Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), auch bekannt als Charcot-Krankheit, ist eine tödliche neurodegenerative Erkrankung, die durch eine fortschreitende Muskellähmung der an der Muskelbewegung beteiligten Muskeln wie Bein-, Arm-, Atem-, Schluck- und Sprechmuskulatur gekennzeichnet ist. Die kognitiven und sensorischen Funktionen sind jedoch nicht beeinträchtigt.

Diese hauptsächlich sporadisch auftretende Krankheit (eine Krankheit, die Einzelpersonen isoliert betrifft), manifestiert sich im Allgemeinen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren. Die Prävalenz dieser seltenen Krankheit liegt in Europa bei 2,16 Patienten pro 100 000 Personen, wobei die Fälle bei Männern etwas häufiger sind (3 pro 100 000) als bei Frauen (2,14).  Die durchschnittliche Lebenserwartung ab der Diagnose beträgt 3 bis 5 Jahre, obwohl die Patienten in seltenen Fällen länger leben können (wie z.B. Stephen Hawking).

Amyotrophic lateral sclerosis: symptoms and origin

Bei der ALS kommt es zu einer Degeneration der motorischen Neuronen (Nervenzellen, die die Bewegungen des Körpers steuern) im Rückenmark, im Hirnstamm und im motorischen Kortex. Das fortschreitende Absterben der oberen und unteren motorischen Neuronen führt zu einer Schwächung und Atrophie der Muskeln aufgrund von Inaktivität, was zu einer vollständigen Lähmung führt.[1]

Obwohl die Gründe für diese Degeneration noch nicht genau bekannt sind, wurden von Wissenschaftlern mehrere Hypothesen aufgestellt. Eine Studie geht davon aus, dass ein extrem hoher Glutamatspiegel (ein Neurotransmitter) aufgrund einer verringerten Absorption für die neuronale Erschöpfung verantwortlich sein und zu Exzitotoxizität (neuronale Veränderung), oxidativem Stress (Zellaggression), mitochondrialer Dysfunktion (Störung der Atmungskette), Neuroinflammation und Dysregulation des Zellstoffwechsels führen könnte. [2]

Cannabistherapie: Eine Alternative bei ALS?

Das wachsende wissenschaftliche Interesse an Cannabis und seinem therapeutischen Potenzial hat Forscher dazu ermutigt, seine mögliche Verwendung zur Behandlung der amyotrophen Lateralsklerose zu untersuchen. Obwohl es aufgrund fehlender klinischer Studien zu diesem Thema noch zu früh ist, um Schlussfolgerungen zu ziehen, haben die an Tieren durchgeführten präklinischen Studien ermutigende Ergebnisse gezeigt.

Die Rolle des Endocannabinoid-Systems bei ALS

Das Endocannabinoid-System (ECS), welches erst spät (1990er Jahre) entdeckt wurde, ist ein Neurotransmissionssystem, das für das Funktionieren unseres Körpers unerlässlich ist. Es sorgt für die Homöostase, d.h. die Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts des Körpers, und reguliert verschiedene physiologische Prozesse wie Schmerzen, Entzündungen, Appetit, Emotionen usw.

Präklinische Studien an Tieren (Mäusen) haben die Rolle des Endocannabinoid-Systems in der Pathophysiologie der ALS nachgewiesen.  Sie legen in der Tat nahe, dass eine Störung der homöostatischen Funktion des neuromuskulären Systems – möglicherweise aufgrund eines Mangels an Endocannabinoiden (vom Körper produzierte Cannabinoide) – die Ursache für die bei Menschen mit ALS beobachtete Störung der physiologischen Prozesse sein könnte.[3]

Die Aktivierung des ECS reduziert nachweislich die Exzitotoxizität, die Neuroentzündung und die oxidative Zellschädigung. Endocannabinoide werden zu seiner Aktivierung eingesetzt und spielen eine wichtige Rolle beim Schutz des Nervensystems. Ein Mangel an diesen würde die Pathophysiologie der ALS erklären.  So können exogene (körperexterne) Cannabinoide, die in der Cannabispflanze vorhanden sind, wie Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC), das ECS aktivieren und das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen.  [4]

Vielversprechende präklinische Studien

Die primäre Quelle für den Nachweis der potenziellen Rolle von Endocannabinoiden und Cannabinoiden bei der Behandlung der amyotrophen Lateralsklerose stammen aus Studien an Mäusen.

In vivo-Studien an Mäusen deuten darauf hin, dass THC als neuroprotektives Mittel wirken könnte, indem es die motorischen Fähigkeiten verbessert und die Überlebenszeit aufgrund seiner potenziellen antiglutamatergenen und antioxidativen Wirkung um bis zu 5% erhöht. [5]

Es wurden etwa zehn präklinische Studien mit transgenen ALS-Mäusen durchgeführt. Sieben dieser Studien zeigten eine Verlängerung der Überlebenszeit bei Mäusen nach einer Behandlung auf Cannabinoidbasis.

Die Ergebnisse der Studien deuten darauf hin, dass die Behandlung mit Cannabinoiden das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen kann, obwohl weitere Studien erforderlich sind.  [6]

Die Auswirkungen von therapeutischem Cannabis auf den Menschen

Gegenwärtig gibt es keine wirklichen klinischen Studien über die Auswirkungen von therapeutischem Cannabis auf die amyotrophe Lateralsklerose, die seine Wirksamkeit bestätigen können.

Die einzigen experimentellen Daten sind anekdotische Berichte von Patienten, die die Auswirkungen von Cannabis auf ihre Symptome beschreiben.  Dazu gehören die Verbesserung von Schmerzen, Muskelkrämpfen, Spastizität, Depressionen, Appetit und Speichelmanagement. Eine randomisierte, doppelblinde Crossover-Studie bei Menschen mit amyotropher Lateralsklerose zeigte, dass orales THC sicher und überdosisresistent war.[7]

Kürzlich fing das Gold Coast University Hospital (Australien) eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte klinische Studie an Menschen mit ALS an, um die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei der Verlangsamung des Fortschreitens der Krankheit zu bestimmen.  Dreißig Personen im Alter zwischen 25 und 75 Jahren werden an der sechsmonatigen Studie teilnehmen, die Ergebnisse werden demnächst in einer Zeitschrift veröffentlicht. [8]

Im Allgemeinen ist die Situation mit Cannabis und amyotropher Lateralsklerose ähnlich wie zu Beginn dieses Jahrhunderts, mit anekdotischen Patientenberichten über die potenzielle Wirksamkeit, auf die gut konzipierte, randomisierte klinische Studien folgen sollen, die den therapeutischen Nutzen von Cannabis oder Endocannabinoiden bei der Behandlung der Symptome oder ihr Potenzial zur Krankheitsveränderung angemessen untersuchen können.

[1] Pryce, G., & Baker, D. (2015). Endocannabinoids in Multiple Sclerosis and Amyotrophic Lateral Sclerosis. Endocannabinoids, 213–231. doi:10.1007/978-3-319-20825-1_7

[2] Turner, M. R., et alt. (2013). Mechanisms, models and biomarkers in amyotrophic lateral sclerosis. Amyotrophic Lateral Sclerosis and Frontotemporal Degeneration, 14(sup1), 19–32. doi:10.3109/21678421.2013.778554

[3] Bedlack, R. S., et alt. (2015). Complementary and Alternative Therapies in Amyotrophic Lateral Sclerosis. Neurologic Clinics, 33(4), 909–936. doi:10.1016/j.ncl.2015.07.008

[4] Urbi, B., et alt. (2019). Study protocol for a randomised, double-blind, placebo-controlled study evaluating the Efficacy of cannabis-based Medicine Extract in slowing the disease progression of Amyotrophic Lateral sclerosis or motor neurone Disease: the EMERALD trial, doi: 10.1136/bmjopen-2019-029449.

[5] Giacoppo S, Mazzon E. Can cannabinoids be a potential therapeutic tool in amyotrophic lateral sclerosis?. Neural Regen Res 2016;11:1896-9 , DOI: 10.4103/1673-5374.197125

[6] Urbi, B., et alt. (2018). Effects of cannabinoids in Amyotrophic Lateral Sclerosis (ALS) murine models: A systematic review and meta-analysis. Journal of Neurochemistry. doi:10.1111/jnc.14639

[7] Giacoppo S, Mazzon E. Can cannabinoids be a potential therapeutic tool in amyotrophic lateral sclerosis?. Neural Regen Res 2016;11:1896-9 , DOI: 10.4103/1673-5374.197125

[8] Urbi, B., et alt. (2019). Study protocol for a randomised, double-blind, placebo-controlled study evaluating the Efficacy of cannabis-based Medicine Extract in slowing the disease progression of Amyotrophic Lateral sclerosis or motor neurone Disease: the EMERALD trial, doi: 10.1136/bmjopen-2019-029449.