Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) führt zu erheblichen Belastungen bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen, ihren Familien wie auch ihrem sozialen Umfeld. Die Störung bleibt nicht selten bis ins Erwachsenenalter bestehen. Viele erwachsene ADHS-Patienten berichten davon, dass eine Cannabis-Therapie ihnen hilft, sich besser in den Alltag einzufinden, da sie durch die Behandlung konzentrierter, ruhiger und fokussierter sind. Die Forschung zum Thema Cannabis und ADHS / ADS steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Bisher liegen nur sehr wenige und kleine Studien vor, die vorsichtig optimistisch stimmen.

Was ist ADHS / ADS?

ADHS ist die Abkürzung für das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom. Die Erkrankung zählt zu den hyperkinetischen Störungen. ADHS gehört zu den in Deutschland häufigsten kinderpsychiatrischen Störungen und Ärzte stellen die Diagnose bei Jungen öfter als bei Mädchen. Außerdem nimmt die Häufigkeit von ADHS-Betroffenen mit sinkendem sozialen Status zu. [1]

Um die Diagnose ADHS – früher auch hyperkinetisches Syndrom genannt – zu stellen, müssen die Symptome zum ersten Mal vor dem 7. Lebensjahr auftreten und über mindestens sechs Monate anhalten. Darüber hinaus müssen sie in unterschiedlichen Situationen beobachtet werden, wie zu Hause und in der Schule.

ADHS-Kinder sind unaufmerksam und führen einmal begonnene Tätigkeiten nicht zu Ende. Sie hören nicht zu, sind impulsiv und machen Flüchtigkeitsfehler. Die Betroffenen neigen zur Unruhe und können schlecht still sitzen. Sie reden viel und unkontrolliert, ohne dabei auf andere Rücksicht zu nehmen. Hinzu kommt das Symptom der geringen Frustrationstoleranz.

ADHS-Symptome

  • Unaufmerksamkeit
    • Ablenkbarkeit
    • Neigung, begonnene Tätigkeiten nicht zu Ende zu führen
    • Tagträumerei
    • Vergesslichkeit
  • Hyperaktivität
    • Unruhe
    • Bewegungsdrang
    • Ungeschicklichkeit
    • starker Rededrang
  • Impulsives Verhalten
    • Unfähigkeit, zurückhaltend zu agieren
    • vorschnelles, unüberlegtes Handeln
    • unangemessene soziale Reaktionen, wie Schreien
  • Weitere Auffälligkeiten
    • Aggressivität
    • Distanzlosigkeit

ADS steht für das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Die Betroffenen sind ebenfalls unaufmerksam und lassen sich schnell ablenken, leiden aber nicht an der hyperaktiven  Verhaltensauffälligkeit. Verträumte ADS-Kinder werden im Volksmund oft als „Hans-guck-in-die-Luft“ bezeichnet. Einen grundsätzlichen Unterschied zwischen ADHS und ADS gibt es nicht. Da die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht hyperaktiv sind, fällt ihre Störung nicht so schnell auf.

Ursachen von ADHS

Die Ursachen der Hyperaktivitätsstörung sind bisher nicht vollständig geklärt. Es gibt aber eine genetische Komponente der Erkrankung – und so tritt die Störung in manchen Familien gehäuft auf. Andere Faktoren können die Entstehung der Krankheit begünstigen, wie gestörte familiäre Strukturen (Eltern-Kind-Beziehung) und traumatische Erlebnisse.

Mediziner machen vor allem eine Signalstörung im Gehirn für die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung verantwortlich. Die Frontallappen sind bei ADHS-Patienten weniger aktiv. Daher ist die Informationsverarbeitung zwischen den unterschiedlichen Gehirnregionen beeinträchtigt. Verantwortlich sind die Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, die nicht ausreichend vorhanden sind.

Als eine Konsequenz filtert das Gehirn von hyperaktiven Kindern und Jugendlichen die einströmenden Informationen nicht ausreichend. Dadurch ist das Gehirn überfordert und die Betroffenen können sich schlecht konzentrieren und sind unruhig.

Begleitende Erkrankungen und Störungen

Neben den typischen Symptomen der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung treten häufig weitere Beeinträchtigungen auf. Dies können Teilleistungsstörungen sein, wie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Nicht selten sind andere psychische Erkrankungen, beispielsweise Depressionen. Beeinträchtigungen im sozialen Verhalten sind ebenfalls typisch, wie auch emotionale Probleme und Angststörungen, vor allem im erwachsenen Alter.

Erwachsene und ADHS

Bei geschätzten 30 bis 50 Prozent der Betroffenen bleibt ADHS bis ins Erwachsenenalter bestehen [1]. Allerdings verändern sich die typischen ADHS-Symptome mit dem Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Meist lässt bei diesen Patienten die motorische Unruhe nach. Das Gefühl der inneren Unruhe ist aber ausgeprägt und die Aufmerksamkeitsdefizite rücken in den Vordergrund. Da die Hyperaktivität abnimmt, fällt die Erkrankung weniger auf und so haben Mediziner lange Zeit geglaubt, dass ADHS im Erwachsenenalter nicht existiert.

Die Diagnose orientiert sich an folgenden Symptomen:

  • Aufmerksamkeitsstörung (Unaufmerksamkeit bei Gesprächen, erhöhte Ablenkbarkeit)
  • Motorische Hyperaktivität geht in eine innere Unruhe und sprunghaftes Verhalten über
  • Emotionale Labilität, gehäuft deprimierte Stimmung
  • Desorganisiertes Verhalten (Aufgaben werden begonnen, aber nicht vollendet)
  • Impulsivität, emotionales Überreagieren, geringe Frustrationsschwelle

Therapie der ADHS

Stellt ein Arzt die Diagnose ADHS / ADS, erfolgt eine sogenannte multimodale Therapie, die sich aus unterschiedlichen Bestandteilen zusammensetzt. Dazu können eine Verhaltenstherapie, das Elterntraining und heilpädagogische Maßnahmen gehören.

Bei einer medikamentösen Behandlung kommt meist Methylphenidat (Ritalin, Concerta) zum Einsatz. Amphetamine wie Methylphenidat sind Betäubungsmittel. Sie sollen die geistige Leistungsfähigkeit steigern, indem sie die Konzentration und das Kurzzeitgedächtnis verbessern. Außerdem können sie aggressives Verhalten verbessern und die Stimmung aufhellen.

Cannabis und ADHS

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum medizinischen Einsatz von Cannabis bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung gibt es bisher nicht sehr viele. Die Forschung steckt hier noch in den Kinderschuhen – was generell auf den Bereich Cannabis in der Psychiatrie zutrifft.

Das belegt auch eine Überblicksarbeit aus dem Jahr 2019 zu dem Thema [2]. Diese analysiert die Daten aus allen Fallstudien und klinischen Studien mit medizinischem Cannabis für alle wichtigen psychiatrischen Störungen. ADHS gehört dazu. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass es wenige positive Hinweise zur Wirkung von Cannabis als Medizin bei ADHS gäbe. Aufgrund der fehlenden Evidenz sei es verfrüht, eine Cannabinoid-Therapie bei dieser Störung zu empfehlen.

Diese Ergebnisse werden durch eine andere aktuelle Meta-Studie aus dem Jahr 2020 zum Thema Cannabinoide zur Behandlung von psychischen Störungen bestätigt. Auch diese Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass es “nur wenige Hinweise” darauf gibt, dass Cannabis als Medizin ADHS-Symptome verbessert [3].

Wirksamkeit von Cannabis bei ADHS

Die Berichte von ADHS-Patienten zeigen, dass betroffene Erwachsene nicht selten Cannabis zur Selbstmedikation nutzen und damit gute Erfahrungen für sich gemacht haben. Eine 2017 durchgeführte Studie am King’s College in London veranschaulicht, dass es notwendig ist, die Zusammenhänge zwischen ADHS und der Symptomverbesserung durch Cannabis weiter zu erforschen [4].

An der randomisierten, placebokontrollierten Pilotstudie nahmen 30 erwachsene ADHS-Patienten teil. Diese erhielten entweder das Mundspray Sativex (Wirkstoffe: THC und CBD) oder ein Placebo für sechs Wochen. Die mit dem Cannabis-Medikament behandelten Teilnehmer berichteten über eine deutliche Verbesserung der Hyperaktivität und Impulsivität ohne Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten. Generell wurde das Cannabis-Medikament gut vertragen, es gab allerdings einen Fall von schweren Nebenwirkungen mit muskulären Anfällen und Krämpfen.

Diese Studie liefert laut der Wissenschaftler “vorläufige Beweise, die die Theorie der Selbstmedikation des Cannabis-Konsums bei ADHS und den Bedarf weiterer Studien des Endocannabinoid-Systems bei ADHS unterstützen” [4]. Für die Forschung ist die vorliegende Untersuchung jedoch nur ein kleiner Hinweis darauf, dass medizinisches Cannabis in der Behandlung von ADHS hilfreich sein könnte, da die Teilnehmerzahl niedrig war.

Dr. Franjo Grotenhermen und Dr. Eva Milz haben 2015 eine Untersuchung mit 30 erwachsenen Patienten mit therapieresistentem ADHS vorgestellt. Alle Teilnehmer verfügten über eine damals notwendige Ausnahmegenehmigung zur Verwendung von medizinischem Cannabis in Form von Cannabisblüten, Cannabisextrakt oder Dronabinol. Bei allen Patienten konnte nach einer Cannabis-Therapie eine Verbesserungen des Gesamtzustandes festgestellt werden. Insbesondere Symptome wie Schlafstörungen, Impulsivität sowie Konzentrationsschwierigkeiten verbesserten sich.

Fazit: Ist Cannabis bei ADHS hilfreich?

Wer die Studienlage zum medizinischen Einsatz von Cannabis beim Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom untersucht, findet ein paar wenige ermutigende Ergebnisse. Medizinisch betrachtet sind die Beweise jedoch nur gering. Demgegenüber stehen diverse Fallberichte von Patienten, behandelnden Ärzten und Kliniken, die berichten, dass Cannabis die Konzentrationsfähigkeit bei ADHS verbessert. Darüber hinaus hat es positive Effekte auf Probleme wie Schlaflosigkeit, Depression und impulsives Verhalten.

Cannabis scheint sich bei Personen mit ADHS anders auszuwirken als bei Menschen, die nicht von der Störung betroffen sind. Die genauen Zusammenhänge, wie Cannabinoide auf das Endocannabinoid-System von ADHS-Patienten wirken, werden in der Zukunft hoffentlich weiter erforscht.

 

[1] Robert Koch Institut, KIGGS Basiserhebung.

[2] Sarris, J., Sinclair, J., Karamacoska, D. et al. Medicinal cannabis for psychiatric disorders: a clinically-focused systematic review. BMC Psychiatry 20, 24 (2020). https://doi.org/10.1186/s12888-019-2409-8

[3] Black N, Stockings E, Campbell G, et al. Cannabinoids for the treatment of mental disorders and symptoms of mental disorders: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry 2019;6(12):995-1010. doi:10.1016/S2215-0366(19)30401-8

[4] Cooper R.E., Williams E., Seegobin S., Tye C., Kuntsi J., Asherson P.: Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: a randomised-controlled trial. Eur Neuropsychopharmacol 2017;27(8):795–808.

[5] Cannabinoid Conference 2015