Die Zahl der Menschen, die weltweit an Fettleibigkeit (Adipositas) leiden, steigt seit Jahrzehnten. Für die Betroffenen bedeutet dies ein erhöhtes Risiko für verschiedene chronische Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Muskel-Skelett-Erkrankungen und viele weitere Leiden. Ein besseres Verständnis des Endocannabinoid-Systems könnte dabei helfen, medizinisches Cannabis als eine mögliche Therapieform einzusetzen.

In Deutschland leiden laut Angaben des Robert-Koch-Instituts 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen an Übergewicht. Ein Viertel der erwachsenen Deutschen sind adipös, also stark übergewichtig (23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen). Der größte Anstieg der Fettleibigkeit findet sich in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen. [1] Aber auch bei Kindern und Jugendlichen sind die Zahlen alarmierend: 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig, 6 Prozent gelten als adipös[2].

Definition: Was ist Übergewicht und Fettleibigkeit?

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Übergewicht und Fettleibigkeit definiert als abnormale oder übermäßige Fettansammlung, die ein Risiko für unsere Gesundheit darstellt. Adipositas und Übergewicht bei Erwachsenen werden üblicherweise durch den Body Mass Index (BMI) klassifiziert, der sich durch das Personengewicht (kg) geteilt durch Körpergröße im Quadrat (m2) definiert:

Wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre haben das Verständnis, wie Adipositas entsteht, grundlegend verändert. Heute wird Fettleibigkeit als chronische Erkrankung eingestuft. Die Ursachen sind vielfältig und basieren meist auf einer Kombination aus biologischen, psychosozialen sowie umwelt- und verhaltensbedingten Faktoren.Ursachen und Risikofaktoren für Fettleibigkeit.

Der Ernährung kommt dabei die zentrale Rolle zu: Die Aufnahme von zu vielen Kalorien ist die Hauptursache. Darüber hinaus gibt es noch weitere Risikofaktoren. Auch psychische Aspekte wie Stress oder Depressionen können Übergewicht und Fettleibigkeit begünstigen, ebenso wie eine genetische Veranlagung.

Untersuchungen haben gezeigt, dass auch der soziale Status Einfluss auf das Körpergewicht hat. Die KIGGS Kinder- und Jugend-Erhebung des Robert-Koch-Instituts belegt, dass Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien ein höheres Risiko für Übergewicht haben. Aus dieser Gruppe haben die Kinder aus Migrantenfamilien nochmals ein größeres Risiko. [2]

Mögliche Ursachen und Risikofaktoren für Übergewicht und Adipositas:

  • kalorienreiche Ernährung
  • genetische Prädisposition
  • Bewegungsmangel
  • Stress
  • Erkrankungen wie Depressionen, Essstörungen, Schilddrüsenunterfunktion oder andere
  • einige Arzneimittel

Folgen und Risiken von Adipositas

Übergewichtige Menschen leiden an einer allgemein eingeschränkten Beweglichkeit. Hinzu kommen häufig Schmerzen in Wirbelsäule, Hüfte und Knien sowie ein erhöhtes Risiko für Gelenkverschleiß. Darüber hinaus steigert Adipositas das Risiko, Begleiterkrankungen zu entwickeln. So haben Studien gezeigt, dass Fettleibigkeit als Auslöser für eine Vielzahl von Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Depressionen gilt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt sogar rund 44 Prozent der Diabetes-Erkrankungen auf Adipositas zurück. Insgesamt gilt Fettleibigkeit als Auslöser für mehr als 60 Folgeerkrankung[3].

Häufige Folgen und Risiken von Fettleibigkeit:

  • Diabetes mellitus Typ 2
  • Bluthochdruck
  • Koronare Herzerkrankungen
  • Krebs
  • Psychische Erkrankungen

Somit sind Übergewicht und Fettleibigkeit große Herausforderungen für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft.

Fettleibigkeit und Metabolisches Syndrom

Das Metabolische Syndrom fasst mehrere Risikofaktoren zusammen, die häufig zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. “Metabolisch” bedeutet, dass das Problem im Stoffwechsel entstanden ist. Die vier Risikofaktoren sind:

  • Adipositas
  • Bluthochdruck
  • Glukosetoleranzstörung oder Diabetes mellitus Typ 2
  • gestörter Fettstoffwechsel

Diese vier Faktoren werden auch als “tödliches Quartett” bezeichnet, denn das Metabolische Syndrom führt zu einer erhöhten Sterblichkeit der Betroffenen. Das Syndrom ist eine Wohlstandserkrankung, die auf unseren westlichen Lebensstil zurückzuführen ist: Also auf mangelnde Bewegung und eine ungesunde Ernährung mit zu vielen hochkalorischen Nahrungsmitteln.

Therapie von Fettleibigkeit

Heute gehört zu den Therapieoptionen in Deutschland die Ernährungs-, die Bewegungs- und die Verhaltenstherapie. In bestimmten Fällen ist der Einsatz von Medikamenten sinnvoll und für manche Betroffenen kann sogar ein chirurgischer Eingriff in Betracht kommen.

Vielleicht wird in Zukunft auch Medizinalcannabis eine Therapieoption von Fettleibigkeit sein. Verschiedene Forschungsarbeiten liefern interessante Ansätze, die zeigen, welche Rolle Cannabinoide bei der Behandlung von Adipositas spielen könnten. Dafür ist allerdings ein besseres Verständnis des körpereigenen Endocannabinoid-Systems nötig. 

Endocannabinoid-System und Fettleibigkeit

Das Endocannabinoid-System reguliert nahezu alle gastrointestinalen Funktionen. Es ist entscheidend für die Kontrolle metabolischer Funktionen durch das zentrale Nervensystem. Wie auch in vielen anderen Teilen unseres Körpers, finden sich in den Zellen des Magen-Darm-Trakts zahlreiche Cannabinoidrezeptoren. Das Endocannabinoid-System umfasst unter anderem die Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2.  Es ist bekannt, dass das Endocannabinoid-System (ECS) an der Kontrolle des Energiestoffwechsels beteiligt ist. Wissenschaftler beschäftigen sich daher mit der Frage, welche Rolle das ECS bei Adipositas spielt und wie wir sein Potenzial als Therapieoption bewerten können.

Therapeutisches Potenzial der CB1-Rezeptoren

Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2019 untersuchte, welchen Einfluss das  Endocannabinoid-System auf die Gewichtszunahme hat. [4] Körpereigene Cannabinoide sind Fettsignal-Moleküle, die an den Cannabinoidrezeptoren andocken. Die Aktivierung der CB1- Rezeptoren (CB1R) beeinflusst unser Geschmacks- und Geruchsempfinden, mit der Folge eines verstärkten Hungergefühls. Diese Aktivierung ist mit Adipositas, Insulinresistenz und einer Beeinträchtigung der Stoffwechselfunktion verbunden. Die Blockierung der CB1-Rezeptoren jedoch verbessert die Insulin-Empfindlichkeit und den Glukosestoffwechsel. Wissenschaftler haben beobachtet, dass adipöse Mäuse nach der Blockierung Gewicht verloren haben.

Daher erklären die Forscher, dass “die gezielte Beeinflussung von EC-Rezeptoren, insbesondere von CB1R, eine potenzielle therapeutische Strategie gegen Adipositas und Insulinresistenz darstellen” könnte. [4]

Insulin ist essenziell für die Regulierung des Glukosegleichgewichts im Körper und des Energiestoffwechsels. Die Insulinresistenz ist eine Komponente des Metabolischen Syndroms. Darüber hinaus ist Adipositas ein Risikofaktor für Insulinresistenz.

Allerdings gab es bereits in der Vergangenheit den Wirkstoff Rimonabant, ein Antagonist des zentralen CB1R, der als Medikament gegen Fettleibigkeit zugelassen war. Dieses Mittel reduzierte das Körpergewicht und die Insulinresistenz, außerdem verbesserte es den Glukosestoffwechsel. Das Medikament wurde jedoch vom Markt genommen, da es ein hohes Risiko für psychiatrische Nebenwirkungen, wie Depressionen, Schlafstörungen, Angst und Aggression mit sich brachte. 

Seit der Rücknahme von Rimonabant werden andere CB1R-Hemmer mit geringeren Nebenwirkungen untersucht. Vor allem natürliche Stoffe, die eine hemmende Wirkung auf CB1R ausüben, “verdienen weitere Forschung und klinische Studien, da sie möglicherweise ein therapeutisches Potenzial besitzen”, so die Autoren der Studie. [4]

Umwandlung von Fettzellen

Einen anderen Ansatz verfolgt eine Metastudie aus dem Jahr 2018, die sich auf die Umwandlung von Fettgewebe konzentriert. Auch wenn das Fettgewebe im Alltag oftmals im negativen Kontext erwähnt wird, übernimmt es im Körper wichtige Aufgaben. So ist es unser Energiespeicher während längerer Fastenzeiten. Fettgewebe ist aus Fettzellen (Adipozyten) aufgebaut. Wenn das Fettgewebe wächst, wachsen die Fettzellen in Größe und bedingt in ihrer Anzahl. 

Wissenschaftler unterscheiden drei verschiedene Arten von Fettgewebe: 

– Weißes Fettgewebe ist für die Speicherung von Energie in Form von Fett verantwortlich. Außerdem schützt es den Körper vor schnellem Wärmeverlust.

– Braunes Fettgewebe ist für die Erzeugung von Wärme (Thermogenese) aus dem gespeicherten Fett zuständig. Im Körper von Erwachsenen gibt es nur wenig braunes Fettgewebe.

– Beiges Fettgewebe liegt verteilt im weißen Fettgewebe und ist ähnlich wie das braune Fettgewebe reich an Mitochondrien (die Kraftwerke der Zellen). Im Gegensatz zu den braunen Fettzellen besitzen die beigen Fettzellen deutlich weniger des Aktivierungsproteins, was benötigt wird, um Energie umzusetzen.

Die Forscher der Studie erklären, dass die Stimulierung der beigen Fettzellen, damit diese ähnlich wie das braune Fettgewebe an der Wärmeproduktion des Körpers mitwirken, als eine mögliche neue Therapie gegen Fettleibigkeit von Interesse ist. So könnte der Energieverbrauch des Körpers im Ruhezustand erhöht und die Energiebilanz verbessert werden. [5]

Die Stimulation der CB2-Rezeptoren, so die Wissenschaftler, fördert die Anti-Adipositas-Wirkung, indem es die Nahrungsaufnahme und die Gewichtszunahme reduziert. Sowohl der CB1- wie auch der CB2-Rezeptor sind dafür verantwortlich, weißes Fettgewebe in beiges oder braunes umzuwandeln.

Das Fazit der Studie: CB2 könnte dank seiner Fähigkeit, die Umwandlung von weißen in braune Fettzellen zu verbessern, eine mögliche Lösung sein. Nach Meinung der Autoren besitzt CB2 gegenüber CB1 “ein höheres Sicherheitsprofil mit vernachlässigbaren Nebenwirkungen.” [5]

Ernährung und das Endocannabinoid-System

Durch unsere moderne westliche Ernährung nehmen wir zu viele Kalorien aus Zucker und raffinierter Stärke zu uns. Außerdem landen zu viele Omega-6-Fettsäuren und zu wenige günstige Omega-3-Fettsäuren auf unseren Tellern. Das Verhältnis sollte laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) bei 5:1 liegen, also maximal fünfmal so viel Omega-6 wie Omega-3-Fettsäuren. [6]Derzeit beträgt das durchschnittliche Verhältnis allerdings etwa 15:1. 

Neuere Studien haben gezeigt, dass ein Anstieg von Omega-6-Fettsäuren in der Ernährung Übergewicht und Fettleibigkeit fördert. Omega-6-Fettsäuren sind Vorläufer von Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerin (2-AG), zwei der wichtigsten Endocannabinoide, die CB1- und CB2-Rezeptoren aktivieren. So können die übermäßigen Omega-6-Fettsäuren CB1 zu stark stimulieren, was wiederum zu einer erhöhten Kalorienaufnahme, verringertem Stoffwechsel und schlussendlich zur Gewichtszunahme führt. [7]

Sowohl Omega-6 als auch Omega-3 konkurrieren um die gleichen abbauenden Enzyme. Da in unserer Ernährung die Menge an Omega-6 überproportional höher ist als die Menge an Omega-3, wird die Mehrheit dieser Enzyme von Omega-6-Fettsäuren verwendet. Das verursacht eine abnormal erhöhte Produktion von AEA und 2-AG, was zu einer Überstimulation der CB1-Rezeptoren (CB1R) führt.

Eine Kombination aus Omega-3-Nahrungsergänzungsmitteln und Cannabinoiden könnte daher laut der Autoren der Studie eine interessante Behandlung von Fettleibigkeit darstellen. Dabei sollte aber immer im Blick behalten werden, dass eine gesündere Ernährung der wichtigere Therapieansatz ist. Der Fokus sollte somit auf der Reduzierung der Omega-6-Fettsäuren in unserer Ernährung liegen.

Studie: Niedriger BMI bei Cannabiskonsumenten

Eine neue Langzeitstudie aus dem Jahr 2019 ist der Frage nachgegangen, ob Cannabiskonsumenten zu Übergewicht neigen oder nicht. Die Ergebnisse der nationalen 3-jährigen Studie aus den USA zeigten, das Cannabiskonsum mit einem niedrigeren BMI verbunden ist.[8]

An der Studie nahmen mehr als 30.000 Probanden teil, die durch Umfragen über ihren Cannabis-, Alkohol- und Drogenkonsum Auskunft gaben. Das Ergebnis: Bei allen Probanden war eine Gewichtszunahme innerhalb von drei Jahren zu beobachten. Diejenigen, die Cannabis konsumierten, nahmen aber weniger an Gewicht zu als die Nichtkonsumenten. Dies deutet laut der Wissenschaftler darauf hin, dass regelmäßige Cannabiskonsumenten weniger an Übergewicht und Fettleibigkeit leiden als Nichtkonsumenten. Trotz dieser Ergebnisse bleibe es aber dennoch unklar, ob sich Cannabis tatsächlich auf das Gewicht auswirkt.

Fettleibigkeit: Hilfe durch Cannabinoide?

Übergewicht und Adipositas hat laut OECD das „alarmierende Ausmaß einer Volkskrankheit“ angenommen[9]. Die chronische Erkrankung kann zu schwerwiegenden Begleit- und Folgeerkrankungen führen. Die Lebensqualität der Betroffenen ist stark eingeschränkt und ihre Lebenserwartung verkürzt. Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung zusammen mit einem gesunden Lebensstil ist die beste Möglichkeit, Übergewicht zu vermeiden.

Ein besseres Verständnis des Endocannabinoid-Systems könnte ebenfalls hilfreich sein beim Kampf gegen die Volkskrankheit. Denn Cannabinoid-basierte Behandlungen könnten sich als wirksam erweisen und so die durch Fettleibigkeit resultierenden, sehr ernsten Gesundheitsprobleme begrenzen.

[1] Robert Koch-Institut 2014, Studie DEGS1, Erhebung 2008–2011

[2] KIGGS Kinder- und Jugendgesundheitssurvey

[3] Hauer, H.: Therapie von Adipositas. Positionspapier des Kompetenznetzes Adipositas, Adipositas 2013; 7: 148–149.

[4] Role of Cannabinoid Receptor Type 1 in Insulin Resistance and Its Biological Implications. International Journal of Molecular Science20(9), 2109. 2019, doi: 0.3390/ijms20092109

[5] Rossi, F. et alt. Role of Cannabinoids in Obesity. International Journal of Molecular Sciences, 19(9), 2690. 2018, doi:10.3390/ijms19092690

[6] Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) 

[7] Clark, T. et alt. Theoretical Explanation for Reduced Body Mass Index and Obesity Rates in Cannabis Users. Cannabis and Cannabinoid Research, 3(1), 259–271. 2018. doi:10.1089/can.2018.0045

[8] Alshaarawy, O. et alt. Are cannabis users less likely to gain weight? Results from a national 3-year prospective study. International Journal of Epidemiology. 2019; doi: 10.1093/ije/dyz044

[9] OECD-Studie Obesity and the Economics of Prevention – Fit not Fat