Epilepsie: Behandlung mit medizinischem Cannabis

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Die Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung. Laut der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie e.V. sind in Deutschland geschätzt zwischen 500.000 und 650.000 Menschen an Epilepsie erkrankt (1). Im Laufe des Lebens trifft die Krankheit etwa drei bis vier Prozent der Bevölkerung (Lebenszeitprävalenz).

Viele Betroffene benötigen eine medikamentöse antiepileptische Therapie, die häufig mit Nebenwirkungen verbunden ist. Verschiedene Studien zeigen die antikonvulsive Wirkung der Cannabinoide aus der Cannabis-Pflanze, weshalb medizinisches Cannabis eine nebenwirkungsarme Therapieoption sein kann.

Epilepsie: Was sind die Ursachen?

Bei der idiopathischen Epilepsie sind die Ursachen nicht klar erkennbar. Häufig wird eine genetische Ursache vermutet, es sind aber auch andere Faktoren möglich. Die symptomatische Epilepsie, auch kryptogene Epilepsie genannt, wird durch strukturelle oder stoffwechselbedingte Veränderungen ausgelöst wird, wie zum Beispiel durch einen Gehirntumor, ein Schädel-Hirn-Trauma oder einer Verletzung des Gehirngewebes.

Welche Anfallsarten gibt es?

Wenn sich größere Nervenzellverbände an der Gehirnoberfläche vorübergehend abnorm entladen, kommt es zu einem Epilepsie-Anfall (Krampfanfall). Dementsprechend handelt es sich bei dem Anfall um eine unwillkürliche Funktionsstörung. Unterschieden werden epileptische Anfälle in zwei Hauptgruppen:

  • Generalisierte Anfälle: Bei einem generalisierten Anfall ist das gesamte Gehirn beteiligt.
  • Fokale Anfälle: Bei einem fokalen Anfall sind ein oder mehrere Teile des Gehirns betroffen.
  • Sekundär-generalisierte Anfälle: Zunächst kommt es zu einem fokalen Anfall, der sich dann auf das gesamte Gehirn ausbreitet.

Darüber hinaus werden unter anderem folgende Anfallsarten unterschieden:

  • Grand-mal-Anfall: Bei einem tonisch-klonischen Anfall verkrampft sich der Körper (tonischer Anfall) und kann bläulich anlaufen. Danach folgen grobe Zuckungen (klonischer Anfall), infolge dessen die Gefahr besteht, dass sich der Patient auf die Zunge beißt.
  • Absence-Anfall (Petit-mal-Anfall): Hier kommt es zu einer kurzen Bewusstseinspause, die meist nur einige Sekunden dauert. Meist können sich Betroffene nicht daran erinnern. Mögliche weitere Symptome sind kleine Mund- oder Kopfbewegungen oder Blinzeln.
  • Myoklonische Anfälle: Das Bewusstsein bleibt beim myoklonischen Anfall erhalten. Jedoch beginnen bestimmte Muskeln (Hand, Arm oder Rumpf) plötzlich zu zucken. Nach wenigen Sekunden enden die Zuckungen abrupt wieder.

Je nach Anfallsart und Schwere besteht eine Verletzungsgefahr, beispielsweise durch Stürze oder durch Gegenstände in ihrer Umgebung. Zudem können sehr starke unwillkürliche Muskelkontraktionen Bissverletzungen an Zunge und Wange zur Folge haben.

Wenn ein Epilepsie-Anfall länger als zehn Minuten anhält, sprechen Ärzte von einem Status epilepticus. Es kommt zu einer Serie von Anfällen ohne vollständige Erholung, die länger als eine halbe Stunde andauern. Es handelt sich hierbei um einen lebensbedrohlichen Zustand, weshalb sofort der Notarzt zu verständigen ist. Es besteht die Gefahr, dass das Gehirn geschädigt wird. 

Therapie einer Epilepsie

Bei bestimmten Epilepsieformen ist eine medikamentöse Therapie unbedingt angezeigt. Hierzu gehören unter anderem:

  • Absencen-Epilepsie
  • Temporallappenepilepsie
  • Myoklonische Epilepsie
  • Myoklonische-atonische Epilepsie
  • Lennox-Gastaut-Syndrom (seltene Epilepsieform im Kindesalter)
  • Dravet-Syndrom (seltene Epilepsieform im Kindesalter)
  • West-Syndrom (seltene Form, sehr schwer zu behandelnde Epilepsieform)

Dem Großteil der Patienten hilft eine medikamentöse Behandlung, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren. Einige Patienten werden durch die Therapie sogar anfallsfrei.

Epilepsie: Welche Medikamente kommen zum Einsatz?

Antiepileptika sind Medikamente, die die Übererregbarkeit der Nervenzellen vermindern sollen. Patientinnen und Patienten müssen diese Antiepileptika regelmäßig einnehmen – nicht erst bei einem beginnenden epileptischen Anfall. Wie alle Medikamente können auch Antiepileptika unerwünschte Nebenwirkungen auslösen, wie zum Beispiel Benommenheit, Schwindel, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Haarausfall, Gewichtszunahme sowie Gewichtsabnahme und Zahnfleischwucherungen.

In einigen Fällen reicht die Therapie mit einem Antiepileptikum (Monotherapie) nicht aus, um eine Anfallsfreiheit zu erreichen, sodass Epilepsie-Patienten ein zusätzliches Antiepileptikum (Kombinationstherapie) erhalten. Bei einer fokalen Epilepsie kann auch ein chirurgischer Eingriff angezeigt sein, sofern dem Betroffenen keine gesundheitlichen Nachteile durch eine Operation entstehen.

Eine weitere alternative Therapie besteht darin, dass ein kleines elektrisches Gerät in das Gehirn implantiert wird, das den Nervus vagus erregt. Dies soll die Anfallshäufigkeit reduzieren.

Weitere Informationen rund um das Thema Epilepsie bietet die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE).

Zusammenhänge zwischen Epilepsie und dem Endocannabinoidsystem

Der Auslöser eines epileptischen Anfalls ist auf die Überregung von Neuronen zurückzuführen. Je nach Epilepsieform ist eine andere Hirnregion betroffen. Forscher nehmen an, dass die Endocannabinoide 2-Arachidonylglycerol (2-AG) und Anandamid sowohl an der Regulierung als auch an der Steuerung der neuronalen Erregungsaktivität beteiligt sind und damit das Risiko mindern können, einen Krampfanfall zu erleiden (2).

Wenn Epilepsie-Patienten tatsächlich ein dysfunktionales Endocannabinoidsystem besitzen, könnte Medizinalcannabis ein wirksames Epilepsie-Medikament sein. Durch den neuroprotektiven Schutz ließe sich die Häufigkeit und die Schwere der Krankheit reduzieren.

Epilepsie und Cannabis als Medizin: Interessante Studien

Es existiert inzwischen eine Vielzahl an Studien, die die Wirkung von Cannabis als Medizin bei epileptischen Anfällen untersucht haben. Demnach besitzen die Cannabinoide Delta-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) antikonvulsive Eigenschaften, wobei die genauen Wirkmechanismen noch unklar sind.

Forscher der Virginia Commonwealth University stellten fest, dass die antikonvulsive Wirkung von THC auf die Aktivierung der CB1-Rezeptoren zurückzuführen ist (3). Über eine Rückkopplungsschleife bremst der präsynaptische CB1 überaktive Synapsen.

Dieser Mechanismus ist bekannt, da die Funktion der Cannabinoidrezeptoren im Gehirn gut untersucht ist. So setzt die Postsynapse Endocannabinoide frei, die dann am CB1 andocken, wenn zu viele Transmitter ausgeschüttet werden. Infolge dessen wird die Transmitterproduktion gedrosselt. THC dockt ebenfalls an den CB1 an, was den Wirkmechanismus erklären kann.

CBD hat wenig Affinität zu den CB1- und CB2-Rezeptoren. Es scheint bei Epilepsie therapeutisch bedeutsamer zu sein als THC. Brasilianische Forscher untersuchten die Wirkung von Cannabidiol auf den Hippocampus am Mausmodell (4). Die Mäuse erhielten Pentylentetrazol, das bei den Mäusen einen Krampfanfall auslöste, und anschließend CBD. Infolge dessen nahm der Anfall ab und im EEG zeigte sich, dass die Gehirnaktivität abnahm.

Interessante Studien zur antiepileptischen Wirkung von Cannabidiol

Dr. Catherine Jacobson von der Stanford University (USA) befragte im Jahr 2013 insgesamt 18 Familien mit Kindern, die an Epilepsie leiden und CBD-Extrakte erhielten (5). Im Ergebnis heißt es, dass 83 Prozent der Eltern angaben, dass die Häufigkeit und Intensität der epileptischen Anfälle ihrer Kinder um etwa 80 Prozent abnahmen.

Besonders interessant ist eine klinische Studie aus dem Jahr 2018, an der 225 Patienten mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom teilnahmen und monatlich durchschnittlich unter 85 epileptischen Anfällen litten (6). Trotz der Gabe verschiedener antiepileptischen Arzneimittel besserte sich die Symptomatik der Betroffenen nicht.

Im Rahmen der 14-wöchigen Studie erhielten die Betroffenen im Durchschnitt drei verschiedene Medikamente. Eine Gruppe nahm täglich 20 mg CBD pro Kilogramm Körpergewicht ein, eine weitere Gruppe 10 mg CBD pro Kilogramm und die dritte Gruppe erhielt ein Placebo.

Bei der Gruppe mit den hohen CBD-Dosen halbierte sich bei 40 Prozent der Betroffenen die Anzahl der epileptischen Anfälle. In der Gruppe mit der niedrigeren CBD-Dosis nahm die Häufigkeit der Krampfanfälle bei 36 Prozent der Betroffenen ab.

Kanadische Forscher führten ebenfalls eine klinische Studie durch, in der 20 Kinder mit dem Dravet-Syndrom neben ihrer Standardmedikation täglich ein Cannabis-Pflanzenextrakt mit 100 mg/ml CBD und 2 mg/ml THC erhielten (7). Die 20-wöchige Behandlung schlossen 19 Kinder ab. Dabei zeigte sich, dass die Anfallshäufigkeit um 70,6 Prozent abnahm. Außerdem verbesserte sich die Lebensqualität der Kinder. Weiter berichteten die Forscher, dass das Cannabis-Extrakt gut vertragen wurde und keine erheblichen Nebenwirkungen auftraten.

Behandlung mit Cannabidiol: Mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen

In einer Übersichtsarbeit fassten die Forscher der University of Alabama in Birmingham die Ergebnisse verschiedener Studien zusammen, in denen der Wirkstoff CBD zur Epilepsie-Behandlung eingesetzt wurde (8).

Zu möglichen Nebenwirkungen heißt es, dass Cannabidiol gut verträglich sei. Am häufigsten wurden die Nebenwirkungen Durchfall und Sedierung genannt, wobei die verstärkte Sedierung bei Patienten auftrat, die zusätzlich Clobazam erhielten.

Zwischen Cannabidiol und Clobazam scheint es noch weitere Wechselwirkungen zu geben. Denn die Forscher stellten fest, dass sich der Spiegel des Clobazam-Metaboliten N-Desmethylclobazam in verschiedenen Untersuchungen deutlich erhöhte. Die Forscher nehmen an, dass dieser Effekt darauf zurückführen ist, dass CBD das Isoenzym CYP2C19 hemmt. Dieses spielt bei der Metabolisierung von Arzneimitteln wie Antiepileptika oder Antikoagulanzien eine wichtige Rolle.

Hier sind zukünftige kontrollierte Studien unbedingt notwendig, um Patienten mit Epilepsie eine sichere Behandlung mit CBD zukommen zulassen.

Isoliertes CBD vs. Extrakt

Die Forscher der University of California haben eine Methode entwickelt, um das synthetische CBD namens H2CBD (8,9 Dihydrocannabidiol) herzustellen (8). Dieses verabreichten sie Ratten, nachdem epileptische Anfälle durch Pentylentetrazol ausgelöst wurden. Laut den Forschern zeigte H2CBD hinsichtlich der Verringerung der Anfallshäufigkeit eine vergleichbare Wirksamkeit wie CBD. Klinische Studien fehlen hier jedoch noch.

Neben der synthetischen Variante gibt es CBD noch als Extrakt und Isolat. Auch hier wird häufig die Frage gestellt, ob es einen Unterschied in der Wirksamkeit gibt. In einer Meta-Analyse von klinischen Beobachtungsstudien zur Behandlung der refraktären Epilepsie mit CBD-haltigen Produkten fanden sich insgesamt 199 Arbeiten (9). Dabei lag die durchschnittliche tägliche Dosis zwischen 1 und 50 mg/kg mit einer Behandlungsdauer von bis zu einem Jahr (Mittelwert: 6,2 Monate).

Am Ende führen die Forscher aus, dass CBD-haltige Extrakte bei Patienten mit refraktärer Epilepsie besser wirkten als isoliertes CBD, was auf die synergetischen Effekte mit anderen Cannabinoiden (Entourage-Effekt) zu erklären ist.

Interessant ist zudem, dass Nebenwirkungen von Patienten häufiger berichtet wurden, die ein Isolat einnahmen. Außerdem benötigten die Patienten von den Extrakten eine niedrigere Dosis (durchschnittlich 6 mg/kg), um eine Besserung der Symptomatik zu erreichen. Die durchschnittliche Dosis des Isolats betrug 25,3 mg/kg.

Fazit

Die genauen Mechanismen, wie CBD die Häufigkeit der epileptischen Anfälle reduzieren kann, sind bisher noch nicht bekannt. Allerdings zeigen verschiedene Studien, dass das Cannabinoid ein effektives Mittel bei einigen Epilepsieformen (z. B. Dravet-Syndrom oder Lennox-Gastaut-Syndrom) sein kann.

Trotz der positiven Studienergebnisse besteht noch ein hoher Bedarf an klinischen Untersuchungen, um die Wirkungsmechanismen besser verstehen zu können und um hieraus geeignete Therapien für die Krankheit, insbesondere in Bezug auf die Dosierung, ableiten zu können.

 

 Quellen:

(1) Epidemiologie der Epilepsien, Informationszentrum Epilepsie (ize) der Dt. Gesellschaft für Epileptologie e.V.

(2) Ludányi A, Eross L, Czirják S, Vajda J, Halász P, Watanabe M, Palkovits M, Maglóczky Z, Freund TF, Katona I. Downregulation of the CB1 cannabinoid receptor and related molecular elements of the endocannabinoid system in epileptic human hippocampus. J Neurosci. 2008 Mar 19;28(12):2976-90. doi: 10.1523/JNEUROSCI.4465-07.2008. PMID: 18354002; PMCID: PMC6670708.

(3) Wallace MJ, Wiley JL, Martin BR, DeLorenzo RJ. Assessment of the role of CB1 receptors in cannabinoid anticonvulsant effects. Eur J Pharmacol. 2001 Sep 28;428(1):51-7. doi: 10.1016/s0014-2999(01)01243-2. PMID: 11779037.

(4) Vilela LR, Lima IV, Kunsch ÉB, Pinto HPP, de Miranda AS, Vieira ÉLM, de Oliveira ACP, Moraes MFD, Teixeira AL, Moreira FA. Anticonvulsant effect of cannabidiol in the pentylenetetrazole model: Pharmacological mechanisms, electroencephalographic profile, and brain cytokine levels. Epilepsy Behav. 2017 Oct;75:29-35. doi: 10.1016/j.yebeh.2017.07.014. Epub 2017 Aug 16. PMID: 28821005.

(5) Porter BE, Jacobson C. Report of a parent survey of cannabidiol-enriched cannabis use in pediatric treatment-resistant epilepsy. Epilepsy Behav. 2013 Dec;29(3):574-7. doi: 10.1016/j.yebeh.2013.08.037. PMID: 24237632; PMCID: PMC4157067.

(6) Devinsky O, Patel AD, Cross JH, Villanueva V, Wirrell EC, Privitera M, Greenwood SM, Roberts C, Checketts D, VanLandingham KE, Zuberi SM; GWPCARE3 Study Group. Effect of Cannabidiol on Drop Seizures in the Lennox-Gastaut Syndrome. N Engl J Med. 2018 May 17;378(20):1888-1897. doi: 10.1056/NEJMoa1714631. PMID: 29768152.

(7) McCoy B, Wang L, Zak M, Al-Mehmadi S, Kabir N, Alhadid K, McDonald K, Zhang G, Sharma R, Whitney R, Sinopoli K, Snead OC 3rd. A prospective open-label trial of a CBD/THC cannabis oil in dravet syndrome. Ann Clin Transl Neurol. 2018 Aug 1;5(9):1077-1088. doi: 10.1002/acn3.621. PMID: 30250864; PMCID: PMC6144444.

(8) Gaston TE, Szaflarski JP. Cannabis for the Treatment of Epilepsy: an Update. Curr Neurol Neurosci Rep. 2018 Sep 8;18(11):73. doi: 10.1007/s11910-018-0882-y. PMID: 30194563.

(9) Pamplona FA, da Silva LR, Coan AC. Potential Clinical Benefits of CBD-Rich Cannabis Extracts Over Purified CBD in Treatment-Resistant Epilepsy: Observational Data Meta-analysis. Front Neurol. 2018 Sep 12;9:759. doi: 10.3389/fneur.2018.00759. Erratum in: Front Neurol. 2019 Jan 10;9:1050. PMID: 30258398; PMCID: PMC6143706.

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About Alexandra

Alexandra Latour verfügt über langjähre Erfahrungen als Autorin im medizinischen Bereich. Ab dem Jahr 2017 hat sie sich als Medical Writer auf das Thema Cannabis als Medizin spezialisiert und war für Leafly Deutschland tätig.

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