CED – Wie können Cannabinoide helfen?

Sie verursachen erheblichen Leidensdruck: Chronisch-Entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn (MC), Colitis ulcerosa (CU) und einige weniger bekannte Formen gehen mit unangenehmen Symptomen wie dauernden Durchfällen, Gewichtsverlust, starken Bauchschmerzen und Leistungsminderung einher. Auch wenn die Studienlage zum Wirkmechanismus im Magen-Darm-Trakt nicht eindeutig ist, mehren sich die Hinweise auf eine Verbesserung der Lebensqualität durch medizinisches Cannabis.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED): Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Unter CED versteht die medizinische Fachwelt chronisch-Entzündliche Darmerkrankungen – andauernde, nicht ansteckende Erkrankungen des Verdauungstraktes, deren Symptome in der Regel schubweise auftreten [1].

Neben den bekanntesten Vertretern – Morbus Crohn und Colitis ulcerosa – zählen weitere weniger bekannte Formen zu den CED [2]:

  • Pouchitis (Entzündung des Pouches, einer aus dem Mastdarm geformten Tasche, die nach operativer Entfernung des Dick- und Mastdarmes als Darmausgang gilt)
  • Mikroskopische Kolitis
  • Eosinophile Gastroenteritis
  • Colitis cystica profunda bzw. Enterocolitis cystica profunda

Allen Krankheitsbildern ist gemein, dass die Betroffenen erhöhte Entzündungswerte in Blut und Stuhl aufweisen. Aktive Phasen der Erkrankung mit Beschwerdesymptomatik (“Rezidiv”) wechseln sich mit beschwerdefreien Intervallen (“Remission”) ab. Die Angst vor dem nächsten Krankheitsschub wird von den Patient*innen häufig als zusätzliche Belastung empfunden. Ziel jeder Therapie ist es daher, so rasch wie möglich eine Remission zu erzielen und diese auch möglichst lange beizubehalten. In etwa 50 Prozent der Fälle einer CED kommt es zusätzlich zu Beschwerden außerhalb des Darms (“extraintestinale Manifestationen”), etwa der Gelenke oder von Leber, Niere und Gallenblase sowie von Augen und Mund [1].

Die Zahl der Patient*innen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen steigt weltweit an: Lag sie 1990 noch bei 3,7 Mio. Betroffenen, zählten 2017 6,8 Mio. Menschen dazu [3]. In Deutschland leiden nach Schätzungen circa 420.000 bis 470.000 Menschen an CED, womit die Erkrankungen ein nicht unerhebliches volkswirtschaftliches Risiko darstellen. Meist erkranken eher junge Menschen und sind im Anschluss lebenslang betroffen [4].

Therapie der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Die medikamentöse Behandlung der CED richtet sich nach den betroffenen Darmabschnitten und dem Verlauf der Erkrankung. Für den gesamten Formenkreis gilt, dass die genauen Krankheitsursachen nicht bekannt sind. Gingen Expert*innen früher von reinen Autoimmunerkrankungen aus, wird heute ein Zusammenspiel verschiedener – auch genetischer und immunologischer Faktoren – diskutiert.

Morbus Crohn

Akute Schübe von Morbus Crohn werden in der Regel mit dem entzündungshemmenden Mittel Mesalazin oder Corticosterioden wie Budesonid behandelt. Letzteres wirkt hauptsächlich örtlich im Darm und ist als Zäpfchen, Klistier oder Schaum erhältlich. Bei stärkeren Krankheitsschüben oder wenn Magen, Speiseröhre und Zwölffingerdarm zusätzlich entzündet sind, wird die Therapie um systemische Steroide wie Prednisolon ergänzt. Damit soll ein starker Befall des Dünndarms, der für die Nährstoffaufnahme verantwortlich ist, vermieden werden.

Nach der Akuttherapie wird in der Regel eine Langzeittherapie eingeleitet. Dabei kommen neben klassischen Immunsuppressiva auch so genannte Biologika (“monoklonale Antikörper”) zum Einsatz.  Sowohl klassische Immunsuppressiva als auch Biologika dämpfen die überschießende Reaktion des Immunsystems auf den eigenen Körper.

Colitis ulcerosa

Auch die Therapie der Colitis ulcerosa verläuft nach einem Stufenschema. Im Gegensatz zu Morbus Crohn sind bei dieser Krankheit lediglich Enddarm und manchmal auch der Dickdarm entzündet, jedoch nicht der gesamte Verdauungstrakt. Darüber hinaus finden sich die Entzündungsherde meist nur auf der obersten Schicht der Darmwand. Wer an einem aktuellen Schub leidet, wird meist zunächst mit 5-Aminosalicylsäure (5-ASA), einer Vorstufe des Wirkstoffs Mesalazin, behandelt. Im Anschluss ähnelt die Therapie der des Morbus Crohn, muss aber immer an den individuellen Krankheitsverlauf angepasst werden. Eine engmaschige ärztliche Betreuung ist wie bei allen CED unabdingbar [5].

Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie

Gerade Steroide weisen ein unangenehmes Nebenwirkungsprofil auf. Die Medikamente können unter anderem zu Osteoporose, Gewichtszunahme, einer speziellen Form des Diabetes und Hautverdünnung führen. Ziel jeder Therapie von CED ist es daher, die Zahl der beschwerdefreien Intervalle zu erhöhen und mit möglichst wenig Steroiden auszukommen. Leider ist auch die Behandlung mit Immunsuppressiva nicht nebenwirkungsfrei, da durch die Unterdrückung der körpereigenen Abwehrkräfte das Risiko für Pilz- und Virusinfektionen steigt.

Es bleibt Aufgabe der Betroffenen und ihrer Behandler*innen, diejenigen Maßnahmen herauszufinden, welche das beste spezifische Therapierergebnis ermöglichen.

Medizinalcannabis: Mehr Lebensqualität bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Die entzündungshemmenden und schmerzstillenden (analgetischen) Eigenschaften von Cannabinoiden können einige der belastenden Symptome, die mit CED einhergehen, lindern. Man geht heute davon aus, dass das körpereigene Endocannabinoid-System an der Steuerung zentraler Wirkprinzipien im Gastrointestinaltrakt beteiligt ist. So spielt es eine zentrale Rolle bei der Regulation der motorischen Aktivität – unter anderem der Mobilität des Darms -, aber auch bei der Entstehung von Übelkeit und Erbrechen sowie der Aufrechterhaltung der Darmoberfläche. Auch wenn Cannabinoide nach aktuellem Stand der Forschung in den meisten Fällen keine komplette Beschwerdefreiheit (“Remission”) erzielen können, ist es dennoch möglich, die Lebensqualität der Betroffenen im Rahmen einer Therapie erheblich zu steigern.

Interessant ist darüber hinaus die Tatsache, dass Cannabis bei vielen von CED-Betroffenen schon heute eine hohe Akzeptanz genießt (siehe unten).

Vorteile von Cannabinoiden auf einen Blick

  • Entzündungshemmend
  • Verbesserung der Darmmobilität
  • Analgetisch
  • Steigerung des Wohlbefindens
  • Rückgang der Aktivität der CED

Weniger Steroide durch Behandlung mit Cannabisblüten

2013: In einer randomisierten kontrollierten Studie untersuchten israelische Forscher*innen die Wirkung von THC-reichen Cannabisblüten auf an Morbus Crohn (22 Betroffene) oder Colitis ulcerosa (10 Personen) leidenden Patient*innen. Das Ergebnis ist vielversprechend: Nach acht Wochen Therapie wurde bei fünf der Teilnehmer*innen eine Remission der Beschwerden erzielt. Zum Vergleich: In der Placebogruppe war es nur eine Person. Darüber hinaus konnten fünf Betroffene die Behandlung mit Corticosteroiden absetzen.

THC scheint also eine Therapieoption bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu sein und den Bedarf an Steroiden zu reduzieren [6].

Hohe Akzeptanz von Cannabinoiden bei Betroffenen von CED

In verschiedenen jüngeren Studien kommen internationale Wissenschaftler*innen zu dem Ergebnis, dass an CED leidende Patient*innen bereits relativ häufig Cannabinoide konsumieren – und das mit individuell gutem Erfolg. So ergab eine Meta-Analyse verschiedener Umfragen und kleinerer Studien durch österreichische Experten*innen aus dem Jahr 2017 eine Linderung CED-typischer Symptome wie Durchfall, Bauchschmerzen oder Übelkeit bei den Betroffenen [7].

Deutsche Querschnittsumfrage belegt Symptomlinderung bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa durch cannabisbasierte Arzneimittel

Ein ähnliches Resultat lieferte eine deutsche Querschnittsumfrage bei CED-Patient*innen aus dem Jahr 2021: Die Befragten berichteten ebenfalls von einer Besserung Morbus Crohn- bzw. Colitis ulcerosa-relevanter Beschwerden wie Bauschmerzen, Schlaf, Unruhe und Ängsten. Allerdings verwendete mehr als die Hälfte unregulierte Produkte aus dem Schwarzmarkt, die keiner Qualitätskontrolle unterliegen. Es besteht also weiterer Bedarf an klinischer Forschung [8].

Patientenbefragung zeigt hohe Weiterempfehlungsquote für Cannabinoide durch CED-Betroffene

83 Prozent der Konsumierenden bestätigten eine Linderung ihrer Beschwerdeproblematik wie Bauchschmerzen und Darmprobleme, über 90 Prozent würden Cannabinoide zur Therapie weiterempfehlen. Alarmierend ist die Tatsache, dass über die Hälfte der Konsumierenden die Substanzen auf dem Schwarzmarkt bezieht.

Die Initiator*innen der Befragung leiten daraus Handlungsbedarf ab und fordern die behandelnden Mediziner*innen auf, CED-Patient*innen stärker über die Behandlungsmöglichkeiten mit cannabisbasierten Arzneimitteln aufzuklären [9] .

Quellen

[1] Was ist Morbus Crohn, was ist Colitis ulcerosa? CED-Kompass. Retrieved May 11, 2022, from https://ced-kompass.at/dein-wissen/

[2] Hoffmann J. C., Jörg Carl Hoffmann, Autschbach, F., & Al, E. (2004). Chronisch entzündliche Darmerkrankungen das CED-Handbuch für Klinik und Praxis ; 66 Tabellen. Stuttgart Georg Thieme.

[3] Alatab, S., Sepanlou, S. G., Ikuta, K., Vahedi, H., Bisignano, C., Safiri, S., Sadeghi, A., Nixon, M. R., Abdoli, A., Abolhassani, H., Alipour, V., Almadi, M. A. H., Almasi-Hashiani, A., Anushiravani, A., Arabloo, J., Atique, S., Awasthi, A., Badawi, A., Baig, A. A. A., & Bhala, N. (2020). The global, regional, and national burden of inflammatory bowel disease in 195 countries and territories, 1990–2017: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2017. The Lancet Gastroenterology & Hepatology, 5(1), 17–30. https://doi.org/10.1016/s2468-1253(19)30333-4

[4] Yumpu.com. (n.d.). Die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen … – Barmer GEK. Yumpu.com. Retrieved May 11, 2022, from https://www.yumpu.com/de/document/view/15919925/die-chronisch-entzundlichen-darmerkrankungen-barmer-gek

[5] Sturm, A., Stallmach, A., Atreya, R., Bettenworth, D., Bokemeyer, B., Dignaß, A., Ehehalt, R., Germer, C., Grunert, P. C., Helwig, U., Herrlinger, K., Kienle, P., Kreis, M. E., Kucharzik, T., Langhorst, J., Maaser, C., Ockenga, J., Ott, C., Siegmund, B., & Zeißig, S. (2022). Aktualisierte S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Morbus Crohn“ der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) – August 2021 – AWMF-Registernummer: 021-004. Zeitschrift Für Gastroenterologie, 60(03), 332–418. https://doi.org/10.1055/a-1713-3941

[6] Naftali, T., Barlev, L., Gabay, G., Chowers, Y., Dotan, I., Stein, A., Bronstein, M., & Konikoff, F. M. (2013). P358 Tetrahydrocannabinol (THC) induces clinical and biochemical improvement with a steroid sparing effect in active inflammatory bowel disease. Journal of Crohn’s and Colitis, 7, S153. https://doi.org/10.1016/s1873-9946(13)60379-7

[7] ] Hasenoehrl, C., Storr, M., & Schicho, R. (2017). Cannabinoids for treating inflammatory bowel diseases: where are we and where do we go? Expert Review of Gastroenterology & Hepatology, 11(4), 329–337. https://doi.org/10.1080/17474124.2017.1292851

[8] Neufeld, T., Pfuhlmann, K., Stock-Schröer, B., Kairey, L., Bauer, N., Häuser, W., & Langhorst, J. (2021). Cannabis use of patients with inflammatory bowel disease in Germany: a cross-sectional survey. Zeitschrift Für Gastroenterologie. https://doi.org/10.1055/a-1400-2768

[9] Langhorst, J., & Häuser, W. (n.d.). Querschnittserhebung: Cannabiskonsum von CED- Betroffenen in Deutschland. Bauchredner, 1/2022, 82–89.

About Mirjam Hübner

Mirjam Hübner ist Diplom-Journalistin und arbeitet als Redakteurin und Kommunikationstrainerin. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus und Unternehmenskommunikation, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Finanzdienstleistung.