In immer mehr Ländern gewinnt medizinisches Cannabis zurzeit an Bedeutung. Es vergeht momentan kaum ein Monat, in dem kein weiteres Land den Beschluss fasst, medizinisches Cannabis zu legalisieren. Problematisch ist allerdings, dass viele Patienten trotz der Legalisierung, kein medizinisches Cannabis vom Arzt verschrieben bekommen. Häufig kennen sich Ärzte mit den medizinischen Vorteilen von Cannabis nicht gut genug aus und möchten deshalb lieber nichts mit dem Thema zu tun haben.

Der Grund hierfür liegt vor allem darin, dass medizinisches Cannabis in Medizin-Studiengängen an Universitäten kaum auf den Lehrplänen steht. Dies bestätigte vor kurzem eine Studie der Washington University aus den USA, wo immerhin mehr als die Hälfte aller Bundesstaaten medizinisches Cannabis legalisiert haben.[1]

In der Studie wurden unteranderem über 100 Lehrpläne aus medizinischen Hochschulen ausgewertet und 268 Studenten der Universitäten befragt. Die meisten Dekane (67%) gaben an, dass ihre Absolventen überhaupt nicht darauf vorbereitet wären, medizinisches Cannabis zu verschreiben. 25% gaben darüber hinaus an, dass ihre Absolventen nicht einmal dazu in der Lage wären, Fragen bezüglich medizinischem Cannabis beantworten zu können. Lediglich 9% der Dekane gaben an, das Thema medizinisches Cannabis in ihren Lehrplänen zu berücksichtigen.

Bei der Befragung der Studenten, gaben 90% an, sich überhaupt nicht darauf vorbereitet zu fühlen, medizinisches Cannabis zu verschreiben. 35% sehen sich nicht mal dazu in der Lage Fragen bezüglich medizinischem Cannabis beantworten zu können.

Durch die Studie wurde deutlich, dass ein großes Ungleichgewicht zwischen der Legalisierung von medizinischem Cannabis und der gleichzeitigen Integration in den Lehrplänen besteht.

Die ärztliche Ausbildung muss sich an die neue Realität der medizinischen Praxis anpassen

Mit noch mehr Staaten an der Schwelle zur Legalisierung von medizinischem Cannabis sollte sich die ärztliche Ausbildung an diese neue Realität der medizinischen Praxis anpassen. Denn nicht nur in den USA wird das Thema vernachlässigt, auch bei der Ausbildung deutscher Ärzte werde das Thema Cannabis vernachlässigt, sagt Dr. Franjo Grotenhermen, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM). 

Auch in anderen Ländern wie z.B. Spanien wird das Thema vernachlässigt. „An der Universität wurde nichts zum Thema medizinisches Cannabis gelehrt. Dies wäre allerdings sehr wichtig, da mit Hilfe von medizinischem Cannabis neue therapeutische Ansätze mit weniger Toxizität für ein breites Spektrum an Krankheitsbildern ermöglicht werden können“, merkt Dr. Peguero von der Kalapa-Clinic an, welches das erste Unternehmen in ganz Europa ist, das auf die Behandlungen mit Cannabinoiden spezialisiert ist. Sein Wissen über das medizinische Potential von Cannabis, sagt Dr. Peguero, habe er sich selber durch eigene Nachforschung und dem Besuchen von Fachseminaren und Konferenzen angeeignet.

Weshalb die Aufklärung über Cannabinoide während einer medizinischen Ausbildung wichtig ist, unterstreicht auch Grotenhermen in einem Bericht von DOC-Check: „Das Endocannabinoidsystem des Körpers und die Wirkung körpereigener Cannabinoide werden im Studium meines Wissens noch in keinem Land behandelt.“ Dies sei aber die Basis, damit die vielfältigen therapeutischen Möglichkeiten von medizinischem Cannabis verstanden werden können. „Man muss wissen, dass körpereigene Cannabinoide wichtige Inhibitoren im Nervensystem sind. Bei Überaktivität des Nervensystems hemmen sie alle anderen Neurotransmitter. So erkläre sich die therapeutische Breite. Egal, ob bei Epilecpsie, Migräne, Schmerzen oder Übelkeit, die Cannabinoide helfen, alles auf Normalmaß herunterzufahren.“  sagt Grotenhermen.

Es lässt sich festhalten, dass dringend mehr Weiterbildung über medizinisches Cannabis benötigt wird, damit sichergestellt ist, dass die Patienten bestmöglich und nach dem aktuellsten Stand der Wissenschaft behandelt werden. Dieses Umdenken könnte letztendlich auch dafür sorgen, dass häufiger medizinisches Cannabis von Ärzten an Patienten, die es benötigen, verschrieben wird.

[1] Evanoff A.B., Quan T., Dufault C., Awad M., Bierut L.J. , Physicians-in-training are not prepared to prescribe medical marijuana. (2017)  Drug and Alcohol Dependence,  180 , pp. 151-155.