Dystonie und medizinisches Cannabis

dystonie

Die Dystonie ist eine neurologische Bewegungsstörung, die unwillkürliche Kontraktionen der quergestreiften Muskulatur auslöst und zu abnormen Fehlhaltungen einzelner Körperregionen oder repetitiven krampfhaften Bewegungen führen kann. Zu unterscheiden ist zwischen verschiedenen Dystonieformen, wie zum Beispiel:

  • Schiefhals (dauernde Fehlstellung des Halses)
  • Lidkrampf (unkontrolliertes Augenblinzeln)
  • Schreibkrampf (Verkrampfung der Hand)

Bei der Diagnosestellung ist ein eigenständiges Krankheitsbild (idiopathische Dystonie) von einer symptomatischen Dystonie abzugrenzen, die im Rahmen einer anderen Grunderkrankung (z. B. Multiple Sklerose) auftreten kann.

Es wird angenommen, dass etwa 1 % der Weltbevölkerung von einer Dystonie betroffen ist. Dabei sind Frauen häufiger betroffen als Männer. In Deutschland leiden Schätzungen zufolge über 30.000 Menschen an einer Dystonie.

Ursachen einer Dystonie

Die genauen Ursachen der Dystonie sind nicht bekannt. Jedoch weiß man, dass die Erkrankung durch eine Fehlfunktion spezifischer Netzwerkverbindungen des Gehirns hervorgerufen wird. Hier spielt meist eine Störung in den Basalganglien (tiefere Gehirnzentren) eine Rolle.

Darüber hinaus können weitere neurologische Krankheiten oder auch Schädigungen des zentralen Nervensystems eine Dystonie auslösen. Mögliche Auslöser können unter anderem sein:

  • Morbus Parkinson
  • Gehirntumore
  • Enzephalitis (Gehirnentzündung)
  • Morbus Wilson (Kupferspeicherkrankheit)
  • Schlaganfall

Die Langzeiteinnahme von bestimmten Medikamenten, die am zentralen Nervensystem wirken wie Neuroleptika, Antidepressiva, Antikonvulsiva oder Antiallergie-Arzneimittel können eine Dystonie ebenfalls auslösen. In diesem Fall sprechen Mediziner von einer tardiven Dystonie.

Medikamentöse und operative Behandlungsmöglichkeiten

Eine Dystonie kann mit verschiedenen Wirkstoffen behandelt werden. Um die Häufigkeit der Krampfanfälle und die betroffene Muskulatur zu entspannen, kann Botulinumtoxin (Botox) zum Einsatz kommen. Allerdings hält die Wirkung nur wenige Monate an, sodass eine neue Unterspritzung notwendig wird.

Medikamente, die auf das vegetative Nervensystem wirken, sind Anticholinergika. Diese können zwar die Symptome der Dystonie reduzieren, es ist jedoch eine strenge Überwachung des Patienten erforderlich, da die Arzneimittel mit zahlreichen Nebenwirkungen verbunden sein können.

Wenn Patienten nicht auf Botulinumtoxin und Anticholinergika ansprechen, kann die Behandlung mit Antiepileptika, Benzodiazepinen oder L-Dopa versucht werden. Auch ein operativer Eingriff kann in Betracht gezogen werden. Der Chirurg durchtrennt dann die Nervenäste, die den betroffenen Muskel zu Krämpfen anregt (selektive periphere Denervierung). Alternativ kann auch eine tiefe Hirnstimulation eine Therapieoption darstellen, bei der eine stimulierende Sonde direkt in die Basalganglien-Region gelegt wird.

Dystonie: Behandlung mit medizinischem Cannabis

Die Cannabinoide aus der Cannabispflanze wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) binden an die Cannabinoid-Rezeptoren, die sich im gesamten Körper befinden – auch an dem Zellkomplex, der die motorischen Fähigkeiten reguliert. 

Forscher der Universidad Complutense in Madrid führten eine Tierstudie an Mäusen durch, die unter einer Dystonie, bzw. einem erhöhten Umklammerungsverhalten im Rahmen der Huntington-Krankheit litten (1). Nach einer 10-wöchigen Behandlung mit einem Sativex-ähnlichen Präparat (THC und CBD in gleicher Menge) reduzierte sich die Aktivität in den Basalganglien. Infolge dessen nahm das Umklammerungsverhalten deutlich ab und auch die motorischen Fähigkeiten verbesserten sich.

An der Ruhr-Universität Bochum erhielten sieben Patienten mit Dystonien eine Canabinoidbehandlung (2). Die Patienten waren an der Huntington-Krankheit erkrankt und behielten ihre Medikation während der Cannabinoidbehandlung bei. Im Ergebnis zeigte sich, dass sich die motorischen Fähigkeiten und die Dystonien deutlich verbesserten.

Interessant ist zudem eine Übersichtsarbeit des New York Medical College aus dem Jahr 2015 (3). Unter anderem wird hier eine Studie mit fünf Patienten aufgeführt, die CBD erhielten. Zwar besserte sich die Symptomatik, bei einer höheren Dosis verschlimmerten sich diese jedoch. Im Rahmen einer weiteren Studie erhielten 15 Patienten Nabilon (synthetische Form von THC), das sich als nicht wirksam zeigte.

Fazit

Die Studienlage in Bezug auf die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei Dystonien ist widersprüchlich. Bisher ist diese auch nicht systematisch untersucht worden (4). Umso wichtiger ist es, dass Forschungen betrieben werden, um zu verstehen, wie sich die Gabe von Cannabinoiden auf Patienten mit Dystonien auswirken können. Wenn man die bisher vorliegenden Studien betrachtet, scheinen Cannabinoide in einzelnen Fällen wirksam zu sein. Es sind aber weitere Studien notwendig, um das Verständnis ihrer Rolle als Therapieoption bei Dystonien zu verbessern.

 

 

 

(1) Valdeolivas S, Sagredo O, Delgado M, Pozo MA, Fernández-Ruiz J. Effects of a Sativex-Like Combination of Phytocannabinoids on Disease Progression in R6/2 Mice, an Experimental Model of Huntington’s Disease. Int J Mol Sci. 2017 Mar 23;18(4):684. doi: 10.3390/ijms18040684. PMID: 28333097; PMCID: PMC5412270

(2) Saft C, von Hein SM, Lücke T, Thiels C, Peball M, Djamshidian A, Heim B, Seppi K. Cannabinoids for Treatment of Dystonia in Huntington’s Disease. J Huntingtons Dis. 2018;7(2):167-173. doi: 10.3233/JHD-170283. PMID: 29562549

(3) Koppel BS. Cannabis in the Treatment of Dystonia, Dyskinesias, and Tics. Neurotherapeutics. 2015;12(4):788-792. doi:10.1007/s13311-015-0376-4

(4) Mascia MM, Carmagnini D, Defazio G. Cannabinoids and dystonia: an issue yet to be defined. Neurol Sci. 2020 Apr;41(4):783-787. doi: 10.1007/s10072-019-04196-5. Epub 2019 Dec 17. PMID: 31848779

 

 

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About Alexandra

Alexandra Latour verfügt über langjähre Erfahrungen als Autorin im medizinischen Bereich. Ab dem Jahr 2017 hat sie sich als Medical Writer auf das Thema Cannabis als Medizin spezialisiert und war für Leafly Deutschland tätig.

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