News: Umfrage – Cannabis häufiger Ersatz für andere Medikamente

Viele Erkrankungen wie Depressionen, Schmerzen oder Epilepsie werden mit etablierten verschreibungspflichtigen Medikamenten behandelt. Oft werden die Beschwerden jedoch unzureichend gelindert oder es kommt zu Nebenwirkungen.

Eine dänische Umfrage zeigt, dass Cannabis andere Medikamente bei besserer Wirksamkeit und Verträglichkeit ersetzen kann: Viele der Teilnehmenden konnten andere Arzneimittel absetzen oder die Dosis reduzieren. Schmerzmittel, Antidepressiva und Medikamente gegen Arthritis (Gelenkentzündung) werden am häufigsten ersetzt. Der Großteil der Befragten verwendete Cannabispräparate mit dem nicht-psychotropen Cannabidiol (CBD). Betroffene betrachten Cannabis oft als “das Kleinere von zwei Übeln”.

Anonyme Internetbefragung mit 2.841 Teilnehmenden

Dänische Forscher*innen riefen zwischen Juli und November 2018 zu einer anonymen Onlinebefragung auf, die sich an Betroffene richtet, welche Cannabis aus medizinischen Gründen anwenden. Insgesamt schlossen 2.841 Teilnehmer*innen die Umfrage ab, von denen der Großteil (91 %) Cannabisprodukte ohne Rezept verwendet. Die übrigen 9 Prozent verwendeten ärztlich verordnetes Medizinalcannabis.

Über die Hälfte der Befragten (54,6 %) gab an, Cannabis als Ersatz für andere verschreibungspflichtige Medikamente einzusetzen. Von diesen Personen konnten 38,1 % ihre verschriebene Medikation absetzen. Fast die Hälfte (45,9 %) konnte die Dosierung anderer Medikamente reduzieren. Umgekehrt muss nicht befürchtet werden, dass Cannabis den Bedarf anderer Arzneimittel erhöht: Nur in Ausnahmefällen (0,1 %) erhöhten Cannabinoide den Bedarf anderer Medikamente.

Schmerzmittel, Antidepressiva und Arthritis-Medikamente am häufigsten ersetzt

Diese Wirkstoffgruppen werden besonders häufig durch Cannabis ersetzt, wobei Mehrfachnennungen möglich waren:

  • Schmerzmittel (67,2 %)
  • Antidepressiva (24,5 %)
  • Medikamente gegen Gelenkentzündung (24,1 %)
  • Antiepileptika (8,7 %)
  • Antipsychotika (6,8 %)

Unter den sonstigen Medikamenten (24,1 %) wurden nach absteigender Häufigkeit genannt: Schlafmittel, Medikamente gegen Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), angstlösende Medikamente, muskelentspannende Medikamente (Muskelrelaxantien), Migränemittel, topische Medikamente (äußerlich angewandte Arzneimittel), Blutdruck-Medikamente und Glucocorticoide.

Cannabidiol (CBD) am häufigsten verwendet

Unter den 1.546 Teilnehmer*innen, die Cannabis anstelle anderer Medikamente einnahmen, verwendeten die meisten (65,2 %) CBD-Öl. Im Gegensatz zu Tetrahydrocannabinol (THC) besitzt CBD keine psychotrope Wirkung. Danach folgen Produkte mit höherem THC-Gehalt. Lediglich 9 Prozent nahmen verordnete Cannabismedikamente, wie das Mundspray Sativex®, Dronabinol – eine synthetische Form von THC – oder medizinische Cannabisblüten ein.

Cannabis gegenüber anderen Medikamenten bevorzugt

Die meisten der Teilnehmenden bevorzugten Cannabis gegenüber anderen Arzneimitteln: Fast Zweidrittel (65,8 %) der Befragten gaben eine effektivere Beschwerdelinderung unter Cannabis an, als bei Einnahme anderer Medikamente. Eine deutliche Mehrheit von 85,5 Prozent berichtete, dass Cannabis im Vergleich zu anderen Medikationen wesentlich besser verträglich ist. Umgekehrt empfanden lediglich 1,4 Prozent die Nebenwirkungen von Cannabis als schwerwiegender.

Einnahme von Schmerzmitteln rückläufig

Bei nichttumor-bedingten Schmerzen wird in Dänemark häufig Tramadol, ein mittelstarkes opiathaltiges Schmerzmittel, verordnet. Die in der Vergangenheit hohen Verschreibungszahlen alarmierten die dänischen Gesundheitsbehörden, da Opiate ein Missbrauchspotenzial besitzen. In der aktuellen Umfrage stiegen 27,2 Prozent der befragten Schmerzpatient*innen von Tramadol auf Medizinalcannabis um. Dies könnte eine der Gründe für den sinkenden Trend bei den Tramadol-Verordnungen sein: Im Jahr 2017 wurde erstmalig seit 2008 ein Rückgang der mit Tramadol Behandelten beobachtet. Bis 2018 sank die Zahl der Tramadol-Anwender*innen um weitere 23 Prozent.

Auch nicht-opioide Schmerzmittel können Risiken haben: So können entzündungshemmende nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen in der Langzeitanwendung schwerwiegende Nebenwirkungen (z. B. Magengeschwüre) mit sich bringen. 12,3 Prozent der befragten Schmerzpatient*innen nahmen Cannabis statt Ibuprofen ein. Bei den Arthritis-Medikamenten gaben sogar mehr als die Hälfte (52,1 %) an, statt Ibuprofen Cannabis anzuwenden.

Es sind weitere Langzeitstudien nötig, um die medizinische Wirkung von Cannabis in der Daueranwendung zu untersuchen. Darüber hinaus bleibt zu klären, wie sich Cannabisprodukte mit unterschiedlichem THC- und CBD-Gehalt auf körperliche und psychische Erkrankungen auswirken.

Quelle:

Kvamme, S.L., Pedersen, M.M., Rømer Thomsen, K. et al. Exploring the use of cannabis as a substitute for prescription drugs in a convenience sample. Harm Reduct J 18, 72 (2021). https://doi.org/10.1186/s12954-021-00520-5

About Minyi

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als PTA und Pharmaziestudentin bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.