Der Darm ist ein faszinierendes Organ. Er ist bei erwachsenen Menschen ungefähr sieben Meter lang und erfüllt neben der Verdauung eine Reihe weiterer wichtiger Funktionen. So spielt er zum Beispiel eine essentielle Rolle für die Immunabwehr, da sich 70 % aller Immunzellen im Dünn- und Dickdarm befinden und 80 % aller Abwehrreaktionen hier stattfinden. Darüber hinaus hat der Darm eine entscheidende Wirkung auf die Psyche eines jeden Menschen – In diesem Zusammenhang ist auch oft vom „Bauchgehirn“ die Rede.

Gerade deshalb ist es umso schlimmer, wenn dieses so faszinierende Organ von Krankheiten befallen wird. Besonders problematisch sind die immer häufiger auftretenden chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED), deren bekannteste Vertreter Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa – der sich dieser Artikel widmet – sind.

Bei Colitis Ulcerosa, der am häufigsten auftretenden CED, handelt es sich um eine geschwürige Dickdarmentzündung, deren Hauptsymptome blutiger Durchfall, starke Bauchkrämpfe und Tenesmus (andauernder und schmerzhafter Stuhldrang) sind. Der  Verlauf der Krankheit ist schwer vorhersehbar; Sie kann von akuten und fulminanten Schüben gekennzeichnet sein oder einen chronisch aktiven Verlauf (Persistenz der klinischen Symptome) annehmen.

Colitis Ulcerosa und Medizinisches Cannabis

Die symptomatische Behandlung von Darmerkrankungen stellt einen wichtigen Anwendungsbereich von Cannabinoid-Therapien dar, da Cannabis dafür bekannt ist, dass es Beschwerden wie Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und Durchfall lindern kann. (Lal 2011Weiss 2015)

Neben der Behandlung solcher Symptome deutet jedoch auch vieles darauf hin, dass Cannabis aktiv den Entzündungen entgegenwirken kann, die die Beschwerden von Colitis Ulcerosa Patienten auslösen.

Mediziner sind sich zwar einig, dass auf diesem Bereich noch sehr viel Forschung betrieben werden muss, jedoch existieren bereits verhältnismäßig viele Studien, die sich dem Thema widmen. Im Folgenden wird auf einige davon eingegangen.

Dass Colitis Ulcerosa mit dem menschlichen Endocannabinoidsystem in Verbindung steht, belegt zum Beispiel eine Studie von Marquez, Suarez et al. , die nachweisen konnte, dass Menschen mit Colitis Ulcerosa Veränderungen im endocannabinoiden System aufweisen. Diese Erkenntnis führte die Forscher zu der Annahme, dass Cannabinoide und andere Medikamente die auf das ECS einwirken, potentiell in der Behandlung von Colitis Ulcerosa eingesetzt werden können. Die Beteiligung des endocannabinoiden Systems an der Bekämpfung von Entzündungen im Darm wurde auch von Massa, Marsicano et al. gezeigt. Sie kommen (wie Marquez, Suarez et al.) zu der Annahme, dass eine Modulierung des endocannabinoiden Systems ein äußerst vielversprechender therapeutischer Ansatz zur Behandlung von Colitis Ulcerosa und anderen entzündlichen Darmerkrankungen ist.

Wie eigentlich alle anderen Studien zu diesem Thema, ziehen jedoch auch diese beiden das Fazit, dass noch mehr geforscht werden muss um das Potenzial genauer zu erkunden.

Eines der Cannabinoide, die eine vorteilhafte Wirkung bei Colitis Ulcerosa versprechen, ist das nicht-psychoaktive Cannabidiol (CBD). Dieser (nach Tetrahydrocannabinol (THC) bekannteste) Inhaltsstoff der Cannabispflanze ist unter anderem für seine schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung bekannt.

Bezüglich der Wirkung von CBD bei Colitis Ulcerosa wurde (bereits) 2011 eine interessante Studie von Forschern der Universität Neapel durchgeführt,  die den Effekt von CBD auf Darmgewebe, das Colitis-Ulcerosa-Patienten bei einer Biopsie entnommen wurde, sowie auf Segmente des Darmgewebes von mit Colitis infizierten Mäusen untersuchte. Im Zuge dieser, mehrere Experimente umfassenden, Studie identifizierten die Forscher CBD als einen „vielversprechenden therapeutischen Agenten, der die Neuro-immune-axe stimuliert“ und somit ein vielversprechendes Instrument für die Behandlung von entzündlichen Darmerkrankungen darstellt.

Untersuchungen wie diese deuten darauf hin, dass CBD alleine schon eine gewisse therapeutische Wirkung für Colitits Ulcerosa Patienten bietet. Noch vielversprechender ist jedoch der entzündungshemmende Effekt von CBD im Zusammenspiel mit THC. An der Universität Hertfordshire (GB) wurden die Effekte von THC und CBD – alleine und in Kombination – auf Ratten mit Colitis untersucht. Sie kam zu dem Ergebnis, dass THC der Darmentzündung noch effektiver entgegenwirken kann als CBD. Gleichzeitig konnte sie aber zeigen, dass eine Dosis THC, die so gering ist, dass sie allein verabreicht keine Wirkung erzielt, durch die Hinzugabe von CBD effektiver wirkt als eine hohe Dosis THC. Angesichts der Tatsache, dass CBD – anders als THC – keine nennenswerten Nebenwirkungen auslöst, lautete das Fazit der Forscher, dass es wahrscheinlich vorteilhafter ist, CBD und THC in der Behandlung von Colitis Ulcerosa zu kombinieren als nur auf THC zu setzen.

Dass bereits viele Patienten mit CU und anderen CEDs auf das medizinische Potenzial von Cannabis aufmerksam geworden sind, zeigte eine Studie, die herausfand, dass der Gebrauch von Marihuana und Haschisch unter CED Patienten weiter verbreitet ist als in der restlichen Bevölkerung.

Es ist jedoch als wahrscheinlich einzuschätzen, dass medizinisches Cannabis durch weitere Studien zunehmend Anerkennung als komplementäre Therapieform für Erkrankungen wie Colitis Ulcerosa findet.

Wie in so vielen Bereichen auf dem Gebiet der medizinischen Anwendung von Cannabis bleibt also zu hoffen, dass die Forschung über die Wirkmechanismen von Cannabinoiden im Zusammenhang mit Colitis Ulcerosa weiter voran getrieben wird.