Cannabinoide bei Depressionen und Ängsten

Klinische Depressionen und Angststörungen zählen weltweit zu den gravierendsten gesundheitlichen Problemen. Die World Health Organization (WHO) geht davon aus, dass circa fünf Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung an einer Depression erkrankt ist – Frauen sind stärker betroffen als Männer [1]. Diese Zahl erhöht sich um ein Vielfaches, wenn erkrankte Kinder und Jugendliche sowie Menschen, die nicht ärztlich behandelt werden, hinzugerechnet werden. Die Corona-Pandemie leistete depressiven Symptomen und Angststörungen weiteren Vorschub: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation nahm die Quote allein im ersten Corona-Jahr um 25 Prozent zu. Betroffen sind vor allem junge Leute und Frauen [2].

Studien liefern Hinweise auf eine Wirksamkeit von medizinischem Cannabis, insbesondere CBD, bei beiden Diagnosen: Depressionen und Angststörungen. So könnten Cannabinoide eine ergänzende Therapiemaßnahme darstellen.

Wie werden Depressionen und Ängste behandelt?

Depressionen und Angststörungen sind eigenständige Krankheitsbilder, treten jedoch häufig in gemischter Ausprägung auf: Die Grenzen zwischen einer Angsterkrankung mit zeitweiser Niedergeschlagenheit und einer Depression, bei der schwere Angstzustände auftreten, sind fließend.

Auch die Therapie zeigt Ähnlichkeiten und besteht hauptsächlich aus Psychotherapie, weiteren therapeutischen Maßnahmen wie Ergo- oder Bewegungstherapie und in schwereren Fällen einer medikamentösen Behandlung. Bei Letzterer kommen vor allem Medikamente wie Antidepressiva zum Einsatz.

Wirkungsweise von Antidepressiva

Dem aktuellen Stand der Wissenschaft nach greifen antidepressive Medikamente in den Gehirn-Stoffwechsel ein. Die genaue Wirkungsweise ist bis heute nicht geklärt. Die Fachwelt geht davon aus, dass die Wirkstoffe auf körpereigene Botenstoffe wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin einwirken und das bei psychischen Störungen vorherrschende chemische Ungleichgewicht „korrigieren“. Welches Medikament für den einzelnen Betroffenen passt, lässt sich meist nicht eindeutig voraussagen. Häufig gleicht die Suche nach dem individuell geeigneten Antidepressivum daher einer Nadel im Heuhaufen. Leider können Antidepressiva vor allem zu Beginn ihrer Einnahme unangenehme Nebenwirkungen erzeugen, was nicht selten zu frühzeitigen Therapieabbrüchen führt [3].

Medizinisches Cannabis bei Depressionen und Angststörungen: Ein Blick in die Geschichte

Der Einsatz von pharmazeutischem Cannabis bei psychischen Leiden ist nicht neu: Bereits der pharmazeutische Arzt Li Shih-Chen (1518-1593) beschrieb die positiven Effekte der Hanfpflanze auf sogenannte „nervöse Verstimmungen“. Im 19. Jahrhundert galt Cannabis gar als Allheilmittel gegen physische und seelische Leiden aller Art [4]. Leider setzte sich später – unter anderem durch die Anti-Cannabis-Hasskampagne der US-amerikanischen Regierung nach der Prohibition in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts – die Annahme durch, dass die Wirkstoffe der Hanfpflanze das Risiko für psychische Erkrankungen generell erhöhen.

Cannabinoide als Therapie-Option

Neuere Untersuchungen richten den Fokus erneut auf die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei psychischen Leiden. Vor allem Cannabidiol (CBD) weckt das Interesse der Forschenden. Allerdings fehlen bisher weitgehend groß angelegte Studien.

CBD scheint antidepressiv und angstlösend zu wirken

Das Autorenteam einer Überblicksarbeit, die den Stand der Forschung zum Thema Angststörungen und Depressionen beleuchten, zieht ein positives Resümee der vorliegenden Studien: “Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass CBD eine potenzielle Therapie für die Behandlung von Angstzuständen, Depressionen, Schizophrenie und verwandten psychotischen Störungen sein könnte.” [5]

Medizinalcannabis: Depressive Symptome und Ängste bessern sich signifikant

Eine aktuelle Studie aus Kanada zeigt den positiven Einfluss von Medizinalcannabis auf klinische Depressionen und Angststörungen: Nach einjähriger Therapie mit Cannabinoiden verbesserten sich die Symptome der an der Untersuchung beteiligten Patient*innen signifikant. Insgesamt nahmen 7.362 Personen teil. Das Mindestalter der Teilnehmenden lag bei 18 Jahren und das Durchschnittsalter bei knapp 50 Jahren. Etwas mehr als die Hälfte waren Frauen. [6]

Fazit

Die Therapie mit medizinischem Cannabis – besonders mit Cannabidiol (CBD) – kann eine Alternative in der Behandlung von Depressionen und Angststörungen sein. Eventuell bieten Cannabinoide eine rasche Erleichterung der Symptomatik. Ein weiterer Vorteil ist das im Vergleich zu klassischen Antidepressiva günstigere Nebenwirkungsprofil.

Wichtig: Eine Therapie von Depressionen und Angststörungen mit Medizinalcannabis sollte nur unter ärztlicher Begleitung erfolgen!

Quellen:

[1] World Health Organization. (2021, September 13). Depression. World Health Organization; World Health Organization. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression

[2] Ärzteblatt, D. Ä. G., Redaktion Deutsches. (2022, March 2). WHO: Angst und Depressionen im ersten Coronajahr deutlich häufiger. Deutsches Ärzteblatt. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/132230/WHO-Angst-und-Depressionen-im-ersten-Coronajahr-deutlich-haeufiger

[3] Pharmakotherapie / Behandlung mit Medikamenten – Deutsche Depressionsliga. (n.d.). Deutsche Depressionsliga E.V. Retrieved December 14, 2022, from https://depressionsliga.de/depression-was-nun/pharmakotherapie-behandlung-mit-medikamenten/

[4] Medizinisches Cannabis: Vom Wundermittel zum Hassobjekt | Kalapa Clinic (kalapa-clinic.com)

[5] García-Gutiérrez MS, Navarrete F, Gasparyan A, Austrich-Olivares A, Sala F, Manzanares J. Cannabidiol: A Potential New Alternative for the Treatment of Anxiety, Depression, and Psychotic Disorders. Biomolecules. 2020 Nov 19;10(11):1575. doi: 10.3390/biom10111575. PMID: 33228239; PMCID: PMC7699613.

[6] Sachedina, F., Chan, C., Damji, R. S., & de Sanctis, O. J. (2022). Medical cannabis use in Canada and its impact on anxiety and depression: A retrospective study. Psychiatry Research, 313, 114573. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2022.114573

About Mirjam Hübner

Mirjam Hübner ist Diplom-Journalistin und arbeitet als Redakteurin und Kommunikationstrainerin. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus und Unternehmenskommunikation, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Finanzdienstleistung.