Cannabinoide bei Anorexie und Kachexie

Schwere Krankheiten wie Krebserkrankungen, chronische Infektionen oder Autoimmunerkrankungen zehren den Körper aus und lassen ihn häufig abmagern. Fachleute sprechen daher auch von sogenannten konsumierenden Erkrankungen. Medizinisches Cannabis ist für seine appetitsteigernde Wirkung bekannt. Studien zeigen, dass Cannabinoide eine wichtige Option bei der Behandlung von Anorexie und Kachexie bei Krebs- und HIV-Patient*innen sein können.

Kachexie und Anorexie – was ist das?

Kachexie ist ein multifaktorielles Syndrom, das bei verschiedenen chronischen Erkrankungen auftritt und mit starkem Gewichtsverlust einhergeht. Im Gegensatz zu einem Hungerzustand, bei dem hauptsächlich Fettreserven verbrannt werden, verliert der Körper bei einer Kachexie auch lebenswichtiges Muskel- und Organgewebe [3]. Die Patientinnen und Patienten werden immer schwächer. Eine Ernährungsumstellung allein kann diesen Prozess nicht aufhalten. Kachexie reduziert nicht nur die Lebensqualität der schwer Erkrankten. Die Schwächung des Körpers kann die zugrunde liegende Erkrankung sogar verschlimmern sowie die Genesung negativ beeinflussen.

Während bei der Kachexie also eine andere Grunderkrankung vorliegt, ist dies bei der Anorexie keine Voraussetzung. Anorexie ist der medizinische Fachbegriff für Appetitlosigkeit. Anorexia nervosa (Magersucht) bezeichnet eine Appetitlosigkeit aufgrund psychischer Ursachen.

Schwerer Krankheitsverlauf – Folge von Kachexie und Anorexie

Das Anorexie-Kachexie-Syndrom (ACS) tritt besonders häufig bei Krebspatient*innen auf. Abhängig von der Art des Tumors sind 50 bis 80 Prozent der Patientinnen und Patienten betroffen. Kachexie reduziert nicht nur die Lebensqualität, sondern ist für mindestens 20 Prozent der Todesfälle unter Krebspatienten und -patientinnen verantwortlich und reduziert die Wirksamkeit einer Chemotherapie. Das größte Risiko für das Auftreten von Kachexie besteht bei Bauchspeicheldrüsen- und Magentumoren (80%). Aber auch Betroffene mit Lungen- und Prostatakrebs sind zu 40 Prozent betroffen [3].

Die Beschwerden bei einer Tumorkachexie können unterschiedliche Schweregrade haben. Bei einer Präkachexie kommt es zu einer geringen Gewichtsabnahme, die von den Betroffenen oft noch nicht bemerkt wird. Die Symptome können sich zu einem schweren Muskelschwund entwickeln. Durch den Kräfteverfall verlieren Patient*innen zunehmend ihre Selbstständigkeit [6].

Kachexie tritt auch als Begleiterscheinung bei anderen schweren Erkrankungen auf, die mit einer Entzündung einhergehen. Beispiele dafür sind [1]:

  • Krebserkrankungen (Tumorkachexie)
  • Multiple Sklerose
  • HIV-Infektionen (Wasting-Syndrom)
  • Chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen (COPD)
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Tuberkulose
  • Chronische Niereninsuffizienz [4]
  • Rheumatoide Arthritis [4]
  • Diabetische Neuropathie [14]

Kriterien zur Diagnose einer Kachexie

Ärztinnen und Ärzte sprechen von einer Kachexie, wenn andere Ursachen für die starke Gewichtsabnahme ausgeschlossen werden können. Dazu gehören neben Hunger eine verringerte Aufnahme von Nährstoffen aus dem Magen-Darm-Trakt (Malabsorption), Schilddrüsenüberfunktion, altersbedingter Muskelschwund sowie Depressionen [1].

Das Hauptkriterium für eine Kachexie ist ein starker, ungewollter Gewichtsverlust über eine kurze Zeit. Dies wird definiert als Verlust von über 5 Prozent des Körpergewichts innerhalb von weniger als 3 Monaten.

Zusätzlich liegen mindestens 3 der folgenden Kriterien vor:

  • Verringerte Muskelkraft
  • Erniedrigter Fettfreie-Masse-Index (FFMI): Der FFMI ist ein Maß dafür, wie stark die Muskulatur im Körper ausgeprägt ist.
  • Fatigue (sehr starke Erschöpfung)
  • Anorexie (Appetitverlust)
  • Müdigkeit
  • Veränderungen des Blutbilds: erhöhte Entzündungswerte, Blutarmut, erniedrigte Eiweißwerte [1]

Wie kommt es zu Kachexie und Anorexie?

Bei der Kachexie führen entzündliche Prozesse zu Störungen in der Energieversorgung des Körpers. Die Nahrungsaufnahme ist meist reduziert, der Energieverbrauch in Ruhe (Grundumsatz) dagegen erhöht. Daraus resultiert eine negative Energiebilanz, bei der mehr Energie verbraucht als zugeführt wird – mit dem Ergebnis, das die Patientinnen und Patienten abnehmen.

Einige Ursachen der Tumorkachexie:

  • Energieverbrauch des Tumors: Tumorzellen wachsen unkontrolliert und benötigen dazu große Mengen an Traubenzucker (Glucose) und Aminosäuren.
  • Aktivierung ineffizienter Stoffwechselwege (Cori-Zyklus): In der Leber wird der aus Laktat gebildete Traubenzucker in der Tumorzelle wieder zu Laktat verstoffwechselt.
  • Muskelabbau: Der vermehrte Proteinabbau führt zu Muskelschwund.
  • Einfluss auf das zentrale Nervensystem: Durch Störung des Hormonsystems verlieren die Patient*innen ihren Appetit. Außerdem schmecken und riechen die Betroffenen schlechter.
  • Insulinresistenz: Die Körperzellen reagieren weniger empfindlich auf das Hormon Insulin. Die Zellen können daher weniger Glucose aufnehmen. Traubenzucker ist jedoch ein wichtiger Baustoff zum Aufbau von Proteinen und Fettreserven.
  • Umwandlung von weißem in braunes Fettgewebe: Während weiße Fettzellen als Energiespeicher dienen, ist braunes Fettgewebe für die Wärmeproduktion zuständig. Dadurch wird unnötig Energie verbraucht. [3] [4]

Wie eine Kachexie bei HIV-Infizierten entsteht, ist weniger gut erforscht. Eine Untersuchung in einem Tiermodell zeigte, dass CD8+ T-Zellen dabei eine wichtige Rolle spielen. Diese Immunzellen töten normalerweise infizierte Zellen ab, verändern jedoch auch das Fettgewebe. Dadurch bauen sich die Fettreserven ab. Zukünftige Forschungen sollen den Zusammenhang zwischen Krebs, Infektionen und Kachexie weiter entschlüsseln, um neue Therapiemethoden zu entdecken [5].

Therapie von Kachexie und Anorexie

Wegen der vielen auslösenden Faktoren reichen Ernährungsmaßnahmen oder Medikamente alleine nicht aus, um eine Kachexie zu behandeln. Die Therapie setzt sich daher aus vielen verschiedenen Maßnahmen zusammen [6] [7].

  • Ernährung: Viele Betroffene mit Kachexie essen zu wenig, um ihr Gewicht zu halten. In einer individuellen Ernährungsberatung erfahren Betroffene, welche kalorienreichen Speisen und Nahrungsergänzungen in den Speiseplan integriert werden können. Außerdem sollte auf eine ausreichende Proteinzufuhr geachtet werden, um Muskulatur aufzubauen.
  • Medikamente: Viele Krebspatient*innen haben durch den Tumor und die Krebstherapie mit unangenehmen Beschwerden zu kämpfen, die das Essen erschweren: frühes Sättigungsgefühl, Übelkeit, Entzündungen der Mundschleimhaut, Störungen der Geruchs-/ Geschmackswahrnehmung, Verstopfung, Schmerzen, Schluckstörungen, Fatigue und Depressionen. Werden diese äußerst belastenden Beschwerden gelindert, fällt es vielen Betroffenen leichter, das Essen wieder zu genießen. Corticosteroide wie Dexamethason, die Progesterone Megestrolacetat und Medroxyprogesteronacetat sowie Cannabinoide steigern den Appetit und die Lebensqualität der schwerkranken Personen.
  • Psychosoziale Unterstützung: Psychologische Gespräche können die Patienten und Patientinnen dabei unterstützen, ihre Essensgewohnheiten wieder selbst in die Hand zu nehmen. Auch Freunde und Familie, die sich oft große Sorgen machen, können so aufgeklärt werden. Es kann für Erkrankte hilfreich sein, Essen nicht mehr als Vergnügen, sondern als Notwendigkeit zu sehen, um ihre Krebstherapie aktiv zu unterstützen und so zum Genesungsprozess beizutragen.
  • Ausdauer- und Krafttraining: Mit Sport und einer proteinreichen Ernährung können die Betroffenen wieder Muskelmasse aufbauen und ihr Herz-Kreislauf-System trainieren. Dadurch können Fatigue und Kachexie deutlich gebessert werden.

Cannabinoide zur Appetitsteigerung

Das Endocannabinoid-System (ECS) steuert Nahrungsaufnahme, Stoffwechsel und Energiehaushalt des Körpers. Ziel ist es, einen ausgeglichenen Energiehaushalt herzustellen, also eine perfekte sogenannte Energiehomöostase. Tetrahydrocannabinol (THC), der psychotrope Wirkstoff der Cannabispflanze, aktiviert CB1-Rezeptoren. Diese werden nicht nur im Gehirn, sondern auch in Organen wie Magen-Darm-Trakt, Leber, Fettgewebe, Muskulatur und Bauchspeicheldrüse ausgebildet. Der CB2-Rezeptor befindet sich dagegen hauptsächlich auf Immunzellen und wird durch Cannabidiol (CBD) stimuliert [8] [10].

Für die appetitsteigernde Wirkung ist THC verantwortlich. Der Wirkstoff aktiviert das körpereigene Belohnungssystem. Das fördert den Wohlfühlfaktor beim Essen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben 2015 entdeckt, dass sogenannte Proopiomelanocortin-Nervenzellen (POMC-Zellen) dieses Glücksgefühl auslösen. Normalerweise bilden diese Zellen nach einem guten Essen ein Sättigungshormon (Alpha-Melanozythen-stimulierendes Hormon), wodurch der Hunger abnimmt. In Gegenwart von THC produzieren diese Zellen jedoch Endorphine, welche die Lust auf Essen steigern, selbst wenn die betreffende Person satt ist [9].

Durch Bindung an periphere CB1-Rezeptoren im Magen wird außerdem ein Hungerhormon (Ghrelin) gebildet. Dadurch steigt die Lust auf besonders wohlschmeckende, fettige oder süße Speisen. Über Cannabinoidrezeptoren auf dem Fettgewebe wird außerdem die Reifung der Fettzellen gefördert [8] [10].

Dronabinol: 38 Prozent der AIDS-Patient*innen berichten über Appetitsteigerung

Dronabinol, die synthetische Form von THC, ist in den USA zur Behandlung von Anorexie und Kachexie bei HIV- bzw. AIDS-Patienten zugelassen. In einer Studie aus dem Jahr 1995 wurde die Wirkung auf Appetit und Körpergewicht an 139 Patient*innen mit Kachexie aufgrund von AIDS untersucht, von denen 88 Datensätze ausgewertet wurden. Die Teilnehmenden nahmen Dronabinol oder ein Placebo ein.

Die Ergebnisse zeigen, dass 38 Prozent der Betroffenen eine wesentliche Appetitsteigerung verspürten, im Vergleich zu 8 Prozent, die ein Scheinmedikament einnahmen. Bei 10 Prozent in der Dronabinol-Gruppe verbesserte sich auch die Stimmung. 20 Prozent berichteten über eine reduzierte Übelkeit. Bei den Teilnehmenden, die ein Placebo nahmen, verschlechterte sich die Stimmung und die Übelkeit besserte sich nur leicht. Das Körpergewicht der Dronabinol-Patient*innen blieb unverändert, während die Personen der Placebo-Gruppe durchschnittlich 0,4 Kilogramm abgenommen. Es traten unter der Einnahme von Dronabinol leichte bis mittelschwere Nebenwirkungen auf, zu denen Euphorie, Schwindel sowie ungesunde Gedanken gehörten.

Das Forscherteam kam zum Schluss, dass Dronabinol eine sichere und effektive Option für AIDS-Patient*innen ist, die durch Appetitlosigkeit massiv an Gewicht verloren haben [11].

Auf dem deutschen Markt gibt es bislang keine zugelassenen Dronabinol-Fertigarzneimittel. Ärztinnen und Ärzte können jedoch Dronabinol-haltige Rezepturarzneimittel verordnen [2].

Evidenzlage von Dronabinol zur Gewichtszunahme bei HIV-infizierten Personen


Ein Forscherteam analysierte in Jahre 2015 in einer Metaanalyse 79 randomisierte kontrollierte Studien zum Einsatz von cannabisbasierten Medikamenten zur Appetitsteigerung bei HIV- bzw. Aids-Erkranken und anderen Erkrankungen. Vier dieser zwischen 1993 und 2003 durchgeführte Studien beschäftigten sich mit dem Einsatz von Dronabinol zur Appetitsimulation. Insgesamt nahmen 255 Patient*innen teil. In drei der Untersuchungen verglichen die Forscherinnen und Forscher die Wirkung mit einem Placebo. Eine Studie verglich den Effekt mit Megastrol.

Das Forscherteam stellte fest, dass Dronabinol und medizinische Cannabisblüten verglichen mit einem Scheinmedikament zur Gewichtszunahme der HIV-Patienten und -Patientinnen führte. Schwächer war die Studienlage bei der Appetitsteigerung, Erhöhung des Körperfettanteils, Reduktion von Übelkeit und Verbesserung des Funktionszustands. In der Untersuchung, die Dronabinol mit Megastrol verglich, war THC jedoch weniger wirksam. Es zeigte sich auch, dass eine Kombinationsbehandlung von Dronabinol mit Megastrol nicht zu einer stärkeren Gewichtszunahme führte.

Das wissenschaftliche Team stellte fest, dass die Studienlage zum Einsatz von medizinischem Cannabis zur Appetitsimulation bei HIV-Infizierten derzeit dünn ist. Einschränkend kommt hinzu, dass die analysierten Studien ein hohes Risiko für systematische Fehler aufwiesen, die das Ergebnis verzerrt haben könnten [12].

10 von 11 Krebspatient*innen berichten über deutlichen Appetitanstieg

In einer Pilotstudie aus dem Jahr 2019 wurde die Wirkung von THC/CBD-Kapseln auf den Appetit an 17 Krebspatienten und Krebspatientinnen mit Kachexie und Anorexie untersucht. Im Laufe der Studie brachen sechs der Betroffenen die Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen oder eines Fortschreitens der Krebserkrankung ab. Insgesamt schlossen 11 Personen die Studie ab. Einen Behandlungserfolg definierten die Wissenschaftler*innen als eine Gewichtszunahme um mindestens 10 Prozent des Startgewichts.
 
 Alle fünf (also 100 Prozent) Personen, die 4,5 Monate behandelt wurden, berichteten von einer Appetitsteigerung. Vier Personen nahmen ab, da sich ihr Krebsleiden verschlimmerte und eine Anpassung der Tumortherapie – verbunden mit Nebenwirkungen aufgrund der Chemotherapie – erforderlich machte. Bei der übrigen Person blieb das Gewicht stabil.

Die restlichen sechs Teilnehmenden nahmen die THC/CBD-Kapseln über 6 Monate ein. Von diesen Krebspatient*innen erreichten drei das vom Forscherteam definierte Therapieziel, also eine Gewichtszunahme um mindestens 10 Prozent ihres Anfangsgewichts. Bei einer Person wurde sogar eine Gewichtszunahme um 21,6 Prozent beobachtet. Eine weitere Person nahm nur leicht zu, während bei zwei Patient*innen das Körpergewicht unverändert blieb. Subjektiv berichteten jedoch fünf (83,3 Prozent) der sechs Betroffenen von einer Appetitsteigerung. Bei der Hälfte (50 Prozent) dieser sechs Personen konnten zusätzlich Schmerzen reduziert und der Schlaf verbessert werden. Außerdem reduzierten sich bei vier der sechs Patient*innen die Blutwerte des Entzündungsmarkers TNF-alpha. An unerwünschte Nebenwirkungen wurde über Schwindel und Angstzustände berichtet.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kamen zum Ergebnis, dass die Aussagekraft der Studie aufgrund der vielen Therapieabbrüche begrenzt ist. Bei 3 der 11 Patient*innen konnte jedoch mit einer Gewichtszunahme um durchschnittlich 17,6 Prozent ein guter Erfolg erzielt werden. Daher soll in Zukunft eine größere Studie mit Cannabinoid-Kapseln durchgeführt werden [13].

Kachexiepatient: 10 kg mehr nach 4-monatiger Cannabistherapie

In einem Fallbericht aus dem Jahr 2020 besserte Medizinalcannabis die Kachexie infolge einer diabetischen Neuropathie bei einem ehemaligen Heroinabhängigen. Zu den häufigsten Beschwerden einer diabetisch neuropathischen Kachexie gehören Gewichtsverlust, Muskelschwund, Appetitverlust und eine depressive Verstimmung.

Zehn Jahre nach erfolgreicher Beendigung des Heroinkonsums stellte sich der 62-jährige Patient aufgrund chronischer Schmerzen und starkem Muskelschwund vor, um eine Cannabistherapie zu beginnen. Die antineuropathischen Medikamente Pregabalin und Duloxetin waren nicht ausreichend wirksam. Das opioidhaltige Schmerzmittel Tramadol verursachte starken Schwindel. Der Patient gab eine Schmerzstärke von 6 bis 7 auf einer visuellen Analog-Skala (VAS) von 1 bis 10 an. Im vergangenen Jahr magerte der Betroffene von 84 kg auf 59 kg ab.

Nach einer umfassenden ärztlichen Untersuchung wurde eine Cannabinoid-Therapie mit einem THC- und CBD-haltigen Cannabisextrakt eingeleitet. Vier Monate nach Beginn der Behandlung berichtete der Patient über eine Appetitbesserung und brachte 10 kg mehr auf die Waage. Die Schmerzen sind auf eine VAS von 2 gefallen. Außerdem haben sich Nachtschlaf, Beinschwäche und Stimmung gebessert. Die positiven Effekte wurden durch eine Steigerung der Insulindosis untermauert. Beim Aufbau von Muskelmasse benötigt der Körper vermehrt Insulin, um Glucose in die Zellen aufzunehmen. Fragen bezüglich des Missbrauchspotenzials verneinte der Patient. Er kommt mit einem Fläschchen des Cannabisöls den ganzen Monat aus. Der Betroffene selbst beschrieb den Therapieerfolg von THC als hätte er „einen Schatz“ entdeckt. Sein Selbstvertrauen kehrte zurück [14].

Fazit

Appetitlosigkeit und Auszehrung ist ein großes Problem bei schwer kranken Patientinnen und Patientin. Da der geschwächte Körper nicht mehr so gut gegen die Erkrankung ankämpfen kann, sollte möglichst früh behandelt werden, um den Muskelschwund zu stoppen oder zu verlangsamen. Da auch Fachleute noch nicht komplett verstanden haben, was bei einer Kachexie im Körper passiert, sollten die komplexen entzündlichen Abläufe weiter erforscht werden. So können Wissenschaftler*innen neue Therapieansätze entwickeln. Aktuelle Studien zeigen, dass Tetrahydrocannabinol eine gute Option sein kann. Mit THC kann Betroffenen mit Krebs oder einer HIV-Infektion zu mehr Appetit und Lebensqualität verholfen werden. Da die Studienlage bisher dünn ist, sind größere Studien nötig, um weiter die Rolle des ECS beim Energiestoffwechsel zu untersuchen.

Quellen:

[1]        Aktuelle Ernährungsmedizin 2013; 38(02): 97-111 DOI: 10.1055/s-0032-1332980 DGEM-Leitlinie Klinische Ernährung, Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

[2]        https://www.deutschesapothekenportal.de/rezept-retax/dap-retax-                                       arbeitshilfen/rezeptur/sonder-pzn/

[3]        Argilés, J., Busquets, S., Stemmler, B. et al. Cancer cachexia: understanding the molecular         basis. Nat Rev Cancer 14, 754–762 (2014), doi.org/10.1038/nrc3829

[4]        John E Morley, David R Thomas, Margaret-Mary G Wilson, Cachexia: pathophysiology and        clinical relevance, The American Journal of Clinical Nutrition, Volume 83, Issue 4, April 2006,          Pages 735–743, doi.org/10.1093/ajcn/83.4.735

[5]        Baazim, H., Schweiger, M., Moschinger, M. et al. CD8A+ T cells induce cachexia                                    during chronic viral infection. Nat Immunol 20, 701–710 (2019).                                                          https://doi.org/10.1038/s41590-019-0397-y

[6]        Del Fabbro E. Combination therapy in cachexia. Ann Palliat Med 2019;8(1):59-66. doi:              10.21037/apm.2018.08.05

[7]      Supportive Therapie: Ernährung und Sport bei onkologischen Patienten Dtsch Arztebl 2019; 116(23-24): [16]; DOI: 10.3238/PersOnko.2019.06.10.04 Zopf,                   Yurdagül; Herrmann, Hans Joachim; Neurath, Markus F.; Reljic, Dejan

[8]        Simon V, Cota D. MECHANISMS IN ENDOCRINOLOGY: Endocannabinoids and metabolism:        past, present and future. Eur J Endocrinol. 2017 Jun;176(6):R309-R324. doi: 10.1530/EJE-         16-1044. Epub 2017 Feb 28. PMID: 28246151.

[9]        Koch M, Varela L, Kim JG, Kim JD, Hernández-Nuño F, Simonds SE, Castorena CM,                     Vianna CR, Elmquist JK, Morozov YM, Rakic P, Bechmann I, Cowley MA, Szigeti-Buck K,                       Dietrich MO, Gao XB, Diano S, Horvath TL. Hypothalamic POMC neurons promote                     cannabinoid-induced feeding. Nature. 2015 Mar 5;519(7541):45-50. doi:                                  10.1038/nature14260. Epub 2015 Feb 18. PMID: 25707796; PMCID: PMC4496586.

[10]      Farokhnia, M., McDiarmid, G.R., Newmeyer, M.N. et al. Effects of oral, smoked, and                 vaporized cannabis on endocrine pathways related to appetite and metabolism: a                  randomized, double-blind, placebo-controlled, human laboratory study. Transl Psychiatry         10, 71 (2020).

[11]      Beal JE, Olson R, Laubenstein L, Morales JO, Bellman P, Yangco B, Lefkowitz L, Plasse TF,                       Shepard KV. Dronabinol as a treatment for anorexia associated with weight loss in patients            with AIDS. J Pain Symptom Manage. 1995 Feb;10(2):89-97. doi:                                                            10.1016/0885-3924(94)00117-4. PMID: 7730690.

[12]      Whiting PF, Wolff RF, Deshpande S, et al. Cannabinoids for Medical Use: A Systematic              Review and Meta-analysis. JAMA. 2015;313(24):2456–2473. doi:10.1001/jama.2015.6358

[13]     Bar-Sela G, Zalman D, Semenysty V, Ballan E. The Effects of Dosage-Controlled Cannabis                       Capsules on Cancer-Related Cachexia and Anorexia Syndrome in Advanced Cancer Patients:         Pilot Study. Integr Cancer Ther. 2019 Jan-Dec; 18:1534735419881498. doi:                               10.1177/1534735419881498. PMID: 31595793; PMCID: PMC6785913.

[14]      Naccache, Deeb Daoud. “Cannabis alleviates neuropathic pain and reverses weight loss in diabetic neuropathic cachexia in a previous heroin abuser.” Endocrinology, diabetes & metabolism case reports, vol. 2020 20-0108. 14 Oct. 2020, doi:10.1530/EDM-20-0108

About Minyi

Minyi Lü leidet an chronischen Schmerzen aufgrund ihrer Fingerarthrose. Ihre Beschwerden behandelt sie seit 2017 sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis. Als PTA und Pharmaziestudentin bringt sie nun ihr Know-how ein, um über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um Medizinalcannabis zu berichten.