Wenn von den medizinischen Wirkstoffen der Cannabispflanze die Rede ist, denken die meisten Menschen zuerst an Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Es gibt aber noch weitere Cannabinoide mit therapeutischem Nutzen. Cannabigerol (CBG) ist eines der bisher 113 entdeckten Cannabinoide – und es scheint großes Potenzial zu besitzen. Daher rückt der Wirkstoff immer mehr in den Fokus der Forschung. Unter anderem werden CBG entzündungshemmende, krebshemmende und antibakterielle Eigenschaften zugeschrieben.

Cannabigerol (CBG) ist auch pharmakologisch interessant, weil es nicht psychotrop ist – also nicht den Cannabis-typischen Rausch erzeugt, der allgemein mit THC verbunden wird – und in einigen industriellen Hanfsorten reichlich vorhanden ist. Wissenschaftler der University of Barcelona in Spanien haben 2018 die Eigenschaften von CBG untersucht. Dabei zeigte sich, dass die Wirkung des Phytocannabinoids auf den Cannabinoidrezeptor 1 (CB1) messbar ist. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass CBG zur Regulierung der Endocannabinoid-Signalübertragung beiträgt. [1]

CBG: Eine Waffe gegen antibiotikaresistente Keime?

Antibiotikaresistenzen sind ein weltweites Problem und drohen, bereits erreichte Erfolge in der Bekämpfung von Krankheiten wieder zunichtezumachen. Antibiotika werden zur Behandlung schwerwiegender bakterieller Infektionen eingesetzt. Kaum ist aber ein neues Medikament auf dem Markt, dauert es meist nicht lange, bis erste Resistenzen auftreten.

Bereits seit Langem ist bekannt, dass Cannabis sativa antibakterielle Cannabinoide enthält. Aber das Potenzial der Pflanze zur Bekämpfung der Antibiotika-Resistenz ist bisher nur oberflächlich untersucht worden. Daher hat sich eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2020 mit diesem Thema beschäftigt. Die kanadischen Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass Cannabigerol gegen Infektionen wirksam sein und multiresistente Krankheitserreger aufhalten kann. [2]

Vielleicht könnte das Cannabinoid CBG somit eine neue Waffe im Kampf gegen sogenannte Superbakterien werden. Diese multiresistenten Keime sind eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit und seit Jahren ein Problem in Krankenhäusern. Viele dieser Krankenhausinfektionen werden durch MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Stämme) verursacht. Aufgrund der reduzierten Behandlungsmöglichkeiten führen schwere Infektionen, beispielsweise eine Sepsis, im Falle von mehrfach resistenten Erregern doppelt so häufig zum Tode wie bei Sepsis mit empfindlichen Bakterienstämmen.

In der Studie untersuchten die Wissenschaftler fünf Cannabinoide auf ihre antibiotischen Eigenschaften. Dabei zeigte sich, dass Cannabigerol besonders wirksam ist, um MRSA Erreger abzutöten. Labortests zeigten, dass CBG auch schwer verschiebbare „Biofilme“ von MRSA auflösen kann.

Mäuse durch CBG von MRSA geheilt

Nachdem CBG im Labor erfolgreich gegen Bakterien war, haben die Forscher die Fähigkeit des Cannabinoids zur Behandlung von Infektionen an Tieren getestet. In einer Studie an Mäusen zeigte sich, dass CBG MRSA-Infektionen ebenso wirksam heilte wie Vancomycin. Dieses Antibiotikum gilt als effektive Alternative gegen multiresistente Staphylokokken.

Für die Wissenschaftler zeigen diese Studienergebnisse das “breite therapeutische Potenzial von Cannabinoiden”  [2]. Es ist allerdings noch viel weitere Forschung nötig, um den sicheren Einsatz von CBG als Antibiotikum abzuklären.

Cannabigerol und der Schutz von Nervenzellen

Parkinson, Chorea Huntington und Alzheimer – diese und andere Leiden zählen zu den neurodegenerativen Erkrankungen. Dabei kommt es zu einem Funktionsverlust oder dem Sterben von Nervenzellen. Bei diesem Prozess spielen Entzündungen und oxidativer Stress eine Hauptrolle. Italienische Forscher haben herausgefunden, dass verschiedene natürliche Verbindungen aus der Cannabispflanze, wie Cannabigerol, neuroprotektive Wirkungen gegen diese Entzündungen und den oxidativen Stress haben können. Somit könnten sie vor dem Verlust von Nervenzellen schützen. [3]

Im Labor zeigten die Wissenschaftler, dass die Behandlung mit CBG Nervenzellen vor dem Zelltod schützt. CBG wirkte sowohl der Entzündung wie auch dem oxidativen Stress entgegen. Die Forscher kommen daher zu dem Schluss, dass “diese Ergebnisse auf die neuroprotektive Wirkung von CBG” hindeuten, “die eine potenzielle Behandlung gegen Neuroinflammation und oxidativen Stress darstellen könnte.”  [3]

Wir können daher gespannt sein, ob CBG in der Zukunft bei der Behandlung von Erkrankungen wie Parkinson und der Huntington-Krankheit eine Rolle spielen wird. Bereits im Jahr 2015 hatten Wissenschaftler aus Madrid positive Ergebnisse bei einer Studie erzielt, die den Effekt von CBG auf Mäuse mit der Huntington-Krankheit untersuchte. [4]

CBG und Darmkrebs

Eine Studie aus Israel beleuchtet das Wirkungsspektrum von Cannabisextrakten auf Darmkrebszellen und adenomatöse Polypen. Hier zeigte sich, dass vor allem CBG einen Zellstillstand bei Krebszellen im Darm und den programmierten Zelltod verursachte. Die Forscher erklären daher, dass Cannabigerol einen “möglichen zukünftigen therapeutischen Wert”  bei der Behandlung von Darmkrebs besitzt. [5]

Bereits 2014 zeigte eine Studie aus Italien, dass sich CBG positiv auf die Tumorentwicklung im Darm auswirken kann. An Mäusen untersuchten die Wissenschaftler, ob das Cannabinoid vor einer Tumorentstehung im Darm schützen kann. In den Ergebnissen heißt es, dass CBG das Zellwachstum der Krebszellen im Darm reduzierte. [6]

Appetitanregende Wirkung von CBG

Dass Cannabis appetitanregend wirkt, ist schon lange bekannt. Häufig wird dies auf den Wirkstoff THC zurückgeführt. Eine Studie aus Großbritannien hat jedoch gezeigt, dass auch das nichts-psychotrope CGB den Appetit anregen kann. Im Versuch mit Ratten nahmen diese nach der Behandlung mit dem Cannabinoid größere und häufigere Mahlzeiten ein. Nebenwirkungen beobachten die Forscher nicht. [7]

CBG sollte daher weiter erforscht werden, da sein Einsatz bei Kachexie (stark ausgeprägter Gewichtsverlust) und Appetitlosigkeit von großem Interesse sein kann.

CBG – die Möglichkeiten entfalten

Cannabigerol ist ein therapeutisch äußerst interessantes Cannabinoid, denn zum einen erzeugt es keinen Rausch. Darüber hinaus besitzt es bewiesene antibiotische Fähigkeiten und kann sogar MRSA-Keime – sogenannte “Superbakterien” (Antibiotikaresistenzen) – abtöten. Damit ruht auf CBD große Hoffnung im Kampf gegen multiresistente Krankheitserreger und höchst problematische Krankenhausinfektionen.

Aber auch für andere Leiden hat CBG in Studien erste positive Ergebnisse erzielt, wie für Darmkrebs oder neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson, Chorea Huntington und Alzheimer. Darüber hinaus sind seine appetitsteigernden Eigenschaften medizinisch interessant. Außerdem zeigte eine Studie, dass CBG die Aldose-Reduktase-Aktivität hemmen kann. Damit hat der Wirkstoff auch Potenzial für der Bekämpfung von diabetischen Komplikationen. [8]

Um das therapeutische Potenzial dieses Cannabinoids zu nutzen und zu optimieren, ist eine intensivere Forschung entscheidend. Zurzeit stehen wir hier noch ganz am Anfang.

[1] Navarro G, Varani K, Reyes-Resina I, et al. Cannabigerol Action at Cannabinoid CB1 and CB2 Receptors and at CB1-CB2 Heteroreceptor Complexes. Front Pharmacol. 2018;9:632. Published 2018 Jun 21. doi:10.3389/fphar.2018.00632

[2] Farha MA, El-Halfawy OM, Gale RT, et al. Uncovering the Hidden Antibiotic Potential of Cannabis. ACS Infect Dis. 2020;6(3):338-346. doi:10.1021/acsinfecdis.9b00419

[3] Gugliandolo A, Pollastro F, Grassi G, Bramanti P, Mazzon E. In Vitro Model of Neuroinflammation: Efficacy of Cannabigerol, a Non-Psychoactive Cannabinoid. Int J Mol Sci. 2018;19(7):1992. Published 2018 Jul 8. doi:10.3390/ijms19071992

[4] Valdeolivas S, Navarrete C, Cantarero I, Bellido ML, Muñoz E, Sagredo O. Neuroprotective properties of cannabigerol in Huntington’s disease: studies in R6/2 mice and 3-nitropropionate-lesioned mice. Neurotherapeutics. 2015;12(1):185-199. doi:10.1007/s13311-014-0304-z

[5] Nallathambi R, Mazuz M, Namdar D, et al. Identification of Synergistic Interaction Between Cannabis-Derived Compounds for Cytotoxic Activity in Colorectal Cancer Cell Lines and Colon Polyps That Induces Apoptosis-Related Cell Death and Distinct Gene Expression. Cannabis Cannabinoid Res. 2018;3(1):120-135. Published 2018 Jun 1. doi:10.1089/can.2018.0010

[6] Borrelli F, Pagano E, Romano B, et al. Colon carcinogenesis is inhibited by the TRPM8 antagonist cannabigerol, a Cannabis-derived non-psychotropic cannabinoid. Carcinogenesis. 2014;35(12):2787-2797. doi:10.1093/carcin/bgu205

[7] Brierley DI, Samuels J, Duncan M, Whalley BJ, Williams CM. Cannabigerol is a novel, well-tolerated appetite stimulant in pre-satiated rats. Psychopharmacology (Berl). 2016;233(19-20):3603-3613. doi:10.1007/s00213-016-4397-4

[8] Smeriglio A, Giofrè SV, Galati EM, et al. Inhibition of aldose reductase activity by Cannabis sativa chemotypes extracts with high content of cannabidiol or cannabigerol. Fitoterapia. 2018;127:101-108. doi:10.1016/j.fitote.2018.02.002