Cannabis bei Lidkrampf

cannabis- Lidkrampf

Beim Lidkrampf kommt es zu Muskelkrämpfen beim Lidschluss, die praktisch Blindheit bedeuten. Therapien wie das medikamentöse Ausschalten der verkrampften Muskeln mit Botox oder eine Operation bringen nicht immer Erfolg.

Eine kleine israelische Doppelblindstudie an sechs Betroffenen zeigt, dass ein sublingualer Cannabisextrakt lindernd wirkt: Die Krampfdauer ging stark zurück, sowie Häufigkeit und Schwere der Krampfanfälle. Einstündige Lidkrämpfe dauerten unter Cannabistherapie lediglich wenige Minuten. Neben THC enthielt der Cannabisextrakt CBD und andere Pflanzeninhaltsstoffe wie Terpene. Medizinalcannabis kann eine effektive Therapieoption für Betroffene sein, bei denen Botox nicht wirkt, so das Forscherteam.

Lidkrampf – Was ist das?

Lidkrampf (Benigner essentieller Blepharospasmus) ist eine Bewegungsstörung (Dystonie) der Augenhöhlen- und Gesichtsmuskulatur. Die neurologische Erkrankung bringt unwillkürliche Muskelverkrampfungen beim Lidschluss mit sich. Betroffene sind während der Krämpfe praktisch blind und leiden somit unter sehr starken Beeinträchtigungen.

Die Erkrankung beginnt im Alter von 50 bis 70 Jahren mit Augenbeschwerden (wie häufiges Blinzeln, trockene Augen), später kommt es zu dauerhaften Lidkrämpfen. In den USA sind 20.000 bis 50.000 Personen erkrankt.

Die Therapie erfolgt durch Botox (Botulinumtoxin-Injektionen) zur Lähmung der verkrampften Muskeln oder eine Operation. Anticholinerge und antiepileptische Medikamente wirken lindernd, haben jedoch Nebenwirkungen, insbesondere bei älteren Personen. Augentrockenheit und Ptosis (Lidmuskelschwäche mit Herabhängen des Oberlids) sind weitere Beschwerden.

Prospektive Doppelblindstudie mit 6 Betroffenen

Das Forscherteam wählte zwischen März 2019 und Februar 2020 sechs Teilnehmende (aus ursprünglich 21 Personen) für die Doppelblindstudie aus. Bei den im Schnitt 65-jährigen Betroffenen war Botulinumtoxin unwirksam. Die 3-monatige Studie bestand aus zwei Abschnitten, die jeweils 6 Wochen andauerten. Zufällig wurden jeweils drei Personen auf die Therapie- und die Placebogruppe eingeteilt.

Die Therapiegruppe nahm 3 Monate lang nachts ein Cannabis-Öl der Sorte „Erez“ sublingual (unter der Zunge) ein. Das Öl enthielt hauptsächlich THC (3,2 %). Weitere Cannabinoide waren CBD (0,1 %) und 3,3 Prozent sonstige Cannabinoide. Weitere Pflanzeninhaltsstoffe waren Terpene, Flavonoide, Wachse und Chlorophyll (Blattgrün).

Teilnehmende der Placebogruppe erhielten für 6 Wochen ein Scheinmedikament und in der nachfolgenden Studienphase ebenfalls Cannabis-Öl. Die Betroffenen stellten unter ärztlicher Begleitung ihre individuelle Tropfendosierung ein.

Außerdem führten sie ein Patiententagebuch und notierten:

  • Anzahl und Dauer spastischer Attacken
  • Schweregrad der Attacke (Skala von 1 bis 4)

Cannabinoide verkürzen Krämpfe auf wenige Minuten

Bereits in der ersten Studienphase (1. bis 6. Woche) konnte Cannabis die Krampfdauer deutlich reduzieren: In der Therapiegruppe dauerte ein Lidkrampf durchschnittlich 4,29 Minuten, in der Placebogruppe hingegen 73,9 Minuten – die Cannabistropfen reduzierten also über einstündige Lidkrämpfe auf wenige Minuten.

Die Placebogruppe nahm in der zweiten Studienphase (7. bis 12. Woche) ebenfalls Cannabistropfen ein – mit erfreulichem Ergebnis: Die Krampfdauer ging von 73,9 Minuten unter Placebo signifikant auf 8,96 Minuten zurück. Teilnehmende konnten durch die 6-wöchige Cannabistherapie die Krampfdauer auf unter 10 Minuten verkürzen. Die Therapiegruppe erzielte in der zweiten Studienhälfte weiteren Besserungen:  Im Vergleich zur ersten Studienphase gingen die Attacken auf 1,77 Minuten zurück, konnten also mehr als halbiert werden.

Auch die Zahl der Krampfanfälle ging in der zweiten Studienhälfte zurück: Während in der Placebogruppe 94 Attacken gezählt wurden, waren es unter Cannabis lediglich 61. Damit gingen durch Cannabis die Zahl der Lidkrämpfe um ein Drittel zurück. Das Ergebnis ist allerdings statistisch nicht signifikant – hierfür ist die Studie mit sechs Personen zu klein.

Das Cannabismedikament war gut verträglich. Nebenwirkungen am Auge blieben aus. Leichte Reaktionen waren Fatigue, Mundtrockenheit und Schlaflosigkeit.

Das Studienergebnis im Überblick (eingenommene Tropfenzahl, Zahl und Dauer der Krämpfe):

StudienphasePlacebogruppeCannabisgruppe
Woche 1 bis 66,81 Tropfen 97 Spastiken 73,9 Minuten5,51 Tropfen 85 Spastiken 4,29 Minuten
Woche 7 bis 12 (beide Gruppen erhielten Cannabis)5,36 Tropfen 94 Spastiken 8,96 Minuten6,27 Tropfen 61 Spastiken 1,77 Minuten
Woche 1 bis 1273 Spastiken 41,43 Minuten Schwere der Spastik 2,5496 Spastiken 3,03 Minuten Schwere der Spastik 1,56

Endocannabinoid-System beim Blepharospasmus

Die Ursachen des Blepharospasmus sind nicht abschließend erforscht. Gehirnuntersuchungen mit bildgebenden Verfahren deuten auf Fehlfunktionen von Basalganglien, Thalamus und Kleinhirn hin. Das Endocannabinoid-System steuert unter anderem Bewegungen. Die Basalganglien enthalten reichlich Cannabinoid-Rezeptoren. Phytocannabinoide der Cannabispflanze wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) beeinflussen diese Rezeptoren und können dadurch Bewegungsstörungen lindern.

  • Tetrahydrocannabinol (THC) wirkt psychotrop, also bewusstseinsverändernd. Therapeutisches Potenzial kann THC bei Glaukom, Muskelspastiken, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen haben.
  • Cannabidiol (CBD) lindert neurologische Symptome, ohne zu berauschen. Mögliche Einsatzgebiete sind Epilepsie, Entzündungen, Migräne und psychiatrische Erkrankungen.

Ein 2004 veröffentlichter Fallbericht zeigte erstmals, dass Dronabinol (synthetisches THC) Beschwerden beim Blepharospasmus lindert. Nach erfolgloser Behandlung berichtete die Patientin nach einigen Wochen Dronabinol-Therapie von verbessertem Sozialleben und Schmerzlinderung.

Sowohl THC- als auch CBD-dominanten Cannabismedikamente können bei Blepharospasmus unterstützen, wobei bisherigen Studien zu dystonischen Erkrankungen meist THC untersuchten.

Größere Studien nötig

Die Wissenschaftler*innen kommen zu dem Schluss, dass Medizinalcannabis eine effektive und sichere Zweitlinientherapie bei Lidkrampf ist, wenn Botox nicht ausreicht. Die Krampfdauer ging stark zurück, sowie Häufigkeit und Schwere der Krämpfe.

Möglicherweise ist eine 6-wöchige Cannabisbehandlung jedoch zu kurz, da die Therapiegruppe durch eine 3-monatige Cannabistherapie bessere Ergebnisse erzielte als die Placebogruppe nach 6 Wochen Cannabiseinnahme. Daraus folgerten die Wissenschaftler*innen, dass eine 3-monatige Therapie mit THC-dominantem Cannabisöl Beschwerden beim Blepharospasmus bei guter Verträglichkeit lindern kann. Da die Studie mit 6 Teilnehmenden klein war, sind zukünftige größere Studien nötig. Außerdem sollten auch Untersuchungen zu anderen Dystonien des Auges durchgeführt werden.

Quelle:

Zloto O, Weisman A, Avisar I, et al. Medical cannabis oil for benign essential blepharospasm: a prospective, randomized controlled pilot study. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol. 2022;260(5):1707-1712. doi:10.1007/s00417-021-05533-1

About Minyi Lü

Minyi Lü suffers from chronic pain due to her finger arthritis. She has been treating her complaints very successfully with medicinal cannabis since 2017. As a pharmacist in internship, she now brings her know-how to report on the latest scientific findings around medicinal cannabis.