News: Querschnittsumfrage – Cannabis bei Epidermolysis bullosa

Epidermolysis bullosa (EB), auch bekannt als Schmetterlingskrankheit, ist eine seltene genetisch bedingte Hauterkrankung. Betroffene haben eine so empfindliche Haut, dass schon kleinste Verletzungen, wie sie beim Anziehen eines Pullovers entstehen, zu schlecht heilenden Wunden führen. Die Beschwerden gehen mit starken Schmerzen und Juckreiz einher und schränken die Lebensqualität nachhaltig ein. Ein niederländisches Forscherteam zeigte in einer anonymen internationalen Querschnittsumfrage, dass cannabis-basierte Medikamente Schmerzen und Juckreiz bei EB lindern. Auch die Wundheilung wird beschleunigt sowie Entzündungen gelindert. Darüber hinaus konnten die meisten Betroffenen die Dosierung anderer Medikamente, insbesondere Schmerzmittel und juckreizlindernde Medikamente, reduzieren.

Epidermolysis bullosa – eine seltene Hauterkrankung

Epidermolysis bullosa (EB) ist eine Gruppe seltener genetisch bedingter Hauterkrankungen. Schon allerkleinste Verletzungen der extrem empfindlichen Haut oder Schleimhaut, die normalerweise nicht bemerkt werden, führen zu Blasenbildung und schlecht heilenden Wunden. Mögliche Komplikationen sind chronische Wunden, Entzündungen, Wundinfektionen, Narbenbildung und die Entwicklung von Beschwerden außerhalb der Haut. Viele EB-Patient*innen haben mit starken Schmerzen und Juckreiz zu kämpfen, der als besonders lästig und schwer behandelbar gilt.

Je nach Ausmaß der Blasenbildung wird EB in drei Untergruppen eingeteilt:

  • Epidermolysis bullosa simplex (EBS)
  • Junktionale Epidermolysis bullosa (JEB)
  • Dystrophe Epidermolysis bullosa (DEB): rezessive DEB (RDEB) und dominante DEB (DDEB)

In Deutschland kommt auf 25.000 Geburten ein Neugeborenes mit EP zur Welt. Damit ist EP eine seltene Hauterkrankung.

Internationale Querschnittsstudie mit 71 Befragten                            

Das Forscherteam der Universität Groningen Niederlande führte eine anonyme Internetbefragung zur Anwendung von Medizinalcannabis bei Epidermolysis bullosa durch. Betroffene und Betreuende wurden über soziale Netzwerke, Selbsthilfegruppen und durch behandelnde Ärzt*innen zur Teilnahme an der englischsprachigen Querschnittsstudie aufgerufen. Insgesamt beteiligten sich 155 Personen an der Umfrage, von denen 71 Datensätze wissenschaftlich ausgewertet wurden. Die übrigen Umfragen wurden aufgrund unvollständiger Angaben, fehlender Cannabisbehandlung oder Doppelteilnahme ausgeschlossen.

Insgesamt nahmen Betroffene aus fünf Kontinenten teil. Die USA war mit 62 Betroffenen (87,3 %) am häufigsten vertreten, da Medizinalcannabis in den Vereinigten Staaten bereits weit verbreitet ist. Weitere fünf Patient*innen (7,0 %) wohnen in Europa, zwei in Ozeanien. Jeweils ein Fall stammt aus Asien bzw. Afrika.

Der Großteil der Befragten gab eine mittelschwere (31,0 %), schwere (33,8 %) oder sehr schwere (16,9 %) Beschwerdesymptomatik an. Die meisten der Befragten (87,3 %) gaben an, derzeit Cannabisprodukte gegen EB einzusetzen.

Besserung bei 95 Prozent der Teilnehmenden und reduzierter Medikamentenbedarf

Fast alle der 71 Patient*innen profitierten von cannabis-basierten Medikamenten. Neben der Besserung der Gesamtsymptomatik gingen insbesondere Schmerzen und Juckreiz zurück.

Prozentsatz der EB-Patient*innen mit Beschwerdelinderung:

  • Gesamtsymptomatik (95 %)
  • Schmerzen (94 %)
  • Juckreiz (91 %)
  • Wundheilung (81 %)
  • Entzündungen (72 %)
  • Wundheilungsdauer (60 %)

Darüber hinaus konnten 79 Prozent der Patient*innen durch die Cannabistherapie andere Medikamente reduzieren oder absetzen. Am häufigsten wurden opiat-basierte sowie rezeptfreie Schmerzmittel und juckreizstillende Mittel eingespart. Dosisreduktionen wurde auch für Antidepressiva, antineuropathischen und angstlösenden Arzneimitteln angegeben. Dass Medizinalcannabis zu einem vermehrten Bedarf anderer Medikamente führt, war dagegen die Ausnahme: Lediglich eine Person gab einen erhöhten Bedarf von Angstlösern an.

Die meisten Betroffenen verwendeten THC/CBD-balancierte Cannabisprodukte (35 %). Diese enthalten das psychotrope Tetrahydrocannabinol (THC) und das nicht berauschende Cannabidiol (CBD) in etwa gleichen Mengen. Danach folgten mit einem Fünftel CBD-dominante sowie mit 15 Prozent THC-dominante Cannabispräparate. Das übrige Drittel der Teilnehmenden verwendete Cannabis mit unbekanntem Wirkstoffgehalt.

Topische und orale Cannabisprodukte am häufigsten verwendet

Die meisten Teilnehmenden verwenden Cannabisprodukte in verschiedenen Applikationsformen:

  • Äußerlich (60 %)
  • Oral (60 %)
  • Inhalativ (55 %)
  • Sublingual (38 %)

Aus den vorliegenden Daten konnten das Forscherteam daher nicht ableiten, welches Cannabinoidprofil und welche Anwendungsform am besten wirkt. Verschiedene Patient*innen verspürten jedoch eine unterschiedliche Wirkung auf Symptome je nach Anwendungsart.

Das Forscherteam fasste die Patientenerfahrungen wie folgt zusammen:

“Wir fanden heraus, dass eine Kombination von eingenommenen und topischen Applikationsformen am besten funktioniert, da jedes Produkt andere Aspekte der Epidermolysis bullosa behandelt. Eingenommene Produkte bieten Hilfe bei inneren Entzündungen und der Schmerzkontrolle. Topische Produkte helfen bei lokalen Schmerzen und der Wundheilung.”

Topische Cannabiszubereitungen bieten mehrere therapeutische Vorteile: So wird das Endocannabinoidsystem (ECS) im Wundgebiet, was eine wichtige Rolle für die Wundheilung spielt, direkt angesprochen. Das ECS reguliert bei Verletzungen die Bildung von Zytokinen und Stickstoffmonoxid sowie die Entwicklung von Hornzellen (Keratinozyten). Ein weiterer Vorteil der lokalen Cannabistherapie ist die reduzierte Aufnahme der Cannabinoide in den Kreislauf. Dadurch entstehen weniger Nebenwirkungen als bei der oralen Einnahme, wie beispielsweise psychotrope Effekte . Von den 71 Betroffenen verwendete etwa zwei Drittel Cremes und Öle, gefolgt von Lotionen und Sprays.

Orale Cannabisprodukte wurden ebenso häufig wie Externa angewendet: Cannabinoid-haltige Öle und Pasten (77 %), Cannabisblüten (55 %) und essbare Cannabisprodukte (48 %) – sogenannte Edibles – wurden am häufigsten verwendet. Des Weiteren wurden Tinkturen, andere flüssige Darreichungsformen und Kapseln genannt.

Schmerzen und Juckreiz halbierten sich

Bei der Schmerzlinderung zeigten Cannabisprodukte besonders erfreuliche Ergebnisse: Die Wirkung von Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen anderer Ursachen ist gut untersucht. Derzeit liegt eine mittelstarke Evidenz zur Behandlung chronischer Schmerzen vor. Da Schmerzen bei EB durch verschiedene Wege entstehen, wie Nozizeptorschmerzen (z. B. Wundschmerz), chronische Dauerschmerzen oder Nervenschmerzen, sind jedoch weitere Studien nötig. Betroffene berichteten in der Umfrage insbesondere von rückläufigen Hintergrundschmerzen (95 %), bewegungsabhängigen Schmerzen (91 %) und Wundschmerzen (85 %). Auch das alltägliche Ankleiden fällt vielen Patient*innen leichter: 83 Prozent gaben reduzierte Beschwerden beim Wechsel der Kleidung an.

Cannabinoide lindern auch Juckreiz, ein besonders lästiges Symptom bei EB: Bisherige Erfahrungen zeigen, dass Cannabis juckende Hauterkrankungen wie Neurodermitis (Atopische Dermatitis), Schuppenflechte (Psoriasis) oder Juckreiz im Rahmen anderer seltener Erkrankungen lindern kann. Derzeit gehen Wissenschaftler*innen davon aus, dass die Juckreizlinderung über CB1- und CB2-Rezeptoren des ECS sowie über Beeinflussung von TRPV-Kanälen vermittelt wird.

Vor Beginn der Cannabinoidbehandlung gaben die Befragten auf einer Skala von 0 bis 10 die Schmerzen mit etwa 6,5 und den Juckreiz mit 6 an. Durch Cannabis halbierten sich die Beschwerden auf etwa drei für Schmerz und Juckreiz. Bei sehr wenigen Teilnehmenden kam es jedoch zu einer Verschlimmerung des Juckreizes.

Trockene Schleimhäute als häufigste Nebenwirkung

Als häufigste Nebenwirkung kam es zu trockenen Schleimhäuten: Fast die Hälfte der Befragten gab Mundtrockenheit (44,4 %) und etwa ein Viertel Augentrockenheit (26,7 %) an. Diese Effekte sollten beachtet werden, da trockene Haut und Schleimhaut die Beschwerden verschlimmern kann. Weitere Nebenwirkungen waren Husten und Schwindel. In seltenen Fällen wurde über Paranoia, Koordinations-, Gedächtnis- oder Konzentrationsprobleme berichtet. Nach aktuellem Forschungsstand ist medizinisches Cannabis meist gut verträglich.

Kontrollierte Studien nötig

Die wissenschaftliche Befragung zeigte, dass cannabis-basierten Medikamente verschiedene Symptome bei Epidermolysis bullosa lindern. Laut dem Forscherteam sind jedoch kontrollierte Studien nötig, um mehr über den möglichen Nutzen einer Cannabistherapie bei EB herauszufinden. So gilt es zu klären, welche Applikationsarten und welches Cannabinoidprofil bei den vielfältigen Symptomen am besten wirken.

Quelle:

Schräder, N.H.B., Gorell, E.S., Stewart, R.E. et al. Cannabinoid use and effects in patients with epidermolysis bullosa: an international cross-sectional survey study. Orphanet J Rare Dis 16, 377 (2021). https://doi.org/10.1186/s13023-021-02010-0

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About Minyi

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als PTA und Pharmaziestudentin bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.