Cannabinoide bei chronischen Schmerzen

Wenn die körperliche Pein nicht mehr aufhören will: In der Bundesrepublik leiden nach Angaben der Deutschen Schmerzliga mindestens 23 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen [1]. Damit gehören Schmerzerkrankungen neben Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes zu den häufigsten Volkskrankheiten. Umso besorgniserregender ist die Tatsache, dass ein großer Teil der Schmerzgeplagten medizinisch unzureichend versorgt wird. Medizinisches Cannabis hat das Potenzial, chronische Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen.

Wann wird Schmerz chronisch?

Akute Schmerzen haben eine Warnfunktion: In der Regel sind sie eine direkte Reaktion auf eine gefährliche Situation, zum Beispiel auf eine Verletzung. Der Schmerz sorgt dafür, dass Betroffene die Stellen schonen und der Heilungsprozess in Gang kommt. Chronischer Schmerz dagegen gilt in der medizinischen Fachwelt als eigenständiges Krankheitsbild. Er dauert länger als sechs Monate oder ist ständig wiederkehrend – meist in Form von Rücken-, Kopf-, Bauch- oder Nervenschmerzen. Auch Tumorschmerzen, die im Rahmen von Krebserkrankungen auftreten, zählen zu den chronischen Schmerzbildern.

Multimodale Schmerztherapie bei chronischen Schmerzen

Akute Schmerzen sollten immer ausreichend medikamentös behandelt werden, damit sich kein Schmerzgedächtnis entwickelt. Dennoch dürfen hochdosierte Schmerzmittel nicht leichtfertig über Wochen ohne ärztlichen Rat eingenommen werden. Neben physischer und psychischer Abhängigkeit drohen ansonsten Schäden an Magen, Leber oder Nieren.

Gerade bei chronischen Schmerzen ist die enge Zusammenarbeit mit in Schmerztherapie qualifizierten Mediziner*innen unerlässlich: Dabei kommt die sogenannte multimodale Schmerztherapie zum Einsatz. Diese folgt dem Prinzip, dass chronische Schmerzen neben körperlichen Ursachen immer auch psychologische und soziale Entstehungsfaktoren haben. Eine multimodale Schmerztherapie beinhaltet demzufolge eine Kombination aus schmerzlindernder Medikation, Psychotherapie, Bewegungs- und Physiotherapie.

Lindert medizinisches Cannabis chronische Schmerzen?

Forschende gehen heute davon aus, dass die Cannabinoide der Cannabispflanze wie THC und Cannabidiol (CBD) schmerzlindernde sowie entzündungshemmende Eigenschaften besitzen. Die Substanzen wirken im menschlichen Rückenmark und scheinen die Schmerzweiterleitung ins Gehirn abzuschwächen [2]. Diese Wirkweise machen sich Mediziner*innen bei der Schmerztherapie zu eigen.

Neue wissenschaftliche Untersuchungen zeigen die Wirksamkeit von pharmazeutischem Cannabis bei chronischen Schmerzen [3]. Patient*innen berichten unter anderem von:

  • Deutlicher und teils rascher Reduktion des Schmerzempfindens
  • Steigerung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (körperlich und psychisch)
  • Geringerem Schmerzmittelgebrauch (vor allem Opiate).

Weniger Migräne-Attacken durch Cannabinoide

Wer mindestens 15 Tage pro Monat mit Migräne-Attacken zu kämpfen hat, leidet an einem chronischen Schmerzgeschehen. Viele Betroffene suchen jahrelang nach einer passenden Medikation für akute Schmerzen sowie einer adäquaten Prophylaxe. In diesem Zusammenhang beeindrucken die Ergebnisse einer israelischen Patient*innenbefragung [4]: Phytocannabinoide sind in der Lage, die Anzahl qualvoller Migräne-Attacken zu reduzieren. Darüber ließ sich der Gebrauch an Schmerzmitteln bei den Betroffenen reduzieren.

Im Rahmen der Querschnittsstudie wurden Daten von 145 Patient*innen ausgewertet, die zusätzlich zu den Migräneattacken an weiteren Erkrankungen litten.

Medizinisches Cannabis hat mehrdimensionale Effekte auf chronische Schmerzen

Eine Studie aus Florida [5] legt die Wirksamkeit von Medizinalcannabis bei Beschwerden chronischer Schmerzpatient*innen nahe. Unter Therapie mit pharmazeutischem Cannabis wurde bei den Betroffenen neben einer signifikanten Verbesserung der Schmerzintensität sowohl ein Anstieg der Schlafdauer als auch eine Steigerung der Lebensqualität beobachtet. In die Auswertung waren die Daten von 46 Erwachsenen eingeflossen.  

Weniger Schmerzmittel für ältere Menschen durch medizinisches Cannabis

Cannabinoide können die Schmerztherapie gerade bei älteren Menschen sinnvoll ergänzen. So zeigt die Dreijahresauswertung aus einer deutschen kassenärztlichen Praxis, dass sich der Opioidverbrauch bei älteren Schmerzpatient*innen unter einer Therapie mit medizinischem Cannabis signifikant um 50 Prozent reduzierte [6].

Wichtig dabei: Die Medikation mit Cannabinoiden erfolgte über 366 Tage, sprich über einen längeren Zeitraum. Insgesamt wurden die Daten von 178 Patient*innen ausgewertet.

Fazit

Neben ihren schmerzlindernden Eigenschaften steigern Cannabinoide die Lebensqualität von chronischen Schmerzpatient*innen und können den Einsatz von Schmerzmitteln verringern. Medizinisches Cannabis hat damit das Potenzial eines wertvollen Bausteins innerhalb der multimodalen Schmerztherapie.

Wichtig: Eine Therapie chronischer Schmerzen durch Medizinalcannabis sollte nur nach ärztlicher Beratung und Verordnung erfolgen! Nur dann ist sichergestellt, dass die Wirkstoffe pharmazeutischen Qualitätsstandards entsprechen und ihren Nutzen voll entfalten können.

Quellen:

[1] Deutsche Schmerzliga E.V. Retrieved November 11, 2022, from https://schmerzliga.de/hintergrundinfo/

[2] Starowicz K, Finn DP. Cannabinoids and Pain: Sites and Mechanisms of Action. Adv Pharmacol. 2017;80:437-475. doi: 10.1016/bs.apha.2017.05.003. Epub 2017 Jun 20. PMID: 28826543.

[3] Safakish, R., Ko, G., Salimpour, V., Hendin, B., Sohanpal, I., Loheswaran, G., & Yoon, S. Y. R. (2020). Medical Cannabis for the Management of Pain and Quality of Life in Chronic Pain Patients: A Prospective Observational Study. Pain Medicine, 21(11), 3073–3086. https://doi.org/10.1093/pm/pnaa163

[4] Aviram, J., Vysotski, Y., Berman, P., Lewitus, G. M., Eisenberg, E., & Meiri, D. (2020). Migraine Frequency Decrease Following Prolonged Medical Cannabis Treatment: A Cross-Sectional Study. Brain Sciences, 10(6). https://doi.org/10.3390/brainsci10060360

[5] Wang, Y., Jacques, J., Li, Z., Sibille, K., & Cook, R. (2021). Health outcomes among adults initiating medical marijuana for chronic pain: A 3-month prospective study incorporating ecological momentary assessment (EMA). Cannabis, 4(2), 69–83. https://doi.org/10.26828/cannabis/2021.02.006

[6] Gastmeier, K., Gastmeier, A., Rottmann, F., Herdegen, T., & Böhm, R. (2022). [Cannabinoids reduce opioid use in older patients with pain : Retrospective three-year analysis of data from a general practice]. Schmerz (Berlin, Germany). https://doi.org/10.1007/s00482-022-00642-0

About Mirjam Hübner

Mirjam Hübner ist Diplom-Journalistin und arbeitet als Redakteurin und Kommunikationstrainerin. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in Journalismus und Unternehmenskommunikation, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Finanzdienstleistung.