Cannabis als Medizin bei chronischen Schmerzen

Etwa ein Viertel der Menschen in Deutschland leidet unter chronischen Schmerzen. Die nicht-medikamentöse und medikamentöse Schmerztherapie kann in einigen Fällen nicht ausreichend sein, um eine effektive Schmerzlinderung zu erreichen. Gefragt sind dann wirksame ergänzende Maßnahmen wie eine medizinische Cannabis-Therapie.

Da die Erkenntnisse zum Einsatz von Cannabis für medizinische Zwecke in den letzten Jahren durch eine Vielzahl klinischer Studien verbessert wurde, kann die Gabe von cannabishaltigen Arzneimitteln bei Patienten, die unter einer Standardtherapie keine ausreichende Schmerzlinderung erfahren, sinnvoll sein. Bevor wir jedoch tiefer in diese Thematik einsteigen, erklären wir kurz, welche Schmerzformen es gibt, und welche Therapiemöglichkeiten bestehen.

Welche Schmerzformen gibt es?

Die Weltschmerzorganisation International Association for the Study of Pain (IASP) definiert Schmerz als „ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird“.

Die Schmerzmedizin unterscheidet unter anderem folgende Schmerzarten:

Physiologischer NozizeptorschmerzDieser Schmerz entsteht durch die Erregung von Nozizeptoren, die auf unterschiedliche Einflüsse (z. B. Kälte, Hitze, Druck) reagieren und die Informationen an das Zentralnervensystem weiterleiten.
Pathologischer NozizeptorschmerzWenn Gewebe geschädigt wird (z. B. Prellung) werden Entzündungszellen mobilisiert, die dann in den betroffenen Bereich eingreifen und diesen empfindlicher als normal machen (z. B. Sonnenbrand).
Neuropathischer SchmerzNeuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen) entstehen, wenn die Nervenfasern verletzt werden, wie zum Beispiel bei einem Bandscheibenvorfall. Sie können sich anfallsartig, einschießend, brennend und dumpf äußern.
Reflektorischer SchmerzDiese Schmerzart wird durch eine gestörte Motorik ausgelöst. Durch eine Muskelverspannung werden die Schmerzrezeptoren erregt. Die Schmerzen verstärken dann wiederum die Muskelverspannung, sodass ein Kreislauf aus Muskelschmerzen und Muskelverspannungen entsteht.
Muskel-/WeichteilschmerzenWeichteilschmerzen entstehen beispielsweise durch die Erkrankung Fibromyalgie. In der Regel sind die Beschwerden auf bestimmte Körperareale beschränkt.
AttackenschmerzEin Attackenschmerz tritt beispielsweise bei Kopfschmerzen (Spannungskopfschmerzen oder Migräne) auf.
Psychogener SchmerzBei diesem Schmerzsyndrom lassen sich keine körperlichen Ursachen finden. Die Symptome basieren auf psychischen Vorgängen (seelische Belastungen, psychische Probleme oder Krankheiten).

Weitere Informationen zu den unterschiedlichen Schmerzformen gibt es hier.

Was ist der Unterschied zwischen akuten und chronischen Schmerzen?

Ein akuter Schmerz entsteht beispielsweise bei einer Verletzung und ist ein Warnsignal des Körpers. In der Regel ist er auf den Entstehungsort begrenzt. Wenn die Ursache behoben ist, also beispielsweise die Verletzung verheilt ist, verschwinden die Schmerzen von selbst.

Bei chronischen Schmerzen geht die Funktion als Warnsignal verloren. Das bedeutet, dass die Schmerzsymptomatik trotz geheilter Ursache bestehen bleibt. Mediziner sprechen von chronischen Schmerzen, wenn diese seit mindestens drei Monaten andauern und die Lebensqualität des Patienten erheblich beeinträchtigen. Aus der einstigen Schmerzsymptomatik entwickelt sich dann eine eigenständige Krankheit.

Therapie von chronischen Schmerzen

Da das chronische Schmerzsyndrom eine komplexe Erkrankung darstellt, ist die Behandlung häufig nicht einfach. Den größten Erfolg verspricht eine multimodale Therapie, also eine Kombination aus verschiedenen nicht-medikamentösen Therapien, die individuell auf den Patienten abgestimmt wird. Diese kann beispielsweise folgende Behandlungsmethoden enthalten:

  • Physiotherapie: Diverse physikalische Therapieverfahren, wie zum Beispiel Krankengymnastik, Bewegungstherapie, Wärme- oder Kälteanwendungen, können Schmerzen lindern.
  • Invasive Therapieverfahren: Je nach Schmerzform können invasive Verfahren wie Injektionen oder Nervenstimulation hilfreich sein.
  • Komplementäre Verfahren: Ergänzend zu der schulmedizinischen Behandlung können auch Naturheilverfahren, homöopathische Mittel oder die Traditionelle chinesische Medizin (TCM) die Schmerzzustände reduzieren. Mögliche weitere Verfahren sind Akupunktur, Akupressur und Osteopathie.
  • Psychologische Therapie: Psychosoziale und psychische Faktoren spielen bei der Entstehung und der Chronifizierung der Schmerzen eine bedeutende Rolle. Viele Patienten leiden unter depressiven Verstimmungen oder entwickeln sogar eine Depression, die die Schmerzsymptomatik verstärkt. In solchen Fällen kann eine kognitiv-verhaltensmedizinische Therapie angezeigt sein.

Behandlung mit Medikamenten

Neben den zuvor genannten Therapieverfahren kommen bei dem chronischen Schmerzsyndrom auch Medikamente zum Einsatz. Für den kurzfristigen Einsatz erhalten Patienten häufig klassische Schmerzmedikamente, wie zum Beispiel Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS), Naproxen, Ibuprofen oder Diclofenac. Da diese Wirkstoffe unter anderem die Magen-Darm-Schleimhaut angreifen sowie den Blutdruck beeinflussen können, sollte eine längerfristige Einnahme gut abgewägt werden..

Leiden Patienten unter neuropathischen Schmerzen, verordnen Ärzte oftmals krampflösende Arzneimittel (Antikonvulsiva) wie Lamotrigin, Topiramat oder Gabapentin. Diese finden zwar hauptsächlich bei der Epilepsiebehandlung Anwendung, es ist jedoch bekannt, dass die Wirkstoffe bestimmte Schmerzprozesse im Körper positiv beeinflussen können. Topiramat wird beispielsweise zur Migräneprophylaxe eingesetzt. Frei von Nebenwirkungen sind diese Arzneistoffe nicht, so können sich Symptome wie Ataxie, Müdigkeit und Schwindel zeigen.

Im Rahmen der Schmerztherapie verordnen auch viele Ärzte Antidepressiva (trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin oder Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer), da sie in niedriger Dosis die Schmerzverarbeitung positiv beeinflussen können.

Einsatz von Opioiden

Bei sehr starken chronischen Schmerzen verschreiben Ärzte den Betroffenen Opioide. . Diese werden in schwächer wirkende und stark wirkende Arzneimittel eingeteilt. Zu den Erstgenannten gehören Schmerzmittel wie Tilidin oder Dihydrocodein. Stärker wirkende Arzneimittel sind Fentanyl, Buprenorphin und Oxycodon.

Opioide können unerwünschte Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Mundtrockenheit, Verstopfung, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen sowie psychiatrische Störungen auslösen. Um diese Symptome zu lindern, erhalten Betroffene dann meist weitere Medikamente.

Darüber hinaus besteht bei Opioiden ein erhöhtes Abhängigkeitsrisiko. Außerdem bauen Patienten relativ schnell eine Opioidtoleranz auf, sodass die Dosis immer weiter erhöht werden muss, um eine ausreichende Wirkung zu erreichen.

Interessante Informationen zu einer Schmerztherapie bietet auch die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin.

Wirkungsmechanismus von Medizinal-Cannabis bei Schmerzen

Die Cannabinoide der Cannabispflanze wie Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) besitzen schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften. Ihre Wirkung entfalten sie, indem sie mit dem Endocannabinoidsystem und dessen Cannabinoidrezeptoren im Körper interagieren. Inzwischen weiß man, dass das Endocannabinoidsystem in verschiedenen physiologischen Prozessen wie dem Schmerzmanagement eine wichtige Rolle spielt.

Kommt es beispielsweise zu einer Verletzung, bildet der Körper den Botenstoff Prostaglandin, der durch das Enzym Cyclooxygenase (COX) entsteht. Das Prostaglandin bindet dann an die Schmerzrezeptoren, sodass das Gehirn den Schmerz wahrnimmt. Klassische Arzneimittel (nicht-opioide Schmerzmittel wie Ibuprofen) blockieren das Enzym COX. Infolge dessen wird das Prostaglandin nicht mehr produziert.

Opioide haben einen anderen Wirkmechanismus. Sie binden an die Opioid-Rezeptoren im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) sowie im peripheren Nervensystem (Nervenzellen außerhalb des Gehirns und Rückenmarks).

Cannabinoide wirken ebenfalls im Rückenmark. Allerdings legen Opioide die gesamte Schmerzweiterleitung lahm, während Cannabinoide die Schmerzweiterleitung „nur“ ausbremsen.

Bevor ein Schmerzimpuls in das Bewusstsein gelangt, kann das Rückenmark diesen abschwächen oder verstärken. Dieser Effekt wird als Torkontrolle bezeichnet. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass Cannabinoide in der Lage sind, die Torkontrolle zu verändern, bzw. den Schmerzimpuls abzuschwächen (1).

Cannabinoide beeinflussen das Schmerzempfinden

Verschiedene Studien legen nahe, dass Cannabinoide die Schmerzintensität nicht verringern, sondern die Beschwerden erträglicher machen. So erklärte der Forscher Martin De Vita von der US-amerikanischen Syracuse University im Rahmen seiner Meta-Studie, dass insbesondere THC mit moderaten Erhöhungen der Schmerztoleranz und Schmerzschwelle assoziiert war (3). Eine Verringerung der Schmerzintensität war nicht zu verzeichnen. Jedoch wurde der Schmerz als weniger unangenehm empfunden.

Weiter erklärte er, dass sich die vorliegende Untersuchung auf den Einsatz von THC konzentriert habe. Es sei unklar, ob andere Cannabinoide zu unterschiedlichen Ergebnissen führen würden.

Cannabis als Medizin bei neuropathischen Schmerzen besonders wirkungsvoll

Medizinisches Cannabis zeigt besonders bei chronischen neuropathischen Schmerzen sowie bei Schmerzen im Rahmen der Erkrankung Multiple Sklerose eine positive Wirkung (4). In einer Parallelgruppenstudie, an der 50 Patienten mit HIV-assoziierten neuropathischen Schmerzen teilnahmen, zeigte sich, dass sich die Schmerzsymptomatik nach dem Rauchen von Cannabis erheblich reduzierte. 

Zum gleichen Ergebnis kam eine Cross-over-Studie, in der die Patienten Dronabinol gegen MS-bedingte Schmerzen erhielten. Zudem ergaben kleinere kontrollierte Studien Hinweise darauf, dass medizinisches Cannabis auch bei chronischen Schmerzen anderer Ursachen wie Fibromyalgie, Rheuma und Tumorschmerzen wirksam sein kann.

Fazit

Die chronische Schmerzsymptomatik gehört zu den gut gesicherten Heilanzeigen von medizinischem Cannabis. Verschiedene placebokontrollierte Studien konnten bereits die entsprechende Wirkung nachweisen.

Nicht-opioide Arzneimittel sowie insbesondere Opioide können starke Nebenwirkungen verursachen. Untersuchungen legen nahe, dass die Kombination aus Arzneimitteln und Cannabis-basierten Medikamenten die Nebenwirkungen nicht nur abschwächen kann, sondern dass es den Patienten möglich ist, die Dosis von Schmerzmedikamenten und Opioiden zu reduzieren. Von Vorteil ist zudem, dass Patienten bei der Anwendung von medizinischem Cannabis nicht wie bei Opioiden eine Toleranz entwickeln. 

Demnach kann Cannabis für medizinische Zwecke für viele Patienten ein wichtiger Baustein im Gesamtgefüge der Schmerztherapie sein, um eine Schmerzlinderung zu erreichen und die Lebensqualität zu verbessern.

(1) Starowicz K, Finn DP. Cannabinoids and Pain: Sites and Mechanisms of Action. Adv Pharmacol. 2017;80:437-475. doi: 10.1016/bs.apha.2017.05.003. Epub 2017 Jun 20. PMID: 28826543

(2) Haroutounian S, Ratz Y, Ginosar Y, Furmanov K, Saifi F, Meidan R, Davidson E. The Effect of Medicinal Cannabis on Pain and Quality-of-Life Outcomes in Chronic Pain: A Prospective Open-label Study. Clin J Pain. 2016 Dec;32(12):1036-1043. doi: 10.1097/AJP.0000000000000364. PMID: 26889611

(3) De Vita MJ, Moskal D, Maisto SA, Ansell EB. Association of Cannabinoid Administration With Experimental Pain in Healthy Adults: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Psychiatry. 2018 Nov 1;75(11):1118-1127. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2018.2503. PMID: 30422266; PMCID: PMC6248100

(4) Grotenhermen F, Müller-Vahl K, The therapeutisch potential of cannabis and cannabinoids, Dtsch Arztebl Int 2012; 109(29-30): 495-501; DOI: 10.3238/ärztebl.2012.0495

About Alexandra

Alexandra Latour verfügt über langjähre Erfahrungen als Autorin im medizinischen Bereich. Ab dem Jahr 2017 hat sie sich als Medical Writer auf das Thema Cannabis als Medizin spezialisiert und war für Leafly Deutschland tätig.