News: THC verstärkt Wirkung von opiathaltigen Schmerzmitteln

Opiatbasierte Schmerzmittel wie Morphin sind wichtige Medikamente zur Therapie starker, chronischer Schmerzen. Sie können jedoch unangenehme Nebenwirkungen wie Übelkeit und Verstopfung mit sich bringen. Darüber hinaus gibt es die Gefahr des Missbrauchs. Eine amerikanische Studie zeigt, dass niedrig dosiertes Dronabinol (THC) die schmerzlindernde Wirkung von Hydromorphon verstärken kann. Höhere Dosen des Cannabinoids erhöhten jedoch Schmerzempfindlichkeit, Missbrauchspotenzial und das Risiko für Nebenwirkungen. Daher gilt der Spruch: Weniger ist mehr.

Experimentelle Schmerzstudie mit 29 gesunden Testpersonen

An der doppelblinden, randomisierten und placebokontrollierten Studie der Johns Hopkins Universität nahmen 29 gesunde Personen teil. Als opiathaltiges Schmerzmittel wurde eine geringe Dosis Hydromorphon ausgewählt. Als Cannabismedikament wurde Dronabinol, eine synthetische Form von Tetrahydrocannabinol (THC) verabreicht. Das Forscherteam führte die Untersuchungen mit fünf verschiedenen Medikamentenkombinationen durch:

• Placebo und Placebo

• Hydromorphon und Placebo

• Hydromorphon und niedrige Dosis Dronabinol

• Hydromorphon und mittlere Dosis Dronabinol

• Hydromorphon und hohe Dosis Dronabinol

Das wissenschaftliche Team führte zunächst Untersuchungen durch, um das Schmerzempfinden der Teilnehmer*innen ohne Einfluss von Medikamenten zu messen. Als Labormodell für akute Schmerzen wurden Hitzereize eingesetzt, um Schmerzschwelle und -toleranz festzustellen. Die Schmerzschwelle ist die Temperatur, die als schmerzhaft empfunden wird. Die Schmerztoleranz ist die maximal aushaltbare Hitze. Zusätzlich untersuchten die Forscher*innen die Testpersonen auf zentrale Sensibilisierung (erhöhte Schmerzempfindlichkeit). Um chronische Schmerzen zu simulieren, wurde eine Capsaicin-Creme auf die Haut aufgetragen. Capsaicin ist der scharfe Inhaltsstoff in Chilischoten.

Danach nahmen die Teilnehmenden die Medikamente ein. Die Wissenschaftler*innen wiederholten die Messungen anschließend und dokumentierten auftretende Nebenwirkungen. Zusätzlich stuften die Teilnehmenden die Stärke ihrer subjektiven Empfindungen auf einer visuellen Analog-Skala (VAS) von 0 bis 100 ein. Erfragt wurden: angenehme und unangenehme Wirkungen sowie das Hochgefühl. Zur Untersuchung des Missbrauchspotenzials wurden die Teilnehmenden dazu befragt, ob sie die Medikamentenwirkung genossen haben und ob sie die Studienmedikation erneut einnehmen würden.

Niedrige THC-Dosen verstärken analgetische Wirkung von Hydromorphon bei akuten Schmerzen

Die wissenschaftliche Studie ergab, dass Hydromorphon die experimentellen akuten Schmerzen im Vergleich zum Placebo kaum senken konnte. So gaben die Proband*innen unter Hydromorphon eine Hitzeschmerzschwelle von durchschnittlich 44,0° Celsius an, die bei der Einnahme des Placebos mit 44,7° Celsius sogar höher lag. Wurde zum Opiat noch Dronabinol eingenommen, stiegen bei den Versuchen zum akuten Schmerz sowohl Schmerzschwelle als auch Schmerztoleranz. Die stärkste Schmerzlinderung zeigte die kleinste Dosis Dronabinol (2,5 mg). Die Schmerzschwelle kletterte auf 45,6° Celsius, ein Anstieg um 1,6° Celsius. Auch die maximal tolerierbare Temperatur lag mit 48,9°Celsius höher als bei der alleinigen Einnahme von Hydromorphon (48,1°Celsius). Im Testmodell für chronische Schmerzen zeigten sich dagegen keine Effekte.

Allerdings stieg auch das Missbrauchspotenzial. So gaben bei der kombinierten Anwendung von Hydromorphon und einer niedrigen Dosis Dronabinol 20,7 Prozent der Personen ihr subjektives Hochgefühl auf der VAS mit über 60 an, im Vergleich zu 3,4 Prozent, die ausschließlich das Opiat eingenommen haben. Laut Angaben der Testpersonen würden mehr als die Hälfte (51,7 %) die Kombination aus Hydromorphon und einer mittleren Dosis THC erneut einnehmen, im Vergleich zu 34,5 Prozent, die nur das Opiat angewendet haben.

Höhere Schmerzempfindlichkeit bei Kombination von Opiaten mit hochdosiertem Dronabinol

Die beiden höheren Cannabinoid-Dosen wirkten jedoch nicht besser gegen die Schmerzen. Ganz im Gegenteil: Bei Einnahme von Hydromorphon zusammen mit der höchsten Dosis Dronabinol wurde eine sogenannte Hyperalgesie, also eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit, beobachtet. Außerdem berichteten Teilnehmende, die eine mittlere oder hohe Dosis Dronabinol einnahmen, vermehrt über Nebenwirkungen. Verglichen mit der alleinigen Anwendung von Hydromorphon war das Risiko für unerwünschte Effekte jedoch nicht signifikant erhöht.

Größere Studien mit Schmerzpatient*innen nötig

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben gezeigt, dass niedrige Dosen Tetrahydrocannabinol die schmerzlindernde Wirkung bei Personen, die auf Opioide ansprechen, steigern kann. Dadurch kann möglicherweise die Dosis der nebenwirkungsreichen opiathaltigen Schmerzmittel reduziert werden. Da Studienergebnisse, die mit gesunden Personen generiert wurden, nicht zwangsläufig für Schmerzpatient*innen gelten, kam das Forscherteam zum Schluss, dass größere Studien mit Erkrankten nötig sind. Zukünftige Untersuchungen werden zeigen, wie chronische Schmerzpatienten und -patientinnen am besten von der kombinierten Behandlung mit Opiaten und THC profitieren können.

Quelle:

https://www.nature.com/articles/s41386-021-01007-4#citeas

Dunn, K.E., Bergeria, C.L., Huhn, A.S. et al. Within-subject, double-blinded, randomized, and placebo-controlled evaluation of the combined effects of the cannabinoid dronabinol and the opioid hydromorphone in a human laboratory pain model. Neuropsychopharmacol. (2021). https://doi.org/10.1038/s41386-021-01007-4

Bild von Sabine Löwer auf Pixabay 

About Minyi

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als PTA und Pharmaziestudentin bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.