endocannabinoid-Mangel. CBD beeinflusst auch Serotoninrezeptoren (5-HT1A-Rezeptoren) und lindert so Depressionen und Ängste. Bei der tief infiltrierenden Endometriose (TIE) profitieren betroffene Frauen auch von der muskelentspannenden Wirkung der Cannabinoide, wodurch sich die angespannte Beckenbodenmuskulatur lockert.

Klinische Studien nötig

Laut dem Forscherteam hat die retrospektive Querschnittsstudie auch Einschränkungen. So wurden nur Frauen erreicht, die als Nutzerinnen von Strainprint bereits regelmäßig Cannabinoide anwenden. Im Untersuchungszeitraum von April 2017 bis Februar 2020 waren in Kanada größtenteils medizinische Cannabisblüten verfügbar, was auch ein Grund für die überwiegend inhalative Einnahme sein kann. Im Schnitt zeichneten die Frauen 64,2 Behandlungssitzungen auf, was darauf hindeutet, dass die Dateneingabe bei guter Wirkung fortgesetzt wurde.

Die Auswertung ergab, dass Cannabis bei allen gemeldeten Symptomen eine Wirkung haben könnte. Bei Unterleibsschmerzen scheint die Inhalation aufgrund der schnellen Schmerzlinderung bevorzugt zu sein. Verdauungsbeschwerden und Stimmungsstörungen könnten eher von oralen Cannabinoiden mit höherem CBD-Gehalt profitieren. Um Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit bei Endometriose zu untersuchen, sind jedoch klinische Studien mit betroffenen Frauen nötig.

Quelle:

Sinclair J, Collett L, Abbott J, Pate DW, Sarris J, Armour M. Effects of cannabis ingestion on endometriosis-associated pelvic pain and related symptoms. PLoS One. 2021;16(10):e0258940. Published 2021 Oct 26. doi:10.1371/journal.pone.0258940

About Minyi Lü

Minyi Lü suffers from chronic pain due to her finger arthritis. She has been treating her complaints very successfully with medicinal cannabis since 2017. As a pharmacist in internship, she now brings her know-how to report on the latest scientific findings around medicinal cannabis.