News: Placebokontrollierte Studie – Medizinalcannabis bei chronischen Schlafstörungen

Medizinalcannabis bei chronischen Schlafstörungen

Mit Schlafstörungen hat wohl jeder Erfahrung, beispielsweise durch Stress. Extrem belastend sind chronische Schlafstörungen. Betroffene können sich nachts nicht ausreichend erholen, was Gesundheit und Produktivität beeinträchtigt. Viele Schlafmittel haben jedoch Nebenwirkungen wie Tagesmüdigkeit und bringen ein Abhängigkeitsrisiko mit sich. Ein australisches Forscherteam untersuchte in einer Doppelblindstudie erstmals die Wirkung von Medizinalcannabis bei chronischen Schlafstörungen (chronische Insomnie). Das Team kam zu dem Schluss: Ein Cannabisextrakt mit den Cannabinoiden Tetrahydrocannabinol (THC), Cannabinol (CBN) und Cannabidiol (CBD) ist eine wirksame und sichere Therapie bei chronischer Insomnie.

Ab wann sind Schlafstörungen chronisch?

6 bis 15 Prozent der Bevölkerung hat mit chronischen Schlafstörungen zu kämpfen, die sich in Form von Einschlaf- und/ oder Durchschlafstörungen zeigen. Fachleute sprechen von einer chronischen Insomnie, wenn die Beschwerden an mehr als 3 Nächten in der Woche auftreten und länger als 3 Monate bestehen. Betroffene mit Einschlafstörungen benötigen mehr als eine halbe Stunde zum Einschlafen. Bei Durchschlafstörungen wachen Patient*innen nachts auf und liegen länger als 30 Minuten wach oder sie erwachen morgens sehr zeitig (mehr als 30 Minuten vor der gewünschten Aufwachzeit).

Chronische Schlafstörungen werden am besten mit einer kognitiven Verhaltenstherapie behandelt. Bestehen die Schlafprobleme weiter oder kann keine Verhaltenstherapie durchgeführt werden, können Schlafmittel (Hypnotika) hilfreich sein. Diese Medikamente haben jedoch häufig Nebenwirkungen wie Tagesmüdigkeit und Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit und der Motorik – verbunden mit Sturzrisiko. Hinzu kommen die Entwicklung von Toleranz sowie ein Abhängigkeits- und Missbrauchsrisiko. Viele Schlafmittel können auch die Schlafphasen beeinflussen. So träumen Betroffene, die Benzodiazepine einnehmen, weniger.

Zweiwöchige Cross-over-Studie mit Cannabisextrakt und Placebo bei 24 Betroffenen mit chronischer Insomnie

An der randomisierten, placebokontrollierten Cross-over-Studie am Zentrum für Schlafforschung der University of Western Australia nahmen 24 Patient*innen im Alter von durchschnittlich 53 Jahren teil. Das Schlafverhalten ohne Medikamenteneinnahme wurde über 2 Wochen mit einem Aktivitätsmonitor, den die Betroffenen am Handgelenk trugen, und mit Schlaftagebüchern überwacht. Die Teilnehmenden notierten die Dauer bis zum Einschlafen, Schlafdauer, Schlafqualität und die Erholsamkeit des Schlafes. Zusätzlich führten die Wissenschaftler*innen im Schlaflabor eine Polysomnographie durch, wobei während einer Nacht die Körperfunktionen der schlafenden Person überwacht werden.

Anschließend wurden die 24 Teilnehmenden per Zufall der Cannabinoid- oder Placebogruppe zugeordnet, wobei weder Betroffene noch Forscher*innen wussten, ob Scheinmedikament oder Cannabis eingenommen wird. Nach der zweiwöchigen Studienphase folgte eine Woche ohne Medikament, bevor die Betroffenen in die jeweils andere Gruppe wechselten. Die Überwachung erfolgte ebenfalls mittels Schlaftagebuch, Aktivitätstracker und Polysomnographie.

Als cannabisbasiertes Medikament verwendeten die Wissenschafler*innen einen öligen Extrakt mit THC, CBN, CBD sowie Terpenen. Der Placeboextrakt enthielt die gleichen Terpene, jedoch keine Cannabinoide. Die Teilnehmenden nahmen die Medikamente täglich eine Stunde vor dem Zubettgehen sublingual ein, also unter der Zunge. Nach vier Tagen konnten die Teilnehmenden nach ärztlicher Rücksprache die Dosis verdoppeln. Die Wissenschaftler*innen kontaktierten die Teilnehmenden während der ersten Tage und nach Dosissteigerungen, um mögliche Nebenwirkungen festzustellen.

Nebenwirkungen verschwinden über Nacht oder rasch nach Erwachen

Zwei Drittel (67 %) berichtete von leichten Nebenwirkungen, die jedoch meist über Nacht oder kurz nach dem Erwachen verschwanden. Am häufigsten waren dies Mundtrockenheit und Schwindel. Nur eine Person brach die Studie aufgrund unerwünschter Effekte ab, sodass die Daten von 23 Patient*innen ausgewertet wurden. Bei älteren Patient*innen und bei psychiatrischen Vorerkrankungen ist allerdings Vorsicht angebracht, da Halluzinationen und Schwindel problematisch sind.

Medizinalcannabis verkürzt Einschlafzeit und verlängert Schlafzeit

Die Schlaftagebücher der Studienteilnehmer*innen zeigten deutliche Besserungen des Schlafes: Die Schlafdauer stieg an: Bei Einnahme des Placeboextrakts betrug die Schlafdauer durchschnittlich 5,06 Stunden und kletterte unter Medizinalcannabis auf 6,11 Stunden. Cannabis konnte die Schlafdauer damit um gut eine Stunde verlängern. Auch die Zeit bis zum Einschlafen betrug unter Cannabis 38,1 Minuten, im Vergleich zu 46,9 Minuten unter Scheinmedikament. Die Betroffenen schliefen mit dem Cannabismedikament im Schnitt 8,8 Minuten schneller ein.

Die Messungen mittels Aktivitätsmonitor und Polysomnographie zeigten ebenfalls Besserungen: Den Messgeräten zufolge betrug die Schlafdauer unter Placebo 6,52 Stunden und stieg bei Einnahme des Cannabisextrakts um 33,5 Minuten auf 7,07 Stunden an. Damit erreichten die Teilnehmenden mit Einnahme von Cannabis die für Erwachsene empfohlene Schlafenszeit von etwa 7 Stunden.

Cannabis verbessert Schlafqualität und Erholung

Zusätzlich bewerteten die Teilnehmenden Schlafqualität und Erholsamkeit auf einer Skala von 0 (sehr schlecht bzw. nicht erholt) bis 4 (sehr gut bzw. sehr erholt) ein. Ohne Medikamenteneinnahme sowie unter Scheinmedikament stuften die Patient*innen Schlafqualität mit 2,5 und Erholsamkeit mit 1,2 ein. Beide Werte verbesserten sich mit dem Cannabisextrakt auf 1,8 für die Erholung und 3,2 bei der Schlafqualität. Mit Medizinalcannabis schliefen die Betroffenen also besser und erwachten erholter. Ein weiterer Vorteil ist, dass der untersuchte Cannabisextrakt die Dauer der Schlafstadien nicht beeinflusst.

Größere Studien nötig

Um weitere Hinweise zum optimalen Einnahmezeitpunkt zu gewinnen, untersuchte das wissenschaftliche Team bei einigen Teilnehmenden die Blutspiegel von THC, CBD und CBN. Die Ergebnisse zeigen, dass je nachdem, ob Einschlaf- oder Durchschlafstörungen vorliegen, ein anderer Einnahmezeitpunkt sinnvoll sein könnte: Bei Einschlafstörungen kann eine frühere Einnahme bereits 2 bis 4 Stunden vor dem Schlafengehen hilfreich sein. Liegen Durchschlafstörungen vor, könnte die Anwendung eine Stunde vor dem Schlafen besser sein.

Die Wissenschaftler*innen kamen zum Schluss, dass Medizinalcannabis eine Option bei chronischen Schlafstörungen sein kann. Um die Wirkung eindeutig zu belegen und die optimale Dosierung zu ermitteln, sind jedoch Studien mit größeren Personengruppen nötig.

Quelle:

Jennifer H Walsh, Kathleen J Maddison, Tim Rankin, Kevin Murray, Nigel McArdle, Melissa J Ree, David R Hillman, Peter R Eastwood, Treating Insomnia Symptoms with Medicinal Cannabis: A Randomized, Cross-Over Trial of the Efficacy of a Cannabinoid Medicine Compared with Placebo, Sleep, 2021;, zsab149, https://doi.org/10.1093/sleep/zsab149

About Minyi

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als PTA und Pharmaziestudentin bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.