Bei der amyotrophen Lateralsklerose – kurz ALS – handelt es sich um eine seltene und nicht heilbare Nervenerkrankung. In den Fokus der Öffentlichkeit rückte die Krankheit vor allem durch den an ALS erkrankten Physiker Stephen Hawking, der im März 2018 verstarb.

Bei ALS sterben die Motoneuronen im Gehirn und Rückenmark kontinuierlich ab. Motoneuronen sind Nervenzellen, die in obere Motoneuronen und untere Motoneuronen unterschieden werden. Während die oberen Motoneuronen nicht direkt mit der Muskulatur kommunizieren, sondern Impulse auf die Nerven übertragen, sind die unteren Motoneuronen über einen Fortsatz mit den Muskeln verbunden, sodass sie die Impulse der oberen Motoneuronen zu den Muskeln weiterleiten. Im Erkrankungsfall sind sowohl die oberen als auch die unteren Motoneuronen in verschiedenen Körperregionen geschädigt.

Ursachen und mögliche Auslöser

Bis heute sind die Ursachen der Krankheit weitgehend ungeklärt. Es ist zwar eine Häufung in vorbelasteten Familien zu beobachten, der Großteil der Erkrankungsfälle tritt jedoch spontan auf. Nur etwa jeder hundertste Patient weist eine vererbte oder neu aufgetretene Mutation in den für den Zellstoffwechsel verantwortlichen Genen auf.

Als möglichen Auslöser sieht die Ursachenforschung die Glutamattoxizität. Bei Glutamat handelt es sich um einen Neurotransmitter (Botenstoff), der die Signalweiterleitung zwischen motorischen Neuronen und dem zentralen Nervensystem bewirkt. Informationen werden mithilfe der Botenstoffe vom Gehirn in die Muskulatur weitergeleitet. Tritt eine Veränderung an den Glutamat-Rezeptoren ein oder wird der Glutmattransport gestört, sodass Glutamat unkontrolliert freigesetzt wird, kann dies einen neurotoxischen Prozess auslösen. Dieser Prozess könnte für die Degeneration der motorischen Nervenzellen verantwortlich sein.

ALS: Symptome und Prognose

Zu Beginn der Erkrankung entwickeln Betroffene unterschiedliche Symptome:

  • Verlust an Ausdauer
  • Heiserkeit
  • Gefühl der Kraftlosigkeit oder der Steifheit in den Beinen
  • Muskelschwäche
  • Muskelkrämpfe
  • Muskelzuckungen

Im weiteren Krankheitsverlauf verlieren die Muskeln auch an Masse (Muskelschwund) und es kommt zu Lähmungen. ALS-Patienten werden deshalb irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen sein.

Darüber hinaus können Atemprobleme auftreten, da die Atemmuskulatur geschwächt ist. Weitere mögliche Symptome sind Schluck- und Kaubeschwerden sowie Sprechschwierigkeiten.

Ab der Diagnosestellung liegt die mittlere Lebenserwartung bei 3,5 Jahren. Allerdings lebt etwa ein Drittel der Betroffenen noch fünf Jahre oder länger.

Behandlung und Therapie

ALS ist nicht heilbar. Der Wirkstoff Riluzol kann jedoch das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen. Problematisch ist, dass dieser Wirkstoff die Leber schädigen kann, sodass die Leberwerte eines Patienten regelmäßig kontrolliert werden müssen.

Für ALS-Patienten ist es sinnvoll, Ergotherapien und Krankengymnastik in Anspruch zu nehmen, um die Symptome zu lindern und die Beweglichkeit zu erhalten. Sollten starke Atemprobleme auftreten, kann hier ein Beatmungsgerät unterstützend eingesetzt werden. Auch eine Atemgymnastik ist angezeigt, um die Atemmuskulatur zu stärken.

Im Spätstadium können aufgrund der Lähmungen massive Schluckbeschwerden auftreten. Damit die Nahrung nicht in die Luftwege gelangt und um einen starken Gewichtsverlust zu vermeiden, erhalten Patienten eine Sonde, über die der Patient mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt wird.

Studienlage zu ALS und medizinischem Cannabis

Es existieren nur wenige Studien, die das therapeutische Potenzial von Medizinalcannabis bei der ALS-Erkrankung untersucht haben. Forscher der University of Washington führten aus, dass bei der Erkrankung verschiedene abnormale physiologische Prozesse gleichzeitig ablaufen (1). Hier wäre ein „Multiarzneimittel“ erforderlich, das unter anderem entzündungshemmend, antioxidativ und mikrogliazellmodulierend wirkt. Außerdem müsste dieses Arzneimittel die Mitochondrienfunktion verbessern und die Apoptose (Zelltod) verhindern.

Die Cannabinoide in der Cannabispflanze könnten den Forschern zufolge dieses Potenzial besitzen. An einem Mausmodell führte die Gabe von Cannabinoiden zu einem verlängerten Überleben der Nervenzellen und zu einem langsameren Fortschreiten der Krankheit.

Im Jahr 2017 berichtete der österreichische Wissenschaftler Gerhard Nahler über seinen an ALS erkrankten Patienten (2). Trotz der medikamentösen Behandlung mit Riluzol schritt die Krankheit schnell voran. Zusätzlich erhielt der Patient dann zweimal täglich 200 Milligramm Cannabidiol (CBD) und später eine Dosis von zweimal täglich 300 Milligramm CBD.

Nahler führte aus, dass sich die Dysphagie (gestörte Nahrungsaufnahme) sowie die Funktionsstörungen der rechten Hand nach einem Behandlungszeitraum von sechs Wochen fast vollständig zurück entwickelten. Diese Verbesserungen seien etwa zehn Wochen zu verzeichnen gewesen. Erst dann schritt die Erkrankung wieder langsam voran.

Medizinisches Cannabis zur Symptomlinderung

Eine zusätzliche Therapie mit medizinischem Cannabis kann zur Symptomlinderung beitragen. Auch Forscher der University of Washington beschreiben Cannabis als Substanz, die ein breites Wirkungsspektrum besitzt (3). So könnten Cannabinoide zur Muskelentspannung, Bronchodilatation (bronchienerweiternd), Appetitsteigerung und Schmerzlinderung beitragen.

Wiederum andere Forscher der University of Washington befragten 131 ALS-Patienten, wovon 13 Patienten in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert hatten (4). Zwar schränkt die kleine Zahl von nur13 Patienten die Ergebnisse ein, dennoch deuten sie auf ein mögliches therapeutisches Potenzial hin. So gaben die 13 ALS-Patienten an, dass sich die Symptome Schmerzen, Spastizität, Depressionen und Appetitverlust mäßig unter der Verwendung von Cannabis reduzierten. Auch die Schwierigkeiten beim Schlucken und Sprechen verbesserten sich.

Fazit

Auch wenn die bisherigen Untersuchungen vielversprechend sind, existieren noch keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass medizinisches Cannabis dazu in der Lage ist, das Fortschreiten der ALS-Erkrankung zu verlangsamen. Andere Studien weisen jedoch darauf hin, dass die Anwendung von Medizinalcannabis dazu beitragen kann, verschiedene Symptome zu lindern.

(1) University of Washington, Gregory T Carter et al., 2010, „Cannabis and amyotrophic lateral sclerosis: hypothetical and practical applications, and a call for clinical trials

(2) CIS Clinical Investigation Support GmbH, Wien, Nahler, 2017, „AustriaCo-medication with Cannabidiol May Slow Down the Progression of MotorNeuron Disease: A Case Report

(3) University of Washington, Gregory T. Carter, 2001, „Marijuana in the management of amyotrophic lateral sclerosis

(4) University of Washington, Dagmar Amtmann et al., 2004, „Survey of cannabis use in patients with amyotrophic lateral sclerosis