Cannabisbasierte Medikamente haben bestes Nutzen-Sicherheitsprofil

Ein internationales Forscherteam verglich drei Cannabinoid-Therapien mit sechs nicht-cannabisbasierten Medikamenten. Die Arzneimittel wurden nach ihrem Nutzen-Risiko-Verhältnis zur Behandlung chronischer Nervenschmerzen bei Erwachsenen beurteilt. Ergebnis: Obwohl Cannabinoide hinsichtlich ihrer Schmerzlinderung den Arzneistoffen Amitriptylin, Duloxetin und Gabapentin unterlegen sind, verbessern cannabisbasierte Medikamente die Lebensqualität stärker – und das bei einem besseren Nebenwirkungsprofil. Möchten Patient*innen also gezielt ihre Lebensqualität steigern, kann Cannabis eine gute Therapieoption sein.

Im Vergleich zu anderen Arzneimitteln wie Antidepressiva, Schmerzmittel und Antiepileptika haben cannabisbasierte Medikamente das beste Nutzen-Risiko-Verhältnis: Das optimalste Ergebnis erzielten THC/CBD-balancierte Cannabismedikamente, gefolgt von CBD-dominanten und THC-dominanten Produkten. Das ergab eine 2020 durchgeführten multikriterielle Entscheidungsanalyse (MCDA: multicriteria decision analysis).

Entscheidungskonferenz mit Schmerzkliniken, Neurolog*innen, Psychiater*innen, Wissenschaftler*innen und Betroffenen

Die medikamentöse Behandlung chronischer Schmerzen ist eine große Herausforderung. Aufgrund zunehmender wissenschaftlicher Evidenz und klinischen Erfahrungen gewinnen Cannabinoide in der Schmerztherapie immer weiter an Bedeutung.

Zur Erarbeitung der multikriteriellen Entscheidungsanalyse (MCDA) versammelte sich ein multiprofessionelles Expertengremium: Schmerzkliniken in England, Dänemark, Israel und Deutschland, Neurolog*innen und Psychiater*innen sowie wissenschaftliche Fachkräfte nahmen daran teil. Daneben wirkten auch Cannabispatient*innen mit. Eine kleinere Gruppe began am 9. Dezember 2019 mit der Arbeit am MCDA und erstellte eine Liste medikamentöser Therapien bei chronischen Nervenschmerzen. Das Team stellte zu den Arzneimitteln günstige und ungünstige Nebenwirkungen zusammen. Die positiven Effekte auf Schmerz und Lebensqualität wurden gegen 15 negtive Effekte abgewägt.

Insgesamt wurden drei cannabisbasierte Medikamente (THC-dominant, CBD-dominant und THC/CBD-ausbalanciert) mit neun nicht-cannabinoiden Medikamenten verglichen: den Antidepressiva Amitriptylin und Duloxetin, dem Antiepileptikum Gabapentin, den opioiden Schmerzmitteln Methadon, Oxycodon, Morphin und Fentanyl, sowie dem nicht-opioiden Schmerzmittel Ibuprofen.

Kriterien zur Bewertung von Nutzen und Risiken der Medikamente

Die Gruppe legte eine willkürliche Skala von 0 bis 100 für jedes Kriterium fest: Die für das jeweilige Kriterium beste Option wird mit 100 Punkte und die am wenigsten zu bevorzugende Möglichkeit mit 0 Punkte bewertet, woraus eine Gesamtpunktzahl berechnet wurde. Höhere Punktzahlen bedeuten ein besseres Nutzen-Risiko-Verhältnis: Günstige Effekte wie Schmerzlinderung sind stärker und falls Nebenwirkungen auftreten, sind diese weniger gefährlich. Die Punkte sind jedoch relativ zu verstehen. Das nicht-opioide Schmerzmittel Ibuprofen wurde mit 0 Punkten bewertet, was bedeutet, dass der Wirkstoff im Vergleich zu den anderen Medikamenten am schwächsten schmerzlindernd wirkt. 100 Punkte für Duloxetin, Gabapentin und Amitriptylin bedeuten, dass diese drei Wirkstoffe die beste Schmerzlinderung bewirken.

Cannabinoide haben besseres Nutzen-Risiko-Verhältnis als andere Schmerzmittel

Im Januar 2020 tagte schließlich das gesamte Expertengremium und kam zu folgendem Schluss: Orale cannabisbasierte Medikamente sind eine wichtige Option zur Behandlung chronischer (über 3 Monate anhaltender) neuropathischer Schmerzen. Im Vergleich zu anderen Schmerzarten liegt für Medizinalcannabis bei neuropathischen Schmerzen derzeit die beste Evidenz vor. Demnach haben Cannabismedikamente das beste und die opiatbasierten Schmerzmittel Morphin und Fentanyl das ungünstigste Nutzen-Risiko-Verhältnis.

Die Analyse zeigte, dass THC-dominante und THC/CBD-dominante Cannabismedikamente im Vergleich zu anderen häufig verordneten Medikamenten sowohl effektiver als auch sicherer sind. So sind bisher keine gefährlichen Überdosierungen durch alleinige Anwendung von Medizinalcannabis beschrieben. Alle 12 medikamentösen Therapien und 17 Kriterien wurden kombiniert untersucht. Es zeigte sich, dass in puncto Schmerzlinderung Amitriptylin, Duloxetin und Gabapentin am besten wirken.

Die beste Steigerung der Lebensqualität wurde jedoch durch Tetrahydrocannabinol (THC) alleine oder in Kombination mit dem nicht-psychotropen Cannabidiol (CBD) erzielt.

Auch wenn Cannabinoide weniger schmerzlindernd wirkten als andere Medikamente, konnten opiatbasierte Schmerzmittel am besten durch THC-dominante und THC/CBD-ausbalancierte Cannabismedikamente eingespart werden.

Gesamtbewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses der untersuchten medikamentösen Therapien:

Schmerzlindernde Wirkung von Tetrahydrocannabinol (THC)

THC übt seine schmerzstillende Wirkung durch Bindung an Cannabinoid-1-Rezeptoren (CB1-Rezeptoren) aus, die im zentralen Nervensystem weit verbreitet sind. Zwei klinische Studien untersuchten unter anderem den Einfluss von Cannabinoiden auf die Lebensqualität von Patient*innen mit chronischen Nervenschmerzen. Eine 2012 veröffentlichte Doppelblindstudie zeigte, dass Nabilon, ein synthetischer THC-Abkömmling effektiv neuropathische Schmerzen bei peripherer diabetischer Neuropathie lindert. Auch der Schlaf sowie die gesamte Lebensqualität verbesserte sich. Eine weitere 2010 publizierte Studie mit 23 Teilnehmenden zeigte dagegen keine signifikante Verbesserung der Lebensqualität durch Rauchen von THC-freien sowie unterschiedlich dosierten THC-haltigen Cannabisblüten. Allerdings besserte sich durch Anwendung von Cannabisblüten mit dem höchsten THC-Gehalt der Schlaf.

Kein Ersatz für klinische Studien

Die Ergebnisse zeigen, dass chronische Schmerzen schwer therapierbar sind. Auch wenn eine multikriterielle Entscheidungsanalyse klinische Studien nicht ersetzten kann, ermöglicht sie den Austausch klinischer Erfahrung und gibt dadurch verschreibenden Ärzt*innen und Patient*innen einen Leitfaden zur Schmerztherapie mit Cannabinoiden in die Hand. Weitere Studien sind nötig, um die Evidenzlage von Cannabinoiden zur Behandlung chronischer neuropathischer Schmerzen weiter zu verbessert. Daneben ist auch die systematische Erfassung klinischer Erfahrungen mit Cannabinoiden wichtig.

Quelle:

Nutt DJ, Phillips LD, Barnes MP, et al. A Multicriteria Decision Analysis Comparing Pharmacotherapy for Chronic Neuropathic Pain, Including Cannabinoids and Cannabis-Based Medical Products [published online ahead of print, 2021 Mar 17]. Cannabis Cannabinoid Res. 2021;10.1089/can.2020.0129. doi:10.1089/can.2020.0129

About Minyi Lü

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als Pharmazeutin im Praktikum bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.