Die bipolare Störung ist eine häufig vorkommende psychiatrische Erkrankung und wird den affektiven Störungen zugeordnet. Charakterisiert wird sie durch depressive und manische Stimmungsschwankungen. Es treten entweder manische Phasen mit einem übersteigerten Hochgefühl auf, in der Betroffene euphorisch, überaktiv oder gereizt sind, oder aber depressive Phasen. Beide Phasen können unterschiedlich schwer verlaufen. Dauerhaft halten diese Episoden nur in seltenen Fällen an. Vielmehr treten die Episoden in einem schnellen Wechsel auf.

Symptome einer Manie und einer Depression

In einer depressiven Phase leiden Patienten unter Symptomen wie Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Teilnahmslosigkeit, Interessenlosigkeit sowie Denk- und Konzentrationsstörungen. Dabei kann das Ausmaß der Symptomatik zwischen einer leicht gedrückten Stimmung bis hin zu einer starken Gefühllosigkeit und Schwermütigkeit reichen. Bei einer schweren Depression ist zudem das Suizidrisiko hoch. 40 bis 80 von 100 Patienten haben Selbstmordgedanken.

Wenn sich Patienten in einer manischen Phase befinden, ist ihre Stimmung oft unangemessen gehoben und gereizt. Der Antrieb ist stark gesteigert und auch das Denken ist beschleunigt. Hieraus resultiert eine gefährliche Selbstüberschätzung. Oft geben Betroffene leichtsinnig sehr viel Geld aus oder zeigen sich sexuell enthemmt. In einigen Fällen kommt es auch vor, dass sich wahnhafte Symptome wie ein Größenwahn zeigen. Betroffenen fehlt dann in solch einer Phase die Krankheitseinsicht und eine Therapie gestaltet sich schwierig.

Bipolare Störung: Was sind die Ursachen?

Die genaue Ursache ist unbekannt. Infrage kommen eine erbliche Veranlagung oder aber auch innere und äußere Faktoren. So kann beispielsweise ein einschneidendes oder traumatisches Lebensereignis die Störung auslösen.

Darüber hinaus scheinen auch biologische Faktoren eine Rolle zu spielen. Untersuchungen zufolge können Patienten mit einer Manie eine erhöhte Konzentration der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin aufweisen. Patienten mit einer Depression haben hingegen häufig eine zu geringe Konzentration der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin. Hieraus könnte sich ableiten lassen, dass bei Betroffenen das Gleichgewicht dieser Botenstoffe gestört ist.

Therapiemöglichkeiten und medikamentöse Behandlung

Die Behandlung besteht aus den drei folgenden Phasen:

  • Akutbehandlung: Hier kommen Medikamente zum Einsatz, die die Symptome einer Depression oder einer Manie lindern. Unterstützend können auch therapeutische Gespräche sein oder aber nicht-medikamentöse Behandlungen wie die Wachtherapie oder die Elektrokrampftherapie.
  • Stabilisierungsphase: In der Regel kann es Wochen oder Monate dauern, bis eine deutliche Symptomverbesserung auftritt. Hiernach beginnt die Stabilisierungsphase, in der Patienten eine Psychotherapie in Anspruch nehmen sollten. Medikamentös wird häufig der Wirkstoff Lithium verordnet.
  • Rückfallprophylaxe: Um Rückfälle zu verhindern, erhalten Patienten stimmungsstabilisierende Medikamente wie Antiepileptika oder Neuroleptika.

Welchen Einfluss hat Cannabis auf psychische Störungen?

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die Cannabinoide aus der Cannabispflanze wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) positive Auswirkungen auf Depressionen und Angstzustände haben können (1). Inwieweit Cannabinoide einen Einfluss auf die Symptomatik einer bipolaren Störung haben können, ist noch weitgehend unerforscht.

An der Lancaster University in Großbritannien wurden 24 bipolare Patienten, die Cannabis für Freizeitzwecke mindestens dreimal in der Woche konsumierten, gebeten, ein Tagebuch zu führen (2). In einem sechs Tage langen Zeitraum dokumentierten die Teilnehmer, wie sich der Konsum von Cannabis auf die depressive oder manische Episode auswirkte.

Im Ergebnis heißt es, dass der Cannabiskonsum mit verschiedenen psychologischen Folgeerscheinungen verbunden sei. Es fanden sich jedoch keine Hinweise dafür, dass bipolare Personen Cannabis für Freizeitzwecke zur Selbstmedikation verwenden, um kleinere Schwankungen der negativen Affekt- oder bipolaren Störungssymptome zu behandeln.

Etwas aussagekräftiger sind die Ergebnisse der Harvard Medical School in Boston (3). Hier heißt es, dass bei fünf Patienten zu beobachten war, dass diese von Cannabis profitieren und die extremen Gefühlshöhen und -tiefen besser bewältigen konnten.

Die University of Oslo nahm 133 bipolare Probanden und 140 schizophrene Probanden in ihre Studie auf und untersuchte, welche Auswirkungen der Konsum von Cannabis auf die neurokognitiven Funktionen hat (4). Die Probanden mit einer bipolaren Störung zeigten nach dem Cannabiskonsum im Vergleich zu den Patienten mit einer Schizophrenie bessere neurokognitive Fähigkeiten (Aufmerksamkeit, logisches Denken, Gedächtnislernen).

Cannabidiol (CBD) bei bipolarer Störung

Brasilianische Forscher der University of Sao Paulo untersuchten im Rahmen ihrer Studie die Wirkung von Cannabidiol (CBD) bei zwei Probanden mit einer bipolaren Störung (5). An den ersten fünf Tagen erhielten die Probanden ein Placebo (Scheinmedikament). Ab dem sechsten Tag bekamen sie täglich eine Dosis von 600 Milligramm CBD. Diese Dosis wurde bis zum 30. Tag auf 1200 Milligramm CBD pro Tag erhöht. Ein Proband nahm zudem zwischen dem 6. bis zum 20. Tag zusätzlich das Medikament Olanzapin ein.

Die Behandlung mit CBD wurde am 31. Tag unterbrochen. Danach erhielten die Probanden fünf Tage lang ein Placebo. Eine Verbesserung der Symptome zeigte sich bei dem Probanden, der CBD und Olanzapin erhielt. Unter der alleinigen CBD-Behandlung verbesserte sich das Zustandsbild der beiden Probanden jedoch nicht. Nebenwirkungen von der CBD-Behandlung wurden von den Probanden nicht berichtet.

Die Forscher schlussfolgerten, dass CBD gut verträglich sei. Die vorläufigen Ergebnisse würden aber darauf hindeuten, dass CBD bei einer manischen Episode nicht wirksam ist.

Eine systematische Übersichtsarbeit über die Wirkung und Nebenwirkungen von CBD bei der Therapie von psychischen Störungen erstellten die Forscher der Federal University of Minas Gerais in Brasilien im Jahr 2017 (6). Hierin heißt es, dass die Evidenz zum Einsatz von CBD in der Psychiatrie noch sehr gering sei und dass größere Studien notwendig seien, um gesicherte Aussagen treffen zu können.

Medizinisches Cannabis gegen depressive Symptome

Das Endocannabinoid-System könnte ein vielversprechendes therapeutisches Ziel sein. Dieses kann mit der Gabe von medizinischen Cannabinoiden aktiviert werden. Denn Untersuchungen haben gezeigt, dass das Endocannabinoidsignaling bei psychiatrischen Patienten beeinträchtigt sein könnte (7).

Das Cannabinoid CBD scheint ebenso wie das THC möglicherweise in der Lage zu sein, die Symptome einer Depression zu reduzieren. So konnten unter anderem spanische Forscher in ihrer Studie zeigen, dass CBD an den Serotonin-Rezeptor 5-HT1A andocken kann, um so antidepressiv wirken zu können (8). Eine angstlösende und antidepressive Wirkung von CBD haben auch brasilianische Forscher belegt (9).

Fazit

Die Studienlage zur Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei einer bipolaren Störung ist aktuell sehr dünn. Die bisher (wenigen) Studien legen nahe, dass Cannabinoide bei einer manischen Episode kein ausreichendes Wirkungsspektrum besitzen. Hingegen ist das therapeutische Potenzial von Cannabis gegen die Symptome einer Depression schon deutlich besser untersucht worden. So könnte medizinisches Cannabis durchaus in einer depressiven Phase unterstützend eingesetzt werden.

Zu beachten ist jedoch, dass der Cannabiskonsum für Freizeitzwecke häufig bei bipolaren Patienten anzutreffen ist. Hier würde dann das Risiko bestehen, einen Missbrauch zu fördern, weshalb eine Therapie mit Medizinal-Cannabis gut abzuwägen ist.

 

(1) McGill University, 2007, „Cannabis: Potent Anti-depressant In Low Doses, Worsens Depression At High Doses

(2) Lancaster University, United Kingdom, Tyler E1 et al., 2015, „The relationship between bipolar disorder and cannabis use in daily life: an experience sampling study

(3) Harvard Medical School, Boston, USA, Grinspoon L1, Bakalar JB., 1998, „The use of cannabis as a mood stabilizer in bipolar disorder: anecdotal evidence and the need for clinical research

(4) University of Oslo, Norway, Ringen PA1 et al., 2010, „Opposite relationships between cannabis use and neurocognitive functioning in bipolar disorder and schizophrenia

(5) University of São Paulo, Brazil, Zuardi A1 et al., 2010, „Cannabidiol was ineffective for manic episode of bipolar affective disorder

(6) Federal University of Minas Gerais (UFMG), Brazil, Khoury JM1, 2 et al., 2017, „Is there a role for cannabidiol in psychiatry?

(7) Huang WJ, Chen WW, Zhang X., Mol Med Rep. 2016 Oct;14(4):2899-903. doi: 10.3892/mmr.2016.5585, „Endocannabinoid system: Role in depression, reward and pain control (Review)

(8) Universidad de Cantabria, Spain, Linge R1 et al., 2016, “Cannabidiol induces rapid-acting antidepressant-like effects and enhances cortical 5-HT/glutamate neurotransmission: role of 5-HT1A receptors

(9) Federal University of Rio de Janeiro, Rio de Janeiro, de Mello Schier AR et al., 2014, “Antidepressant-like and anxiolytic-like effects of cannabidiol: a chemical compound of Cannabis sativa