Cannabis bei Schlafstörungen

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Das Endocannabinoid-System (ECS) steuert viele Körperfunktionen wie Schmerzwahrnehmung, Gedächtnis und Schlaf. Eine Auswertung kanadischer Forscher*innen von 24.189 Nutzerdaten der Cannabis-App Strainprint ergab eine signifikante Linderung von Insomnie (Schlaflosigkeit). Beschwerden gingen um mehr als die Hälfte zurück. Bevorzugt wurden Indica-dominante Cannabissorten, die hauptsächlich psychotropes Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten.

Schlafstörungen – weit verbreitet in der Bevölkerung

Schätzungsweise 10 Prozent der Erwachsenen leidet an chronischer Insomnie. Fast ein Drittel  leidet gelegentlich an Schlafstörungen. Verlaufsstudien zeigten, dass 70 Prozent der Patient*innen auch ein Jahr später an Symptomen leiden. Die Hälfte schläft sogar drei Jahre später noch schlecht.

Beschwerden bei Insomnie (Schlafstörungen):

  • Einschlafstörungen
  • Durchschlafstörungen
  • Nicht erholsamer Schlaf
  • Beeinträchtigung von Arbeitsleistung, Lebensqualität und psychischer Gesundheit

Darüber hinaus treten Schlafstörungen selten alleine auf, sondern sind oft Begleitsymptom anderer psychischer und körperlicher Erkrankungen. Die schlaflosen Nächte steigern den Leidensdruck zusätzlich.

Auswertung von rund 25 Tausend Datensätzen einer Cannabis-App

Das kanadische Forscherteam wertete 24.189 Behandlungssitzungen aus. Die Stichprobe enthält Daten aus drei Jahren, die zwischen Februar 2017 und Februar 2020 von 991 Nutzer*innen mit Schlaflosigkeit unter Realbedingungen aufgezeichnet wurden. Vor und nach der Cannabisanwendung stuften App-Nutzer*innen das Ausmaß ihrer Schlaflosigkeit von 0 bis 10 ein, wobei höhere Ziffern schlechteren Schlaf bedeuten. Im Schnitt stuften die 991 Teilnehmenden die Schlaflosigkeit auf der Skala mit 7,35 ein. Außerdem dokumentieren Betroffene Daten zur Cannabisanwendung wie Cannabissorte, Anwendungsmethode und Cannabinoidgehalt.

Verbesserter Schlaf durch Cannabinoide

Cannabis konnte die schlechte Schlafqualität von 7,35 in allen Altersgruppen signifikant verbessern: Nach der Cannabisanwendung gingen Schlafstörungen um über die Hälfte auf 3,2 zurück. Um welche Uhrzeit die Anwendung für einen erholsamen Schlaf erfolgen sollte, konnte nicht erhoben werden, da Strainprint keine Angabe zu eventueller Schichtarbeit vorsah.

Eine Studie mit jungen Erwachsenen ergab 2004, dass Tetrahydrocannabinol (THC) die Schlafarchitektur, also den physiologischen Ablauf der Schlafphasen nicht beeinflusst. Dies ändert sich im Zusammenwirken mit nicht-psychotropem Cannabidiol (CBD). Bei THC/CBD-balancierten Cannabismedikamenten beobachteten die Forscher*innen eine Abnahme des Tiefschlafs, bei höherer Dosierung verstärkten sich auch Wachheitsphasen. Trotz dieser Ergebnisse fühlten sich die Teilnehmenden unter Cannabis schläfriger. Die Forscher*innen schlossen daraus, dass CBD den Wachheitszustand dosisabhängig beeinflusst. Die aktivierenden und sedierenden Wirkungen von THC und CBD können möglicherweise Einschlafen fördern, ohne dass es zu Tagesmüdigkeit kommt.

Indica-dominante Cannabissorten bevorzugt

Insgesamt wurden Cannabissorten aller Produktkategorien als lindernd wahrgenommen. Bestimmte Cannabissorten werden jedoch bevorzugt: Fast Zweitdrittel der Teilnehmenden verwendeten zum Schlafen als sedierend geltende Indica-dominante Cannabissorten. Zu CBD-reichen Cannabisprodukten griff etwa jeder Siebte der App-Nutzer*innen. Nur etwa 7 Prozent bevorzugten Sativa-dominante Sorten, denen eine stimulierende Wirkung nachgesagt wird.

Verwendete Cannabis-Kategorien:

  • Indica (38,3 %)
  • Indica-dominanter Hybrid (26,7 %)
  • CBD-dominant (13,8 %)
  • Ausgeglichener Hybrid (12,7 %)
  • Sativa (4,5 %)
  • Sativa Hybrid (2,5 %)

Die unterschiedlichen Wirkeffekte können das Ergebnis des Entourage-Effekts sein, bei dem Phytocannabinoide und weitere Bestandteile wie Terpene in Cannabis synergistisch wirken. Genau hier liegt allerdings ein Schwachpunkt der Studie, da Sortennamen nicht einheitlich definiert sind und daher unterschiedliche Terpenprofile haben können.

Weitergehende Studien nötig

Es sollte genauer der Zusammenhang zwischen chemischer Zusammensetzung des Cannabisprodukts und der wahrgenommenen Wirkung erforscht werden. Zukünftige Studien sollten die variierenden Terpen- und Cannabinoidkonzentrationen einbeziehen. Diese Erkenntnisse können es möglich machen, Cannabissorten akkurat zu klassifizieren und somit genauere Produktinformationen für Cannabispatient*innen bereitzustellen. Zukünftige Doppelblindstudien werden die Effektivität und das Sicherheitsprofil bei Schlafstörungen weiter erforschen.

Quelle:

Kuhathasan N, Minuzzi L, MacKillop J, Frey B The Use of Cannabinoids for Insomnia in Daily Life: Naturalistic Study J Med Internet Res 2021;23(10):e25730 URL: https://www.jmir.org/2021/10/e25730 DOI: 10.2196/25730

About Minyi Lü

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als Pharmazeutin im Praktikum bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.