Fibromyalgie – das bedeutet häufig stärkste Schmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen und nicht selten psychische Leiden. Die Symptome des chronischen Schmerzsyndroms sind vielfältig und von Patient zu Patient unterschiedlich. Viele Betroffene haben große Schwierigkeiten, ihren Alltag zu meistern, und der Leidensdruck ist sehr hoch. Die medizinische Anwendung von Cannabis kann eine günstige Wirkung auf die Erkrankung haben, wie einige Studien zeigen.

Fibromyalgie – was ist das?

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) zeigt sich durch Muskel- und Bindegewebsschmerzen, die sich besonders an bestimmten Schmerzpunkten (Tender Points) äußern. So bedeutet der Begriff Fibromyalgie auch “Faser-Muskel-Schmerz”. Die Schmerzen können am gesamten Körper auftreten, meistens zeigen sie sich aber in der Nähe der Gelenke. FMS zählt zu den rheumatischen Erkrankungen. In Deutschland sind 2 Prozent der Bevölkerung von dem chronischen Schmerzsyndrom betroffen, Frauen sechs bis sieben Mal häufiger als Männer. [1]

Die Ursache der Erkrankung ist ungeklärt, Mediziner gehen aber davon aus, dass eine genetisch bedingte Krankheitsanfälligkeit eine Rolle spielt. Darüber hinaus können Traumata wie beispielsweise Misshandlungen im Kindesalter, aktuelle psychische Belastungen oder chronische psychische Belastungen wie Stress die Entstehung fördern.

Typische Symptome

Typische Symptome sind chronische, diffuse Schmerzen, die in verschiedenen Regionen des Körpers auftreten sowie extrem empfindliche Tender Points. Dies sind besonders sensitive Stellen am Übergang von Muskeln zu Sehnen. Früher nutzten Ärzte diese Tender Points auch als Kriterien zur Diagnose der Fibromyalgie, was aber inzwischen überholt ist.

Darüber hinaus leiden Betroffene unter weiteren Beschwerden wie Schlafstörungen, einem gestörten REM-Schlaf und Ein- und Durchschlafstörungen. Hinzu kommen Symptome wie Erschöpfung und Tagesmüdigkeit, teilweise auch Gelenkschmerzen und Muskelkrämpfe. Ein subjektives Missempfinden kann sich beim Patienten durch Kribbeln oder Brennen von Händen und Füßen zeigen. Auch Konzentrationsschwäche und Vergesslichkeit treten bei manchen Betroffenen auf.

Häufig geht die Erkrankung mit einer psychischen Störung einher, wie einer depressiven Verstimmung. 20 bis 30 Prozent der Patienten leiden an einer Depression. Darüber hinaus kann das Schmerzsyndrom von Magen-Darm-Beschwerden, einer Reizblase oder dem Restless-Legs-Syndrom begleitet werden.

Als weitere Fibromyalgie-Symptome können auftreten:

  • Herzrasen
  • Mundtrockenheit
  • Übermäßiges Schwitzen
  • Spannungskopfschmerz / Migräne
  • Mentruationsbeschwerden

Diagnose Fibromyalgie

Bis es zu der Diagnose Fibromyalgie-Syndrom kommt, haben die Betroffenen meist viele Besuche bei Ärztinnen und Ärzten hinter sich und leiden oft mehrere Jahre unter verschiedenen körperlichen Beschwerden. Zunächst muss aber eine entzündlich-rheumatische Erkrankung als Ursache ausgeschlossen werden. Der Arzt wird eine vollständige körperliche Untersuchung vornehmen. Die Laboruntersuchung des Blutes zeigt bei der Fibromyalgie keine Auffälligkeiten. Auch die bildgebende Diagnostik, wie Ultraschall oder MRT, bringt keine Ergebnisse.

Bei generalisierten Schmerzen, die bereits seit mehr als drei Monaten anhalten, und wenn andere Erkrankungen ausscheiden, stellen Ärzte die Diagnose Fibromyalgie oder somatoforme Schmerzstörung. Unter einer somatoformen Störung verstehen Mediziner Schmerzen, für die keine körperliche Ursache festgestellt werden kann, und die häufig mit schweren psychosozialen oder emotionalen Belastungen gekoppelt sind. Die Krankheitsbilder FMS und somatoforme Schmerzstörung werden oft gleichgesetzt.

Therapie: Was hilft gegen eine Fibromyalgie?

Das Fibromyalgie-Syndrom ist eine gutartige, aber chronische Erkrankung. Der Umgang mit dieser Diagnose ist für viele Menschen nicht leicht. Daher sind Patientenschulungen und Patienten-Selbsthilfegruppen ein wichtiger Baustein der Therapie. Informationen dazu finden Betroffene über die Rheuma-Liga und die Deutsche Fibromyalgie Vereinigung.

Darüber hinaus sollten Patienten regelmäßig leichten Sport treiben, wie Nordic Walking oder Schwimmen. Entspannungsübungen wie autogenes Training oder gymnastische Übungen werden ebenfalls empfohlen. Stressabbau und körperliche Aktivität sind ein wichtiger Schritt bei der Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens und der Lebensqualität. Außerdem können Physiotherapie oder eine physikalische Therapie mit Wärme die Beschwerden lindern. Gerade die Bewegung in warmem Wasser vertragen Betroffene meistens gut.

Für viele Patienten ist eine Psychotherapie hilfreich. Insbesondere mit der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) werden verschiedene chronische Schmerzerkrankungen und Schlafstörungen behandelt.

Der Einsatz von Arzneimitteln ist schwierig, da klassische Schmerzmittel beim Fibromyalgie-Syndrom nur selten eine Hilfe sind. Vor allem solche, die bei der Rheumatherapie eingesetzt werden, haben sehr oft Nebenwirkungen und sollten nur in Ausnahmefällen genutzt werden. Verschreibt der behandelnde Arzt Medikamente, sind dies beispielsweise Antidepressiva wie Amitriptylin oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Auch Antikonvulsiva können zum Einsatz kommen. [2]

Cannabinoide gegen Fibromyalgie-Symptome

Neuere Studien zeigen, dass Cannabinoide eine sinnvolle Therapieoption für Patienten mit Fibromyalgie sein können. So haben Wissenschaftler des Clinical Cannabis Research Institute in Israel in einer prospektiven Beobachtungsstudie Daten von Fibromyalgie-Patienten zwischen 2015 und 2017 ausgewertet. Das Ergebnis: 81 Prozent der Studienteilnehmer bemerkten eine positive Wirkung durch die Cannabinoid-Therapie. [3]

Die Schmerzintensität der teilnehmenden Patienten lag vor der Behandlung im Durchschnitt bei 9 (auf der Schmerzskala von 1 bis 10). Am Ende des Beobachtungszeitraums war dieser Wert auf 5 gesunken. Die häufigsten Nebenwirkungen waren mild, vor allem traten Schwindel, Mundtrockenheit und Magen-Darm-Probleme auf.

Die Teilnehmer erhielten Cannabis-Arzneimittel in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Sie nahmen Cannabidiol (CBD) und Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) in Form von Cannabisblüten und/ oder Öl ein. Auch der CBD- und THC-Gehalt der Medikation war individuell unterschiedlich.

Die Autoren der Studie ziehen das Fazit, dass “medizinisches Cannabis eine wirksame und sichere Behandlung von Fibromyalgie (…) sein kann.” Weiterhin weisen die Daten darauf hin, dass “insbesondere für diejenigen, bei denen pharmakologische Standardtherapien versagt haben”, medizinisches Cannabis eine vielversprechende therapeutische Option sein kann. [3]

Eine ältere Studie aus dem Jahr 2016 legte bereits nahe, dass Nabilon beim FMS eine bessere Wirkung auf den Schlaf haben könnte als Amitriptylin. Es gab aber keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Medikamenten für die Symptome Schmerzen und Verstimmung. [4]

Cannabis-Therapie: Hälfte der Patienten kann auf andere Medizin verzichten

Sehr interessant ist ebenfalls eine aktuelle Untersuchung von 2020. Israelische Wissenschaftler befragten 101 Cannabis-Patienten, die an FMS leiden. Dabei zeigte sich, dass die Behandlung mit Cannabis-basierten Arzneimitteln fast der Hälfte der Patienten (47%) ermöglichte, auf jede andere Therapie zu verzichten. Etwas mehr als die Hälfte (51%) reduzierte die Dosis oder die Anzahl anderer Medikamente gegen ihre Beschwerden. Nur ein einziger Patient brach die Behandlung ab. [5]

Die durchschnittliche Verbesserung des Schlafs und der Schmerzen betrug etwas mehr als 77 Prozent. Andere Symptome verbesserten sich weniger stark, aber über die Hälfte der Befragten gaben an, durch die Cannabis-Therapie mehr Freizeit im Freien zu verbringen. Die Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass Medizinalcannabis “eine wirksame Behandlung der Fibromyalgie” sei. Über leichte unerwünschte Nebenwirkungen berichteten fast ein Viertel der Patienten. Diese führten jedoch nicht zum Absetzen der Behandlung.

Hoher THC-Gehalt besonders wirkungsvoll bei Fibromyalgie

Cannabis mit einem hohen Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) zeigt gute Ergebnisse bei der Behandlung der durch FMS verursachten Schmerzen, Cannabidiol (CBD) dagegen verschafft den Patienten keine Linderung. So jedenfalls lautet das Ergebnis einer Fibromyalgie-Studie des Leiden University Medical Center (LUMC) in den Niederlanden aus dem Jahr 2019. [6]

Die Studie wurde vom LUMC in Zusammenarbeit mit Bedrocan, einem Hersteller von medizinischen Cannabisblüten, durchgeführt. Bei der Forschungsarbeit handelt es sich um eine randomisierte und placebokontrollierte Studie, die die schmerzlindernde Wirkung von inhalierten Cannabisblüten bei 20 Fibromyalgie-Patienten mit chronischem Schmerz untersuchte. Dabei kamen drei verschiedene Cannabissorten mit bekanntem THC/CBD-Verhältnis zum Einsatz. Außerdem ein Placebo ohne THC und CBD.

Die zwei Gruppen, die Cannabisblüten mit hohem THC-Gehalt erhielten, empfanden während der Tests deutlich weniger Schmerzen als die anderen Patienten. Diese nahmen ein Arzneimittel mit viel CBD und wenig THC bzw. gar kein Cannabis ein.

Fibromyalgie-Patienten: Cannabis-Konsum gegen Symptome und Beschwerden

Zu sehr positiven Ergebnissen kamen bereits 2018 Wissenschaftler aus Israel, die eine Umfrage unter Cannabis-Konsumenten durchführten, die an Fibromyalgie leiden. Dafür schickten die Forscher einen Internet-basierter Fragebogen an drei große Fibromyalgie-Facebook-Gruppen in Israel. Die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass der Cannabis-Konsum für die Patienten günstige Auswirkungen auf die Symptome Schmerz und Schlafprobleme hat. Nur wenige berichteten über unerwünschte Nebenwirkungen oder das Gefühl der Abhängigkeit von Cannabis.

Für 94 Prozent der Personen, die sich an der Umfrage beteiligten, brachte der Cannabis-Konsum Schmerzlinderung und für 93 Prozent eine verbesserte Schlafqualität. Darüber hinaus berichteten die Befragten über positive Wirkungen auf ihre psychischen Störungen. So empfanden 87 Prozent, dass sich das Symptom Depression verbesserte und bei 62 Prozent reduzierten sich bestehende Angstzustände. [7]

Fazit

Aktuelle Studien zeigen, dass die Behandlung mit Cannabis-basierten Medikamenten die Schmerzen, die durch Fibromyalgie hervorgerufen werden, lindern kann. Allerdings ist auch hier weitere Forschung nötig. So sollten zukünftige Studien darauf abzielen, medizinisches Cannabis mit der Standardtherapie der Fibromyalgie zu vergleichen, damit der richtige Platz von Cannabinoiden in der Therapie bestimmt werden kann.

Vor allem THC scheint eine besondere Rolle in der Behandlung der Fibromyalgie-Symptome zuzukommen. Daher sollte untersucht werden, wie THC in der langfristigen Therapie der Erkrankung wirkt. Hier ist die Frage von besonderem Interesse, ob Fibromyalgie-Patienten durch THC andere Medikamente reduzieren können. Auch die Wirkung der Cannabis-Therapie auf die weiteren Symptome der Fibromyalgie, neben dem chronischen Schmerz, muss die Wissenschaft noch erforschen.

[1] Deutsche Rheuma-Liga

[2] Leitlinien Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms

[3] Sagy, I.; Bar-Lev Schleider, L.; Abu-Shakra, M.; Novack, V. Safety and Efficacy of Medical Cannabis in Fibromyalgia. J. Clin. Med. 2019, 8, 807. doi: 10.3390/jcm8060807.

[4] Walitt B, Klose P, Fitzcharles MA, Phillips T, Häuser W. Cannabinoids for fibromyalgia. Cochrane Database Syst Rev. 2016;7(7):CD011694. Published 2016 Jul 18. doi:10.1002/14651858.CD011694.pub2

[5] Habib G, Levinger U. Characteristics of medical cannabis usage among patients with Fibromyalgie. [Article in Hebrew] Harefuah. 2020;159(5):343-348.

[6] van de Donk T, Niesters M, Kowal MA, Olofsen E, Dahan A, van Velzen M. An experimental randomized study on the analgesic effects of pharmaceutical-grade cannabis in chronic pain patients with fibromyalgia. Pain. 2019;160(4):860-869. doi:10.1097/j.pain.0000000000001464

[7] Habib G, Avisar I. The Consumption of Cannabis by Fibromyalgia Patients in Israel. Pain Res Treat. 2018;2018:7829427. Published 2018 Jul 22. doi:10.1155/2018/7829427