Medizinisches Cannabis wird für die Behandlung vieler Krankheiten wie chronische Schmerzen, Multiple Sklerose, Epilepsie oder Übelkeit und Erbrechen eingesetzt. Aber kann es auch bei Hirntumoren verwendet werden?

Gliom: Der aggressivste Hirntumor?

Ein Gliom ist ein aggressiver Primärtumor des zentralen Nervensystems. Tumore entstehen aus Gliazellen, die Schutz, Unterstützung und einen dynamischen Gleichgewichtszustand bieten. Gliome werden nach Zelltyp, Standort und Grad klassifiziert. Gliazellen beinhalten Astrozyten und Oligodentrozyten und machen mehr als 90% des Gehirnvolumens aus.

Ein Gliom ist der bösartigste Hirntumor. Häufige Symptome sind Kopfschmerzen, Erbrechen, Übelkeit und Anfälle. Je nach Tumorgrad behinhaltet die Behandlung unter anderem Resektion, Chemotherapie und Glukokortikoide. Cannabinoid-Therapien können eine potenzielle zusätzliche Medikation bei der Behandlung und der Verbesserung dieser Symptome sein.

Cannabinoide und Gliome

Cannabinoide wirken im menschlichen Körper durch die Nachahmung biologischer Substanzen welche die Zellrezeptoren, die Cannabinoidrezeptoren Typ 1 und 2 (CB1 und CB2) aktivieren.

CB1 ist im Gehirn weit verbreitet, während CB2 im Immunsystem vorkommt. Beide Rezeptoren sind in den Gliazellen und in den Gliomen vorhanden. Die Aktivierung dieser Rezeptoren ist an der Regulation der zellulären Differenzierung, Funktion und Zelllebensfähigkeit beteiligt.

Präklinische Studien empfehlen eine mögliche Cannabistherapie in Form von Hemmung der Invasivität, Induktion des Tumorzellentodes (Apoptose) und Hemmung der Tumorproliferation und Angiogenese (Bildung neuer Blutgefäße um ein Gewebe).

Medizinisches Cannabis und Gliome: Neue Beweise

Im Jahr 2019 wurde in einem großen Krebszentrum in Florida eine klinische Studie an Gliompatienten über den Einsatz von medizinischem Cannabis durchgeführt. Selbstberichtete Daten wurden in einer Umfrage erhoben. Die Patienten befanden sich in der Behandlung eines primären, nicht wiederkehrenden malignen Glioms.

Im Allgemeinen berichteten die Anwender über Schmerzlinderung, Übelkeitsbekämpfung, Appetitanregung, Unterstützung durch Entspannung, emotionale Belastbarkeit, Unterstützung beim Schlafen und einen Rückgang der Anfälle. Nur wenige Patienten berichteten, dass sie medizinisches Cannabis zur Kontrolle des Wachstums des Tumors verwendeten. Es gibt jedoch unbedeutende wissenschaftliche Beweise dafür, dass die Kontrolle des Wachstums beim Menschen funktioniert. Daher sind mehr Beobachtungsforschung und randomisierte Studien erforderlich[1].

Im Jahr 2011 beobachtete eine präklinische Studie die Wirkung der kombinierten Verabreichung von Temozolomid, dem Chemotherapeutikum der ersten Wahl zur Behandlung des Glioblastoms, und Tetrahydrocannabiniol (THC), dem wichtigsten psychoaktiven Bestandteil von Marihuana. In diesem Artikel berichteten Forscher über eine starke antitumorale Wirkung in Gliomzellen durch die Aktivierung der Autophagie, einem Prozess, bei dem Zellen beschädigte Komponenten abbauen. Darüber hinaus führt die Behandlung mit THC und Cannabidiol (CBD), einem weiteren pflanzlichen Cannabinoid, ebenfalls zum Tod von Gliomzellen und reduziert das Wachstum des Tumors. Die Ergebnisse bestätigen, dass die kombinierte Behandlung von Cannabinoiden und Temozolomid eine tragfähige Option für die Behandlung dieser Krankheit sein könnte[2].

THC und Gliome: Nachweise beim Menschen

Im Jahr 2003 wurde in einer klinischen Studie, in der neun Patienten mit aktiv wachsendem rezidivierendem Gliom diagnostiziert wurden, mit THC intratumoral (intrakanial) behandelt. Diese Patienten hatten zuvor das herkömmliche Therapieverfahren (Strahlentherapie und Operation) nicht erfolgreich abgeschlossen und hatten Hinweise auf eine Tumorprogression.

Nach 15 Tagen Verabreichung, verringerte THC die Vermehrung von Tumorzellen und erhöhte die Zelltodrate der Tumorzellen. Zudem wurde für THC ein gutes Sicherheitsprofil beobachtet.

Molekularer Mechanismus von Cannabis bei Hirnkrebs

Der Cannabinoid-Rezeptor moduliert mehrere Wege, die an der Kontrolle der Vermehrung von Tumorzellen durch Reduktion der Tumorangiogenese, Induktion des Tumorzellentodes und Hemmung der Migration / Invasivität von Tumorzellen beteiligt sind.

  1. Induktion des Tumorzelltods

Cannabinoide aktivieren die Cannabinoidrezeptoren und induzieren die Apoptose von Gliomzellen durch Aktivierung eines stressbedingten endoplasmatischen Retikulumweges und einer Ceramidakkumulation. Das stressgeregelte Protein p8 spielt bei dieser Aktion eine wichtige Rolle, indem es die Reaktion von ATF-4, CHOP und TRB3 kontrolliert. Diese Kette von Ereignissen löst die Aktivierung des mitochondrialen intrinsischen apoptotischen Pfades durch einen noch nicht bekannten Mechanismus aus. Bei resistenten Gliomtumoren kann die Verabreichung von Cannabinoiden zusammen mit endoplasmatischen retikulären Stress-Induktoren von Vorteil sein. Darüber hinaus fördern Cannabinoide das Überleben von Oligodendrozyten, Neuronen und Astrozytenzellen, was darauf hindeutet, dass die antiproliferative Wirkung von Cannabinoiden für Hirntumorzellen selektiv ist.

  1. Reduzierung der Tumor-Angiogenese

Um zu wachsen, müssen Tumore eine neue Gefäßversorgung für die Zwecke der Abfallentsorgung, der Zellernährung und des Gasaustauschs generieren, und deshalb stellt die Blockade dieses Prozesses einen der wichtigsten derzeit verfügbaren Ansätze gegen Krebs dar. Cannabinoide vermindern auch das Vorkommen verschiedener Moleküle zur Tumorprogression, wie z.B. vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktor (VEGF) durch Gliomzellen.

  1. Ausbreitung und Befall von Tumorzellen

Matrix-Metalloproteinase-2 (MMP2) ist ein Protein, das den Gewebeabbau und -umbau bei der Bildung neuer Blutgefäße und Metastasen ermöglicht[3]. Lokale Verabreichung von THC vermindert die Aktivität und Expression von MMP2 in Gliomen, die bei Mäusen erzeugt werden[4].

  1. Hemmung der Progression des Zellzyklus

Eine Zelle beinhaltet zwei Proteine, die den Zellteilungszyklus fördern, E2F1 und Cyclin A. Es hat sich gezeigt, dass THC diese Proteine verringert und das Überleben der Gliomzellen beeinträchtigt (im Reagenzglas) [5].

Im Allgemeinen deuten die signifikante antiproliferative Wirkung von Cannabinoiden zusammen mit ihrer geringen Toxizität im Vergleich zu anderen Chemotherapeutika darauf hin, dass die Cannabinoidbehandlung eine neue zusätzliche Therapie zur Behandlung von Hirnkrebs darstellen könnte. Es sollten jedoch weitere Studien zu diesem Thema durchgeführt werden, um die vollständigen molekularen Wirkmechanismen zu untersuchen.

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[1] Reblin M, et alt. Medical Cannabis Use in Glioma Patients Treated at a Comprehensive Cancer Center in Florida. 2019. Journal of Palliative Medicine [Internet].

[2] Torres, S., et alt. A Combined Preclinical Therapy of Cannabinoids and Temozolomide against Glioma. (2011). Molecular Cancer Therapeutics, 10(1), 90–103. doi:10.1158/1535-7163.mct-10-0688

[3] Velasco, G., et alt. Cannabinoids and Gliomas. Molecular Neurobiology (2007), 36(1), 60–67. doi:10.1007/s12035-007-0002-5

[4] Blazquez, C., et alt. Cannabinoids Inhibit Glioma Cell Invasion by Down-regulating Matrix Metalloproteinase-2 Expression. (2008) Cancer Research, 68(6), 1945–1952. doi:10.1158/0008-5472.can-07-5176

[5] Galanti, G., et alt. Δ9-Tetrahydrocannabinol inhibits cell cycle progression by downregulation of E2F1 in human glioblastoma multiforme cells. . (2008). Acta Oncologica, 47(6), 1062–1070.doi:10.1080/02841860701678787

 

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Behandlung von Hirntumoren (Gliom) mit medizinischem Cannabis
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Hirntumor und medizinisches Cannabis. Es gibt neue Erkenntnisse, dass Cannabinoide Patienten mit Hirntumoren helfen könnten.
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